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9,5
Hocherwürdiger und Hochgelerter Herr!
Insonders Hochzuvererender Herr Pfarrer!

Sehen Dieselben, wie ich mein Versprechen halte? Kaum bin ich
etliche Tag’ in Leipzig: so bekommen Sie schon einen Brief. Er wird
eben nicht viel interessantes enthalten, und ziemlich mager sein — aber 9,10
genug, wenn er mir nur bald das Vergnügen zu wege bringt, einen
von Ihnen lesen zu können. — Der grosse Jurist Hommel wurde den
Sontag begraben: er hinterlies ein Vermögen von 3 bis 4 Tonnen
Golds. — Der Magister Kirsch von Hof, der mit [mir] in Geselschaft
nach Leipzig reiste, erzälte mir einen ziemlich scheinbaren Einwurf vom 9,15
D. Ernesti gegen die Autentizität der Apokalyps — diesen nämlich.
An einem Orte der Apokalyps, ich weis nicht mer wo, steht: die Stadt
die geistlich genant wird Jerusalem.
Dieses Wort geistlich,
πνευματικως wird hier in einem Verstande gebraucht, der den Schrift
stellern des N. T. und sogar den Kirchenvätern und Skribenten des 9,20
ersten Jarhunderts nicht gewönlich war. Dies Wort wurd’ erst dan
in einem solchen Sinne genommen, da man anfieng zu allegorisiren, zu
deuteln, und in iedem Worte der Bibel eine Anspielung auf etwas
überirdisches zu finden. Weil also dieses Wort in diesem Jarhunderte
nicht in diesem Sin gebraucht wurde; so kan ich schliessen, daß auch die9,25
Apokalyps nicht in diesem Jarhundert verfertigt worden ist. Einige
Stärke scheint dieser Einwurf zu haben; nur ist’s zu viel gewagt, aus
einem einzigen Wort viel schliessen zu wollen. — Wenn Lokke aus
dem Spruch Matt. 25. viel für sein System glaubt beweisen zu
können: so irt er sich. Er beweist gerade wider den Lokke, und ist höch9,30
stens ein argumentum bilaterum.Gehet in’s ewige Leben, und
gehet in die ewige Pein
“ — hier sagt er mus „Pein“ Vernichtung
und Tod heissen, weil beide Dinge hier einander entgegengesezt werden,
Leben und Pein aber nicht entgegengesezt werden können; da sie
heterogen sind. Allein hier kan man antworten: eben wenn Pein eine9,35

