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155,1
Schwarzenbach an der Saal den 9. März. 1785.

Lieber Örthel

Ich bin, wie du siehest, nicht in Hof: gleichwol mach’ ich mir diese
Gelegenheit 〈Erlaubnis〉 zum Stilschweigen nicht zu Nuze. 155,5

Deinem Einfal: „vielleicht wäre (durch deine Gesundheit) einem
„Bewohner des Sirius Abbruch geschehen“ seze ich eine Fabel ent
gegen, deren Ausbildung du mir aber erlassen wirst. Schwerlich kante
iene Purpurschnekke, von der ich iezt erzählen wil, die Menschen, die
ihr viel zu gros vorkommen musten, um ihr nur Riesen zu scheinen und 155,10
die in ihren Augen Welten sein musten, die sich nicht bewegen: die
Purpurschnekke konte mithin ihre Verbindung mit dem Menschen so
wenig fassen als ich oder du die unsrige mit dem Sirius. Indessen
nahm einmal ein Römer einen Stein und erschmis die Schnekke. Eine
philosophische Schnekke lies einige Trostgründe für unsere Schnekke 155,15
fallen, die mit den schmerzlichsten Empfindungen rang und suchte sie
durch die Vorstellung des wolthätigen Einflusses, den ihr Leiden auf das
Ganze haben könte, geschikt zu beruhigen. „O! rief das leidende Ge
„schöpf mit einem Spotte aus, den man dem Schmerze gern, aber
„schwerlich dem Voltaire verzeiht, vielleicht wird durch den Untergang 155,20
„einer Schnekke wol gar eine Welt (sie meinte einen Menschen) ihrem
„Untergange wieder abgeiagt.“ Und das war auch wahr. Denn der
Römer hatte sie getödet, um ihr Blut in das Schreibzeug seines
Kaisers einzuliefern. Dieser unterschrieb damit (mich dünkt, das Blut,
womit noch iezt Friedenstraktaten unterzeichnet werden, ist wol nicht 155,25
von Schnekken) eine Schrift, deren rothe oder kaiserliche Unter
zeichnung einem angeblichen Missethäter das Leben errettete. — „Aber
„die Vernunftmässigkeit dieser schmerzlichen Verbindung und Ver
„kettung, gegen die das offenbare Unvermögen unsers Blikkes, sie
„nach allen Linien oder auch bis ans Ende einer einzigen fortzuver155,30
„folgen, noch kein Einwurf sein mag, auch zugestanden: was ist das
„für mich für ein Trost, wenn ich unglüklich bin, damit es andere
„nicht sind? Höchstens kan er die beruhigen, die von meinen Schmerzen
„diesen Nuzen ziehen und deren Glük ich mit meinem Unglük erkaufe!“
Wer über die Nothwendigkeit, daß seine Leiden die Bedingung eines 155,35
fremden Wolseins sind, unwillig ist: der mus auch die übrigen Auf
opferungen für das Vergnügen des andern scheuen und misbilligen 156,1
und es mus ihm unbegreiflich sein, wie einer Zeit, Kräfte und Gesund
heit blos dem Vortheile eines fremden Ichs geloben könne: indessen ist
diese ganze Aufopferung sogar noch überdies blos scheinbar und für
das Vergnügen, das mich das Kasteien meiner niedrigern Triebe kostet, 156,5
entschädigt mich die Befriedigung gewis genug, die eben dadurch der
edelsten Regung, der Menschenliebe, wiederfähret. Und wer sagt, daß
mein Schmerz die Quelle eines fremden Vergnügens ist: der sagt
auch zugleich das mit, daß der Schmerz eines andern wieder die
Quelle eines Vergnügens für mich sein wird; und dieser wechselseitige 156,10
Einflus und Tausch der Schiksale erstattet wol zulezt gar auch dem
niedrigen Triebe seine Auslagen wieder. Ich weis, du würdest dich für
einen andern sogar körperlichen Leiden unterziehen: wenn du nun
glauben köntest, daß deine iezigen andern vortheilhaft sind; würdest
du sie nicht durch eine höhere Rüksicht adeln und den unfreiwilligen 156,15
Verlust der Gesundheit durch eine menschenfreundliche Einwilligung, in
eine tugendhafte Aufopferung verwandeln? — Übrigens habe, wenn
nicht mit der Hypochondrie, doch mit meiner Trostpredigt Geduld und
ertrage wenigstens die leztere gesezt: sogar die Beantwortung derselben
mus ich von dir fodern, welche mein lezter poetischer Brief vielleicht 156,20
weniger verdiente.

