Hinweis zur mobile-Version:
Bitte beachten Sie, dass Brieftexte und Kommentare auf Medium und Large Screen-Devices optimal dargestellt werden, während eine responsive Darstellung des Textes auf Small Screen-Devices durch die Beibehaltung des Zeilenumbruchs beeinträchtigt ist.




Mein lieber Örthel,

Mein Brief wird wie eine sehr gute Geschichte nichts anders als
Geschichte enthalten. Ich ersuche dich daher, daß du mir in allem
glaubst und es nicht wie die Jansenisten machest. Diese lassen die 159,15
Untrüglichkeit des Pabstes nur in Glaubenswahrheiten, aber nicht
in historischen gelten. Ich darf aber vielleicht hoffen, daß du nicht
eher glaubst, ich lüge, als nur bis ich von metaphysischen und andern
Glaubenswahrheiten rede; denn in historischen wirst du mir das
Vorrecht des Pabstes wol nicht entziehen. 159,20

Ich sprach neulich mit dem Kommerzienrath Maier. Er klagte mir
die Ungerechtigkeit des H. Pfingsten, der sich für eine Übersezung, der
er den Namen einer eignen Arbeit gab, 4 fl. für ieden Bogen vom
Maier zahlen lies. Ich that ihm den Antrag, mein Buch zu verlegen;
und er nahm ihn mit vieler Bereitwilligkeit an, die mir natürlich 159,25
scheint, weil er mich schon oft um Arbeiten gebeten und auch iezt erst
den Auszug aus einem französischen Buche angetragen. Ich lasse die
Satiren in Quart drukken; er lässet mir überhaupt in allem (in der
Bogenzahl) freie Hand. Er hoft sogar sie vielleicht mit einer neuen
Presse drukken zu können. — Meine Satire für sein Intelligenzblat 159,30
wird wegen ihrer Länge erst in die besondere Samlung eingerükket, die
er nächstens von den bessern Aufsäzen seiner Zeitung veranstalten wird.

Vorgestern bekam ich vom Seiler in Leipzig einen Brief, worin er
mir, fals ich ihm oder dem Herman das Manuskript in 8 Tagen schikte,
es anzubringen verheisset. Ich habe daher an beide geschrieben und 160,1
den Herman gebeten, einige Stükke dem Seiler in die Hände zu
geben. — Sonach werd’ ich wol nicht zwar Ein Manuskript (so
sehr ich es übrigens nach allen Regeln einer gesunden Moral auch
dürfte) aber doch zwei Manuskripte an zwei Verleger verkaufen und 160,5
mit zwei Kindern, an ieder Hand eines, in die eben so vernünftige als
närrische Welt hineintreten.

Endlich bat mich der H. Pfarrer in Rehau, dich zu bitten; du erinnerst
dich nämlich an die A. D. Bibliothek, die er dir für 50 rtl. (denn die
Bände haben sich seither merklich vermehret) überlassen wil. Auch 160,10
hab’ ich ihm versprochen, dich künftigen Sommer ihm lebendig in die
Hände zu liefern; und da ich wirklich einigen Nuzen von dieser Ein
händigung ziehen mus, so werd’ ich dich ohne Bedenken einmal nach
Rehau geschikt entführen.

Auf diesen Brief antworte mir so eilig als ich ihn geschrieben. Bist 160,15
du indessen noch nicht von deiner geistigen Krankheit (der Trägheit)
wieder hergestellet: so werd’ ich gerne dein Stilschweigen auf die
Rechnung deiner körperlichen sezen. — Ausser deinen Brief möchte ich
auch noch den Don Quixotte (3 und 4ten Theil) von dir haben. —
Übrigens soltest du es wol bedenken, daß alle Tage in Töpen Post- 160,20
tage für den sind, der nach Hof ein Schreiben zu bringen wünscht.

Endlich lebe recht wol und alle die, die bei dir sind. Schreib’ mir
auch den Zustand deines Körpers.

Hof den 9. April 85.
R.



H: Goethe- u. Schiller-Archiv. 2 S. 4°. J 1: Wahrheit 3,399×. J 2: Nach laß 2,313 ×. 159 , 17 darf aber] aus kan 18 als nur] nachtr. 160 , 2 den] dem 7 hineintreten] aus hereintreten 14 geschikt entführen] aus transportiren 24 85] aus 84
Oerthel war zu Ostern von Leipzig nach Töpen zurückgekehrt. 159,22 Joh. Herm. Pfingsten, damals Professor der Philosophie in Erlangen, Über setzer mehrerer chemischer Werke, hatte 1784 im Vierlingschen Verlag in Hof ein „Repertorium der Psychologie und Physiologie“ herausgegeben. 30 Satire für Intelligenzblatt: es handelt sich nicht, wie Otto annimmt, um den Aufsatz „Die mörderische Menschenfreundlichkeit“, der am 19. Sept. 1788 in dem (seit 1783 erscheinenden) Höfer Intelligenzblatt ab gedruckt wurde, aber weder satirisch noch lang war, sondern um den un gedruckt gebliebenen „Bericht von einer höchst merkwürdigen Erscheinung der weißen Frau“ (II. Abt., II, 351—360). Maier hielt seine Versprechungen nicht; vgl. Nr. 173†.

Textgrundlage:

99. An Oerthel in Töpen. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 159-160 (Brieftext); 461-462 (Kommentar).
Zur Konkordanzliste aller Bände


Zitierempfehlung:

An Johann Adam Lorenz von Oerthel. Hof, 9. April 1785. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_99 >


Zum XML/TEI-file des Briefes