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Korrespondenz

Von Jean Paul an August Gottlieb Meißner. Leipzig, 19. Oktober 1784.

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[ Leipzig, 19. Okt. 1784 ]

Ich sage Ihnen wahren Dank für Ihre gütige und aufrichtige Antwort auf meine unbescheidnen Bitten, an deren Gewähr ich schon eh’ ich sie that zu zweifeln Ursache hatte. Denn ich wuste schon vorher, daß Breitkopf sich mit belletristischen Verlagsartikeln nicht bemenget; und eben so bekant war mir das Hindernis, das meinen Satiren des H. Dyk übertrieben französischer Geschmak sein mus; ein Geschmak, den er zum Glük so lange vergeblich predigen wird als er den Beitrit unsrer besten Köpfe entbehren mus, welche dem deutschern Geschmakke das Übergewicht geben und dessen Kredit seine eignen Muster beinahe eben so sehr als Ihre entgegengesezten zu schwächen scheinen. Dieses wuste ich und ich that doch meine Bitte. Allein so ist der Mensch — um nur einige Augenblikke die schwarze Seite des Glükkes nicht im Gesichte haben zu dürfen, flüchtet er sich hinter die Hofnung, heftet das feige Auge nur auf sie und gehet so lange hinter ihr her, bis sie verschwindet und er sich auf einmal vor dem gefürchteten Schrekkenbilde stehen siehet.

Es wäre für mich schmeichelhaft, wenn meiner satirischen Abhandlung nichts den Eingang in Ihr Journal versperte als ihre Grösse: denn man könte sie sehr gut in die 2 Hälften zerfallen lassen, deren eine von der Tugend unsrer Zunge und deren zwote von der Tugend unsres Gesichtes handelt. Das Schiksal, das meine Abhandlung in Ihrem Journale erfähret, sei wie es wil und [wenn] sie darin geviertheilet wird, so mus sie zufrieden sein: mein Wunsch ist nur, daß sie hinein gelassen werde.

Der offenherzige Ton, dessen Sie mich.. würdigen, macht mir mehr Vergnügen als alles Lob, womit Sie mich aufmuntern. Denn er beweist, daß Sie nicht wie man gewöhnlich thut, iedem, der oft mehr aus Nachahmerei als angeborner Neigung, auf das Spotten sich leget, ein zweideutiges Herz zutrauen. Warlich könte mich etwas meine geringe Geisel an die Wand zu hängen bewegen, so wär’ es dies, daß der, so sie führet, nur kaum von denen nicht verkant wird, die ihn kanten, eh’ er sie in die Hand [nahm], von allen andern hingegen für ein Wesen gehalten wird, das Galle stat des Blutes hat. Ihrer Offenh[erzigkeit], die iezt [?] so etwas seltenes ist, glaub’ ich mich nur durch ihre Erwiederung würdig zu machen. Es stehe also denn da, was ich sonst keinem Menschen ohne Bemäntelung sagen würde. Ich bin arm; und bin es iezt, da mir soviele unreife Hofnungen zu Grunde gegangen, mehr als iemals und als vermuthlich künftighin. Ich mus daher troz der Überwindung, mit der man sich dem Scheine der Eigennüzigkeit unterzieht, zu bitten wagen, daß Sie mir durch etc. Anweisung an den H... soviel Lohn für meine Arbeit möchten zukommen lassen als Ihr Geschmak, der Debit Ihres Journals und andre Umstände, die ich nicht weis, dafür etwan bestimmen mögen. Ich wünschte mir nichts als eine Lage, die mir das zu sein erlaubte, von dem mich die iezige das Gegentheil zu scheinen zwingt … Ich wil Leipzig in 8 Tagen verlassen; ich darf hoffen, Sie tragen dazu bei, daß ich es kan. Unter der Versicherung einer ungeheuchelten Liebe gegen Ihr Herz, das nicht nur Ihre Schriften sondern auch Ihr Leben adelt, etc.

Zitierhinweis

Von Jean Paul an August Gottlieb Meißner. Leipzig, 19. Oktober 1784. In: Digitale Neuausgabe der Briefe von Jean Paul in der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), überarbeitet von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_80


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Textgrundlage
D: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956. Briefnr.: 80. Seite(n): 127-128 (Brieftext) und 455 (Kommentar). Konkordanzen Druck-Digitale Edition

Kommentar (der gedruckten Ausgabe)
Siglen

K: 11. Den 19 Okt. an Meißner. i: Wahrheit 3,291×. B: IV. Abt., I, Nr. 30.

Meißner hatte geantwortet, er stehe nur mit den Buchhändlern Dyk (Verleger der „Bibliothek der schönen Wissenschaften“) und Breitkopf in Verbindung; der letztere gebe sich nicht leicht mit einem satirischen Verlagsartikel ab, der erstere weiche im Geschmack so weit von ihm ab, daß seine Empfehlung bei ihm nichts gelten werde. Richters „Kleine Satiren“ seien im Druck; die größere Abhandlung aber sei für sein Journal zu umfangreich. 128, 28 Vermutlich Breitkopf.