Es ist hohe Zeit, daß ich dir für deinen Verweis (wegen des Doppel-
maiers) einen ordentlichen Verweis gebe. Ich wolte wetten, du hast
nach der Lesung meines Briefs über den Doppelmaier so zu dir oder
zum Herman gesagt: „der Richter ist doch auch gar zu leichtgläubig und 156,25
„er lässet sich was anders weis machen: sowol in der Leichtgläubigkeit
„als in der Tracht, da ist er einem Engländer nicht sehr unähnlich.“
Alle die Schwachheiten, die du an ihm findest, erklären wol seine Ver
schlimmerung und geben ihr vielleicht eine verzeihlichere Gestalt: aber
sie bleibt doch noch immer. Ferner: die Anekdote mit dem medizinischen 156,30
Buche, hab’ ich von keinem Höfer gehört, sondern von einem, der sein
Freund war und dem er das Buch (und noch andern) vorlas. Die
medizinischen Geschichten, die darin vorkamen, waren zum Theil im
Bezirke seiner Zuhörer vorgefallen, welche über die Verfälschung der
selben am ersten urtheilen konten. Endlich ist seine Abhandlung über 156,35
die Alchymie so schlecht nicht, daß ihm ein höherer Beistand entbehrlich
gewesen wäre. Der Erzähler von diesem allen ist selbst ein Alchymist:
dieser bekam von Generalchirurgus Theden in Berlin einen Brief, 157,1
worin ihm gerathen wird, sich iene vortrefliche, von einem wahren
Adepten geschriebene und mit wichtigen Beobachtungen gezierte Ab
handlung anzuschaffen. Wenn ich mit dir selbst sprechen werde: solst
du noch mehr Anekdoten von ihm erfahren, welche die gegenwärtige 157,5
nur alzu glaublich machen. — Übrigens marterte ihn seine Frau mit
der Furie der Eifersucht: auch wolte er sie einmal prügeln. Mich dünkt,
die Wahrheit von diesem allen mus iedem einleuchten, der auch nur
ein wenig leichtgläubig ist.

Ich möchte dich bald sehen: denn iezt haben wir viele Materie, eh’157,10
wir uns aus reden. — Der Seiler hat mir nur 1. Brief geschrieben.
Ich hoffe, meine Leute schikken ihm seine rechten Bücher. —

War mein Manuskript schon beim Keyser in Erfurt?

(Ein gewisser nochlebender Jude in Bayreuth wurde einmal von
einem Konsistorialrath mit der Erdichtung aufgezogen: „die Türken 157,15
„hätten viel verloren, und um sich eine höhere Gunst zu verschaffen,
„opferten sie und zwar allezeit einen Juden und einen Esel mit ein
„ander.“ Der Jude antwortete: „es ist für uns alle beide gut, daß
„wir nicht dort sind.“)

In Schwarzenbach sagte man, eh’ du deinen lezten Brief schriebst, 157,20
daß du tod wärest: welches ich aber wol nicht glaube, weil du davon in
deinem lezten mit keinem Worte redest; indessen köntest du doch in
deinem künftigen nur ein Paar Worte über den Werth ienes Ge
rüchtes verlieren. — Lebe wol lieber Geplagter und erscheine oder
schreibe bald deinem Freund R.157,25
N. S. Die Weinertin hat wieder geschrieben, ich weis sie mit nichts
zu besänftigen.

H: Berlin JP. 4 S. 4°. J 1: Wahrheit 3,394×. J 2: Nachlaß 2,309×. 155 , 8 erlassen] aus schenken 30 Linien] aus Seiten 156 , 27 Engländer] aus Engelländer [?]
155 , 20 Voltaire hatte im „Candide“ die Rechtfertigung des Leidens in Leibniz’ Theodizee verspottet. 156,25–27 Über Richters Leichtgläubig keit beklagt sich auch Hermann in einem Brief an Albrecht Otto vom 23. Januar 1785 (Schreinert S. 32). 157,1 Johann Christian Anton Theden (1714—97); vgl. 84 , 15 .

Textgrundlage:

96. An Oerthel in Leipzig. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 155-157 (Brieftext); 460-461 (Kommentar).
Zur Konkordanzliste aller Bände


Zitierempfehlung:

An Johann Adam Lorenz von Oerthel. Schwarzenbach a. d. Saale, 9. März 1785. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_96 >


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