Vernichtung bedeuten sol, so müst’ es Tod und Vernichtung hier 10,1
heissen: denn nur Tod kan dem Leben entgegengesezt werden — es
müste heissen, gehet in’s ewige Leben, und in den ewigen Tod.
Da’s aber hier nicht so ist, so kan man schliessen, daß Pein nicht Tod
heissen kan, sondern seine eigentliche Bedeutung behält. — Das Wort 10,5
κολασις wird nie in der Bedeutung des Todes gebraucht. Es komt von
κολαζω her, castigo. Was hat aber die Idee, gegeiselt, gequält
werden irgend für eine Verbindung mit der Idee vernichtet werden? —
Im Gegensaz hat ζωη nach einem Hebraism die Bedeutung von Glük
seligkeit.
So wird 1 Sam. 25, 6. חיים in der Bedeutung des Glük- 10,10
lichseins genommen. Es ist also warscheinlich, daß ζωη auch in dieser
Stelle so genommen werde; vorzüglich da sein Gegensaz „Pein“ deut
lich anzeigt, daß man’s so nemen mus. — Über Ihr Nichts, wovon Sie
mir neulich sagten, hab’ ich nachgedacht. Der Gedank’ ist schön; die
Einbildungskraft verliert sich darinnen. Allein ich glaub’ Ihnen beweisen10,15
zu können, daß es gar kein absolutes Nichts geben kan. Schon
in dieser Rüksicht nicht: weil Got überal ist — und wenn wo ein
absolutes Nichts wäre, so würde Got nicht sein. Verstehen Sie’s
Nichts so: ein Ort, wo kein Körper existirt; so wolt’ ich deutlich
beweisen, daß überal Körper sein müssen — und daß der Saz in der 10,20
Metaphysik „alles Ausgedente hat Gränzen“ so war nicht ist, als es
scheint. Es komt auf Sie an, ob ich’s einmal tun sol. — Nächstens werd’
ich Ihnen die Gegenanmerkungen zu Ihren Anmerkungen überschikken.
Ich erwarte mit vieler Begierde Ihre neuen Zusäzze. Meine Übungen
wollen Sie mir zurükschikken? Warlich! es verlonte des Postporto’s nicht,10,25
daß [!] man darum ausgäbe. Ich habe sie onehin zweimal. Wenn sie
Ihnen nicht zu gering scheinen: so gönnen Sie ihnen ein[en] Plaz in
Ihrem Hause, solt’ es auch im Auskericht verdorbner alter Papiere sein.
Dem Lobe, das Sie mir beizulegen belieben, mag ich nicht wider
sprechen: damit ich nicht in den Verdacht komme, als tät’ ich’s, um es 10,30
zweimal zu hören. — Mein gröstes Vergnügen hier in Leipzig wird der
Briefwechsel mit Ihnen ausmachen. Sein Sie mein Fürer, auf dem
Wege zur Warheit, und auf dem Wege zum Glük — leiten Sie den
Jüngling, der so leicht fallen kan. — Ihr Beifal wird mir genug sein,
fleissig zu sein — und Ihr Tadel Sporn genug, besser zu werden. Ich 10,35
bin Ihnen viel schuldig, ia warlich ich bin Ihnen viel schuldig — es ist
mein Glük Sie kennen gelernt zu haben. Dankbarkeit und Liebe ist
meine erste Pflicht gegen Sie — und diese wird nie in dem auslöschen, 11,1
der die Ere hat sich zu nennen

Ew. Hocherwürden
gehorsamster Diener

Leipzig den 27 Mai 1781 [Sonntag].
J. P. F. Richter
11,5

H: Brit. Museum. 3 S. 2°; auf der 4. S. Adresse wie zu Nr. 2, aber Franco statt p. expr. K (Konzept): An P[farrer] V[ogel]. J: Nachlaß 3,193. Vgl. Wahrheit 3,14 u. 111 (2. Mai). B: IV. Abt., I, Nr. 2. A: IV. Abt., I, Nr. 4. 9 , 14 Golds.] danach gestr. Das war [aus ist] ein Jurist, und mancher Geistliche hat kaum sich begraben zu lassen — ein Beweis, könt’ einer sagen, daß die Tugend nicht immer belont und das Laster nicht immer bestraft wird. K Magister] Rektor K mit bis 15 reiste] mit mir und dem Örtel nach Leipzig gereiset ist K 32f. Vernichtung und Tod heissen] vom Tode verstanden werden K 10 , 24 Zusäzze] danach zu meinen Übungen K 26 daß] so HK onehin] so K 27 gönnen] lassen K Plaz] Raum K 31 Mein bis zum Schluß] dafür Nichts aber zog mich mer an in Ihrem lezten Brief, als der warme Entusiasm, der aus demselben hervorleuchtet, und den Sie für iedes Schöne, iedes nur ex[istirende] Gute haben. — Sol ich alzeit meine Briefe an Sie nach Schwarzenbach übermachen; oder haben Sie Jemand in Hof, an den ich sie addressiren könte? Das lezte wäre besser. Ich erwarte gierig Dero Antwort. Nimmer werd’ ich aufhören zu sein etc. K
9 , 16 Joh. Aug. Ernesti (1707—81), Prof. der Theologie und Philologie in Leipzig. 17 Apokal. 11,8: „die Stadt, die da heißt geistlich Sodom und Ägypten“. 10,29 Lob: Vogel hatte u. a. geschrieben: „Sie können noch dereinst mehr Verdienst um mich haben, als ich gegenwärtig um Sie ge habt habe. Heben Sie diese Weissagung auf.“

Erwähnungen im Kommentar:

Personen

Textgrundlage:

8. An Pfarrer Vogel in Rehau. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 9-11 (Brieftext); 420 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Erhard Friedrich Vogel. Leipzig, 27. Mai 1781. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_8 >


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