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[ Leipzig, 30. Juni 1781 ]
11,7
Mit vielem Vergnügen empfieng’ ich Ihren Brief, mit noch mererem
durchlas ich ihn. Ich statt’ Ihnen dafür den wärmsten Dank ab; und
füge noch die Bitte hinzu,........... 11,10

Haben Sie etwan einmal Bücher hier nötig, die Sie entweder in
Hof gar nicht, oder we[nigstens nicht] um den genauen Preis bekommen
können — so lassen Sie mir’s Vergnügen, Ihnen meine Dankbarkeit
gegen Sie durch diese unbedeutende Dienste an den Tag legen zu
können. — Nichts bedauer’ ich mer, als daß die Sache mit dem 11,15
Kammerrat Örtel nicht iezt schon so gegangen ist, wie ich’s gewünscht
habe. Soviel kan ich Sie versichern, daß Sie Ihren Endzwek völlig
noch erreichen werden — obgleich Sie ihn iezt noch nicht erreicht
haben. Vielleicht hat der alte Örtel die ganze Sache vergessen — oder
er wil noch etlichemal erwarten, wie oft der Kling[s]or als Dumkopf 11,20
und Nar handeln kan. Und wie schwer ist’s alte Leute zur Ver
änderung zu bewegen — iede Neuerung ist ihnen verhast, sie legen un
gern ein altes Kleid ab — iede ihrer Ideen wurzelt doppelt fest in
ihrem dürren [?] Gehirne. Ich wil die Sache durch den iungen Örtel
betreiben so viel ich kan. — Ich vermutet’ es voraus, daß der Klingsor 11,25
Ihre Erwartung wird übertroffen haben — versteht sich, durch elendes
Zeug. Aber obgleich Sie [ihm] auf alle Weise werden seine Schwäche
fülen lassen, und ihm die Lerheit seines Gehirns auf ieder Seite seiner
Arbeiten demonstriren — so wird er demungeachtet sich noch für den
hochberümten S. Kling[s]or [halten], dazu ihn ein hoher Rat geprägt11,30
hat. Weil er alt ist, und Sie nicht, so wird er die Weisheit nach der
Farbe der Hare schäzzen — und sich es nicht einfallen lassen, daß es
auch graue E — giebt. Ich bedauer’ es nur, daß Sie Ihre Kräfte an
so einen elenden Man verschwenden müssen — er verdient Ihr Gegner 12,1
nicht zu sein[ ]. — Sie werden mit mir den ehrwürdigen Man
bedauern, dessen Verlust ich Ihnen schon neulich schrieb, den Hommel.
Neulich kant’ ich ihn nur als einen vorzüglichen Juristen — iezt kenn’
ich ihn als einen waren Menschen [und] scharfsinnigen Philo[sophen]. 12,5
Unsterblich hat sich der Man um Sachsen verdient gemacht. Durch
seine scharfsinnigen Gründe, seine warme Beredsamkeit bracht’ er’s
dahin, daß die Infamiestrafen aufgehoben worden sind, daß die Tor
tur, diese schwarze Geburt der Unwissenheit, und des Fanatism, und
der Grausamkeit, in kursächsischen Ländern abgeschaft ist — und daß 12,10
die Anzal der Hinrichtungen der Menschen gering ist. Ja, er sol sogar,
wie man mich versichert hat, ser auf die g[änzliche] Abschaffung der
Todesstrafe gedrungen [haben], und’s sol nur sein Tod die Ursache ge
wesen sein, daß er dieses Unternemen nicht ganz zu Stande brachte.
Edler Man! wie ser verdient deine Asche die Tränen und die Vererung 12,15
iedes Menschen! — — Neuigkeiten giebt’s eben hier in Leipzig iezt
wenig — vielleicht aber nur deswegen, weil man sie mir nicht sagt.
Empfelen [Sie] mich dem H. Pfarrer Völkel — diesem würdigen Man,
dem ich so viel Dank und Liebe schuldig bin. Wie können Sie sich freuen,
in einem Zirkel so aufgeklärter Männer zu leben, die überal selten, und12,20
im Baireutschen [?] am seltensten sind. Sie werden müde sein zu lesen.
Ich schrieb einen Brief nach der Regel der gemeinen Leute: viel hilft
viel. Weil ich nicht gut schrieb, glaubt’ ich viel schreiben zu müssen. —
Empfelen Sie mich Dero würdigsten Gattin; küssen Sie an meiner
stat Dero liebenswürdige Kinder. Lieben Sie mich, und sein Sie ver- 12,25
sichert, daß ich alzeit mit der grösten Hochachtung bin —

K (Konzept): IIII. An A[ktuar] V[ogel] den 30 [aus 28] Jun. 11 , 11 ent weder bis 12 nicht] aus unfelbar in Hof nicht 20 etlichemal bis 21 kan] aus einmal warten, wie ser der Klingor betrügen kan 28 lassen] nachtr. 34 die Fußnote steht vor 12 , 16 Neuigkeiten mit Verweisungszeichen 12 , 12 mich] aus mir 20 die] der 32–35 die Fußnote steht am Ende des Konzepts
11 , 30 S. Klingsor: vielleicht Anspielung auf den sagenhaften mittel alterlichen Zauberer. 12,18 Völkel: s. Nr. 114†.

Textgrundlage:

9. An Aktuar Vogel in Schwarzenbach. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 11-12 (Brieftext); 420 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Johann Wilhelm Vogel. Leipzig, 30. Juni 1781. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_9 >


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