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Hochedelgeborner Herr, 122,11
Hochzuverehrender Herr,

Ich wage es Ew. Hochedelgeboren dieses starke Pak Satiren zur
Prüfung und wenn sie diese beständen, zum Verlage zu überschikken.
Zwar sind Ihnen wahrscheinlich die von H. Voß verlegten grön- 122,15
ländischen Prozesse nicht bekant; allein wären sie es auch, so darf ich
gleichwol hoffen, daß Sie nicht aus Unzufriedenheit mit ihnen die
Prüfung den iüngern Produkten abschlagen, die doch auf den Schultern
der ältern stehen.

Es fehlet diesem Manuskripte noch die unabgeschriebne Vorrede, 122,20
welche H. Kranz verfertigt, um darin zu beweisen, daß er der D. Swift
ist, und die Ursachen anzugeben, warum er seine Satiren in Deutsch-
land anders schreibt als sonst in England, und endlich, um sich und mich
darin mit Lobsprüchen zu überhäufen. Auch mangelt noch eine Satire
auf das Schweizerisch Blumenreiche in der Theologie; und zulezt die 122,25
Abhandlung, welche einige Gründe für die Götlichkeit der Fürsten bei
zubringen wagt, wiewol mit der Einschränkung, daß sie dieselben nur
in die Klasse der Götter, welche die Manichäer glaubten, nämlich der
bösen aufnimt. Den Beschlus vergas ich, der Anmerkungen über
Ironie und Wiz enthält. Übrigens würd’ ich der Stärke dieses Buchs, 122,30
wenn sie Ihnen anstössig wäre, abzuhelfen bereit sein. Ich seze zu allem
diesem nichts hinzu als daß Sie mit Ihrer Antwort den Hofnungen
eines minderiärigen Jünglings das Urtheil sprechen, den mit ieder An
schmiegung das Glük schon auf die Seite gestossen hat und der ein Spiel
des Widerspruchs seiner Bestimmung mit seinem Schiksal ist. — Den 123,1
Lohn meiner litterarischen Übungen wird Ihr Geschmak, Ihre Un
eigennüzigkeit und Ihre Rüksicht auf den vorigen Perioden bestimmen.

Sie haben die Güte, das Manuskript oder eine günstigere Antwort
unter folgender Addresse an mich zu schikken: An Hern von Örthel in 123,5
Flier’s Hause in der Petersstrasse. Ich bin mit gröster Hochachtung

Leipzig, den 19. Jun. 1784
Ew. Hochedelgeboren gehorsamster Diener J. P. F. Richter



H: SBB, Nachlass Nicolai. 2 S. 4°. Präsentat: 1784. 24 [aus 23] Jun. J. P. F. Richter in Leipzig. 26ten b[eantw.]. K 1 (Konzeptanfang) ohne Überschrift. K 2: 6. Den 19. Jun. An Nikolai in Berlin. i: Wahrheit 3,286. J: Hesperus (Blätter der Jean-Paul-Gesellschaft), Nr. 2, Okt. 1951, S. 28 (mitgeteilt von Kurt Schreinert). 122 , 15 Zwar bis 19 stehen.] Vielleicht sind Ihnen die Proz. unbekant, welche Sie vielleicht von der Prüfung dieser ab halten könte[n]. K 1 15 warscheinlich K 2 21 Swift] aus Schwift K 2 (vgl. 212 , 3 †) 33 sprechen] nachtr. H mit] bei K 2 34 hat] fehlt K 2
122 , 20–24 Diese Vorrede hat sich nicht erhalten, wurde aber für die im Oktober 1784 in Archenholz’ Zeitschrift „Litteratur und Völkerkunde“ er schienenen „Zerstreuten Betrachtungen über das dichterische Sinken“ verwertet; vgl. auch die Vorrede zur Auswahl aus des Teufels Papieren, wo der Autor sich selber als den eigentlichen Verfasser von Swifts Satiren ausgibt (I. Abt., I, 226). Über Cranz s. zu Nr. 13. 24–30 Mit der Satire auf das Schweizerische Blumenreiche in der Theologie ist jeden falls die II. Abt., II, 148—170 abgedruckte „Beantwortung der Preisauf gabe“ gemeint; die Satire auf die Göttlichkeit der Fürsten s. ebenda, S. 231—234, den Beschluß ebenda S. 190—195. — Der Brief blieb natürlich erfolglos.

Textgrundlage:

74. An Friedrich Nicolai in Berlin. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 122-123 (Brieftext); 452 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Christoph Friedrich Nicolai (Nikolai). Leipzig, 19. Juni 1784. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_74 >


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