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123,10
Liebe Mama!

Ich schreibe sogleich, damit Sie mir nicht vorwerfen, ich habe mich
geändert. Allein ich bin noch immer der nämliche; aber wenn ich
nichts zu schreiben habe, was sol ich Ihnen denn da einen Brief
schikken. Sie aber haben sich geändert: denn Sie schreiben ungefähr 123,15
alle halbe Jahre einmal; doch mannichmal sind Sie fleissiger und
schikken mir auch schon in einem Vierteliahre einen. Überdies bin ich
iezt in verdrüslichen Umständen: denn ich habe kein Geld; doch habe
ich dafür nicht wenige Schulden und gebe mir täglich Mühe, die alten
mit neuen zu vermehren. Doch hoff’ ich bald Geld zu bekommen; und 123,20
ich kan darauf um desto eher rechnen, weil es mir neulich wirklich
geträumt hat, daß ich in kurzem der reichste Mensch auf Gotteserd
boden werden solle. Geben Sie mir — ich habe Ihnen schon einmal
darum gebeten — doch Nachricht, wie, wo, bei wem und wie gros Ihr
neues Logis ist. Wenn ich nun einmal wieder, wie gewöhnlich, gefahren 123,25
käme, wo solte ich denn in Ihrem Hause Plaz nehmen? Benachrichtigen
Sie mich also, ob ich mir versprechen dürfe, ein bequemes Loch zu
finden, in das ich bei meiner Ankunft kriechen könte. — Vom Verkaufe
Ihres Hauses haben Sie mir auch blutwenig geschrieben und ich habe
überdies alles schon wieder vergessen; schreiben Sie daher alles noch 123,30
einmal. — Mein Buch in Helmbrechts ist nur ein geschriebenes aus
andern Büchern und ich frage also wenig darnach. Ich schenke es also
der Mademoiselle von Herzen gerne und mus es wol, da ich mich (Sie
werden in Hof unfehlbar schon davon gehöret haben) entschlossen habe,
dieselbe nächstens zu ehlichen. Den Hochzeittag werd’ ich Ihnen gewis 124,1
mit nächstem Brief melden. Sie geht hier ganz in Stillem vor sich und
meine Braut wird wol den 11. Julius schon von Helmbrechts ab-
reisen. — Sie sehen, ungeachtet es mir tol gehet, so bin ich doch lustig
und ich fahre wol dabei; Sie soltens auch sein. — Hat Ihnen denn der 124,5
Pfarrer in Rehau selbst es versprochen, mir einen Brief zu schikken?
Denn sonst glaub’ ichs nicht: der schreibt beinahe — es ist kaum glaub
lich — noch seltner an mich als Sie. — Über meinen H. Gefatter
freue ich mich. Was macht denn Samuel? und Heinrich? Der Gotlieb
wird sie wol beide verführen. Ich bin ganz gesund. — Sie wissen es124,10
doch in Zeiz sind 40 Häuser abgebrant. — Ich habe zu diesem Brief nur
einen elenden Wisch genommen, wie Sie sehen, und ich ersuche Sie,
mir das abzugewöhnen. Meines Erachtens solte ein iunger Mensch wie
ich bin sich ordentlicher halten. — Wegen der Lotterie schreib’ ich
Ihnen, wenn Sie mir geantwortet haben; vielleicht antworten Sie 124,15
mir darum desto eher. In der Hofnung, daß Sie mir wenigstens in
einem Vierteliahre wieder schreiben, verharre ich

Leipzig den 21 Jun. 1784.
Ihr gehors. Sohn Richter



H: Goethe- u. Schiller-Archiv. 2 S. 4°. J: Wahrheit 3,322×. 123 , 24 solle] aus werde 25 ihr 27 ihrem
124 , 8 Gefatter: Werner; vielleicht hatte er Frau Richter Geld geliehen, vgl. III. Abt., VI, 148, Nr. 382.

Textgrundlage:

75. An Frau Richter in Hof. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 123-124 (Brieftext); 453 (Kommentar).
Zur Konkordanzliste aller Bände


Zitierempfehlung:

An Sophie Rosine Richter. Leipzig, 21. Juni 1784. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_75 >


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