Hinweis zur mobile-Version:
Bitte beachten Sie, dass Brieftexte und Kommentare auf Medium und Large Screen-Devices optimal dargestellt werden, während eine responsive Darstellung des Textes auf Small Screen-Devices durch die Beibehaltung des Zeilenumbruchs beeinträchtigt ist.



153,25
[ Hof, 3. März 1785. Donnerstag ]

Sie werden es meinem Briefe bald anmerken, daß mir der Über
bringer desselben nicht länger als eine halbe Stunde zu seiner Ver
fertigung gelassen hat. Ich mus mir daher eine fleiss[igere] Beant
wortung auf den Sonabend vorbehalten, wo mein Bruder den ge- 153,30
wöhnlichen Zug nach dem goldnen Vlies thun wird.

Eine solche Wasserprobe, wie die, auf welche Sie meine angeblich
stoische Denkungsart zu sezen vorgeben, könte eine Denkungsart be-
stehen, die der stoischen unähnlich und meiner ähnlich wäre. Das müste
ein elender entmanter, Herz- und Kopfloser Tropf sein, den eine 154,1
schlimme Rezension — sie müste denn die erste sein — in die Noth
wendigkeit sezte, den Leibarzt Epiktet kommen zu lassen, um eine
Eisenkur gegen die Verblutung durch einen Mükkenstich, vorzunehmen.
Denn was ist ein Rezensent? Eine einzelne, unbekante Person, die 154,5
nicht so viele Stimmen hat wie Mars im Homer oder wie die Seligen
die nach Lavater mit allen Gliedern reden werden. Zuweilen hat er
nicht einmal Eine Stimme, weil er keinen Kopf hat. Sogar auf das
Urtheil des Publikums mus erst die Zeit ihr grosses Siegel drükken;
und Hume erwarb sich lange Zeit mit seinen historischen und philo- 154,10
sophischen Meisterstükken nichts als die Verachtung des so feinen
Englands, bis es sie endlich mit der gerechtern Bewunderung ab-
wechseln lies. Und endlich ist eine schlimme Rezension wahr: so kan ich
nicht über meine Belehrung oder Bestätigung oder über den bessern
Geschmak des Richters zürnen: ist sie falsch, so mus ich mit dem154,15
Kopfe und dem Herzen des Rezensenten ein ungeheucheltes Mitleiden
haben.

Indessen passen nicht alle diese Gemeinpläze auf mich... wo er
Unrecht hat, da ist der französische Geschmak in Leipzig schuld, der
wol schon bessere Bücher als meins, wenn sie in englischem ge- 154,20
schrieben waren, verurtheilt hat. Mein Geschmak hat sich so geändert,
daß der Tadel, der diesen trift, mich verfehlt: einem Manne kan es sehr
gleichgültig sein, daß man ihm vorwirft, er hätte als Kind viel viel
besser und ernsthafter denken sollen. Endlich hab’ ich schon zu günstige
Urtheile eingeholt, als daß ich über einen so späten Tadel untröstlich 154,25
würde. — Übrigens sind Sie sehr bescheiden oder unaufrichtig, wenn
Sie glauben, daß der Tadel eines Quidams Ihrem Beifalle das
Gleichgewicht halten kan. — etc. Indessen wünscht’ ich, daß Sie mich
niemals mehr so erschrekken wie heute und ich ersuche Sie, meinen
Augen iede Rezension, die Sie nicht lobt, mit freundschaftlicher Vor154,30
sicht zu entziehen. Denn entscheiden Sie selbst, kan es wol für einen
Autor, der nur ein wenig gesund denkt und der auch nur ein wenig sich
um philosophische Unabhängigkeit von fremden Beunruhigungen be
wirbt, etwas schlimmeres und traurigeres geben, als wenn ein un
bekanter Mensch von seinem Dachstübgen herab ihn nicht mit Lob 154,35
erhebt? Mich dünkt dies ist eine Klippe, an der der Stoizismus des
Epiktets schwerlich anders als gescheitert vorbeiziehen dürfte.

K: 1 [aus 19]. An Vogel den 3. März. B: IV. Abt., I, Nr. 36.
Vogel hatte, um Richters stoischen Sinn zu erproben, ihm eine abfällige Rezension der Grönländischen Prozesse aus dem „Allgemeinen Verzeichnis neuer Bücher mit kurzen Anmerkungen“ (von Adelung, 8. Bd., 6 St., S. 463) mitgeteilt; er solle umgehend „mit einer Hand, die nicht zittert“, aufrichtig seine Gefühle melden: „Solten Sie aber weinen, so lassen Sie mich Ihre Thränen sehen — damit ich den Epiktet verbrennen möge. Vielleicht weine ich auch einst...“ Vgl. Wahrheit 3,275f.; I. Abt., I, 10,5–8, 434,20f. 154,6 Mars hatte nach Ilias V, 860 die Stimmen von 10000 Männern. 10–13 Hume: vgl. 272,24f. 19–21 französische Geschmack in Leipzig: vgl. 127 , 29 .

Erwähnungen im Kommentar:

Personen
Werke

Textgrundlage:

95. An Pfarrer Vogel in Rehau. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 153-154 (Brieftext); 460 (Kommentar).
Zur Konkordanzliste aller Bände


Zitierempfehlung:

An Erhard Friedrich Vogel. Hof, 3. März 1785. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_95 >


Zum XML/TEI-file des Briefes