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Hochehrwürdiger und hochgelehrter Herr, 152,5
Hochzuverehrender Herr Pfarrer,

Die Wiener sezen auf ihre Anschlagszettel: „Heute wird ein bril-
„lantes Feuerwerk gegeben, wenn es die Witterung zulässet.“ Diesen
Zusaz solte ieder von ihnen borgen, der nicht zum Lügner werden wil.
Ich z. B. hätte so an Sie neulich schreiben sollen: „ich wil Ew. Hoch152,10
„ehrwürden nicht belügen, fals es die Witterung zulässet.“ Denn die
Witterung lies es wirklich nicht zu, daß ich Ihnen die Abhandlung am
vergangnen Donnerstag schon schikte. Indessen wird diese Verzögerung
dem Drukke derselben nichts schaden; denn Sie könten sie immer noch
nachschikken, wenn auch der übrige Theil des Manuskripts schon fort 152,15
wäre.

Übrigens fehlen dieser Abhandlung noch Ihre Anmerkungen dar-
über, welche mir Örthel nicht geschikt.

Büste und Paste sind himmelweit verschieden, so verschieden wie
etwan ein Haubenkopf und ein Louisd’or. Eine Paste ist eine erhobne 152,20
Gipsabbildung; und gewöhnlich so gros wie ein Thaler und eben so
gestaltet.

Ihre neue Vergrösserung des Titels „für raffinirte Theologen“
scheint mir der Kürze und dem Auffallenden des simpeln Titels
„Raffinerien“ etwas zu entziehen: auch scheint dieser Zusaz mir ent152,25
behrlich zu sein. Endlich müste es stat raffinirte wol raffinirende
heissen, so wie man nicht gedachte, sondern denkende Köpfe sagt.

Noch ein Wort von der Wilddieberei, der sich Ew. Hochehrw.
unglüklicherweise zu ergeben scheinen und für die Sie die Strafe des
Strangs ganz wol verdienen dürften: denn ich kan Ihrer Hofnung152,30
nicht beitreten, daß man Sie wegen 5 gestohlnen Gleichnissen nicht
hängen könne. Ich glaube vielmehr, es giebt keine vernünftigere
Halsgerichtsordnung als die einiger Wilden, von der ich neulich ge
lesen. Je grösser nämlich der Werth des Diebstahls ist, desto gelinder
bestrafen sie ihn: denn, sagen sie, desto grösser war die Versuchung und 152,35

desto schwieriger der Sieg darüber und desto verzeihliger die Nieder153,1
lage. Je geringfügiger hingegen der Gegenstand des Diebstals ist,
mit einer desto grössern Strafe rächen sie ihn. Wenn Sie das über
legen, und besonders den Punkt nicht aus den Augen lassen, daß Sie
nicht einen Pope oder sich selbst (in diesem Falle würd’ ich selbst für 153,5
eine mildere Bestrafung Ihres Raubens sein) sondern mich bestohlen
haben: so werden Sie leicht begreifen, warum ich es recht sehr wünsche,
daß man Sie wegen des Diebstahls einer so werthlosen Sache auf
hängen möchte wie den D. Dodd.

Ich bitte Sie um folgende Bücher: 153,10

Pfenniger’s Appellazion an den gesunden Menschenverstand.
Spalding über die Nuzbarkeit des Predigtamts oder auch um seine
Predigten in Kasualfällen.
Montaigne.
A. D. Bibliothek den 58. Band. 153,15
Herder’s Briefe zweier Brüder Jesu (oder des deutschen Merkurs
erste Bände).
Schrökh’s Kirchengeschichte zweiter Theil.
Pope’s Briefe.
Bielfeld. Zweiter Theil.
153,20
Ich bin unter einer Empfehlung an Ihre Gemahlin

Hof. den 17 Febr. 1785 [Freitag]
Ew. Hochehrwürden gehors. Diener J. P. F. Richter



H: Brit. Museum. 2½ S. 4°; auf der 4. S. Adresse: An Ihro des H. Pfarrers Vogels [!] Hochehrwürden in Rehau. J 1: Wahrheit 3,331×. J 2: Nachlaß 3,250. B: IV. Abt., I, Nr. 34. A: IV. Abt., I, Nr. 35. 152 , 13 Donstertag 20 erhobne] nachtr. 21 und1] davor gestr. von der Grösse eines 24 simpeln] nachtr. 31 gestohlnem 32 könne] aus werde 34 ist] aus war
152 , 19–22 Vogel hatte gefragt, was das in den Grönländischen Prozessen gebrauchte Wort Paste bedeute (I. Abt., I, 45,4); ob es nicht Büste heißen müsse. 26f. Vogel wählte in der Tat den Zusatz „für raffinie rende Theologen“. 28ff. Wilddieberei: Vogel hatte geschrieben, er habe aus Richters Witzmagazin 5 Gleichnisse gestohlen. (Vgl. Raffinerien I, 236. 246. 249f.) 153,9 Dr. William Dodd, ein englischer Prediger, der 1777 wegen Fälschung eines Bonds am Galgen endete; vgl. I. Abt., XV, 360,2. 11 Joh. Konrad Pfenninger, „Appellation an den gesunden Menschen verstand“, Hamburg 1776. 12 Joh. Joach. Spalding, „Über die Nutz barkeit des Predigtamts und deren Beförderung“, Berlin 1772; mit den „Predigten in Kasualfällen“ ist wahrscheinlich die 1775 ohne Wissen und Wollen des Verfassers erschienene Sammlung „Predigten, größtenteils bei außerordentlichen Fällen gehalten“ gemeint. 16 Herder, „Briefe zweener Brüder Jesu in unserm Kanon“, Lemgo 1775.

Textgrundlage:

94. An Pfarrer Vogel in Rehau. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 152-153 (Brieftext); 460 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Erhard Friedrich Vogel. Hof, 17. Februar 1785. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_94 >


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