Hinweis zur mobile-Version:
Bitte beachten Sie, dass Brieftexte und Kommentare auf Medium und Large Screen-Devices optimal dargestellt werden, während eine responsive Darstellung des Textes auf Small Screen-Devices durch die Beibehaltung des Zeilenumbruchs beeinträchtigt ist.



168,19
Dresden d. 8. Mai <Mittwochs> 1822
168,20
Eh ich noch deinen Brief, oder sogar du meinen erhalten: fang’ ich
einen wieder ein Bißchen an. Deine liebende und gebende Seele würde
recht froh über mein Zimmer sein, welches unter allen Zimmern,
die ich je bewohnt, das mir am meisten zusagende ist und alle meine
Reiseträume erfüllt. Mitten im Grünen und in den fernen Gebirg168,25
umkreisen und eine ½ Strasse von der Stadt und mit den Fenstern nach
den 3 Sonnengegenden und so luftig und hell und kühl und neben der
Chaussée und sogar mit einem Gärtchen und mit allen mir nöthigen
und lieben Möbeln — seelig lieg’ ich am Morgen auf meinem Sopha
und auch Abends vor der Sonne — ich mag kaum ausgehen. Und dabei168,30
die freundliche, etwas kränklich-verblühte Frau, (welche auf ihren
zuweilen auffahrenden, aber mir doch lieben und gewognen Mann
eifersüchtig sein soll,) die mir sogar das Trinkwasserpumpen abnehmen
will — und die flinke heitere, aufmerksame, willige Magd — Und das
Schönste, was mir wieder das Idyllenleben in Erlangen und ein wahr- 169,1
haft heimisches Glück zutheilt, die Nähe unserer Minna, und ihres
Mannes, den ich immer mehr lieben und schätzen lerne und der weit
mehr innern Reichthum verbirgt als zeigt. — Auch mit ihm duz’ ich
mich.169,5

Und damit gut! Gott wollt’ es, ich sollte dießmal leis’ innerlich, und
prunklos ein wenig froh sein.
Freitags den 10ten Mai

Ich sehne mich unendlich nach einem Blatt von dir. Meines hast
du längst. Dem kalten, immer vergessenden und nach Retourladungen169,10
ausgehenden Kutscher konnt’ ich keines mitgeben.
Sonntags früh den 12ten Mai

Das ist ein erbärmliches Briefschreiben; aber der Störungen sind
auch zu viele; inzwischen werden sie — zunehmen. Noch nicht einmal
ins Theater hab’ ich gekonnt. — 169,15

[neues Blatt] Noch konnt’ ich nicht ins Theater und nur einmal in
den japanischen Garten gelangen. Als Glück werd’ ichs zu schätzen
wissen, wenn ich nur Emma’s Kometen durchbringen kann. — Die
edle Elisa (Recke) — bei der ich 2 Tage hinter einander zu Mittag
sein mußte, so wie 2mal zu Thee, um auf meinem Ehrenpranger gezeigt169,20
zu werden — gab mir einen langen warmen Gruß an dich mit.
Jetzo schreib’ ich alles durch einander. — Meine Adresse ist: an H. Regi
strator Aderhold vor dem weißen Thor in den neuen Anlagen. Sobald
du etwas besonders beobachten sollst, will ich einen Strich am Rande
machen wie hier. — Schicke ja eiligst die vergeßnen Farbenmuster für169,25
deine Auffärbkleider recht eilig.

Gestern bracht’ ich einen halben Tag auf dem Landgute der Ende zu,
das im schönsten Grade Romantisches und Bequemlichkeit verknüpft.
Diese fragte wie so viele warum ich nicht dich und Emma mitgebracht.
— Den 10ten war Minnas Geburttag; ich fand aber bei dem Essen und 169,30
Sprechen nichts dahin Abzielendes als einen Ringelkuchen in M
Gestalt. —

Der Helm. Chezy begegnete ich auf dem Wege zu Tieck. Die ganze 170,1
vorige Grazie hat sich unkenntlich verdickt. Hier soll sie (Minna zufolge)
wegen eines literarischen Raubes an Tarnow und anderer Ver-
hältnisse wegen von den vorigen Verbindungen ausgeschlossen sein.
Sie und ihr kranker Sohn brachten mir Blumen. Aus Mitleiden und 170,5
aus Dank für die alte Zeit besuch’ ich sie, wenn Wolke bei ihr ist, der
meinetwegen von Leipzig hieher gekommen.

Die herrliche, gerade zur hiesigen Meßzeit von Minna ausgesuchte
Leinwand kostet 4 gr. 6 Pf. sächs., nicht die 50 Ellen, sondern schon eine;
— viel Geld! — Ich habe hier die Wahl zwischen 2 trefflichen Bieren. 170,10
Der Appetit hält an. Glücklicher Weise fast’ ich abends nach den
Thées.
d. 13ten Mai

Endlich grüßte mich gestern Nachmittags dein liebes Blättchen.
Meine wieder aufblühende Odilie segne in meinem Namen. Der Herbst 170,15
bei euch dreien wird mir den Frühling verschönert geben. Denn nun
wird es zu arg und das Stehen auf dem Ehrenpranger ermattet mich.
Gestern waren zum Thée bei Elisa an 30 Menschen (worunter über
10 Gräfinnen), deren Namen ich meistens schon eh’ die Reihe präsen
tiert war, zusammt den Gesichtern vergaß (Schöne weibliche sind hier170,20
seltener als in Baireut); und ich mußte neben Elisa sitzend vor dem
ausgedehnten Zirkel mich hören und sehen lassen. Es ist kein Spaß. —
Ich muß eilen. Ich bin schon 2 mal gestört worden und der Brief soll
doch fort, eh ich mit Uthe und Minna fortfahre. — Aber im Ganzen
fehlt mir doch manche Traum-Erfüllung und ein Schwabachers 170,25
Garten und meine Seele ermattet unter der Menge und durch die
Fernen. — In einer Mittelstadt wär’ ich viel glücklicher. — Aber,
meine gute Caroline, warum hältst du dein heiliges Versprechen nicht,
meine Sachen ungeändert zu lassen? Bei der Umsetzung des Ofens hätt’
ich 100 Sachen zu bestimmen, z. B. das Einheizen ausser dem Zimmer170,30
etc. etc. — Schreibe mir immer den Ankunfttag der Briefe. — — Meine
warm verehrte Welden sei recht gegrüßt, und Emanuel und Otto
und du von innigster Seele, da ich immer mehr in der Fremde sehe, was
ich an dir gewonnen.

Dein alter Richter


H: Goethe- u. Schiller-Archiv. 6 S. 8°. J: Wahrheit 8,306× (Anfang aus Nr. 278). B: IV. Abt., VIII, Nr. 157. A: IV. Abt., VIII, Nr. 162. 169 , 23 vor] aus an 27 bracht’] davor gestr. war 170 , 5 Mitleiden] danach gestr. gegen 30 be stimmen] aus erwägen
Angekommen 16. Mai. 169,18 Emma’s Kometen: d. h. den von Emma kopierten Teil vom Mspt des 3. Bds. 170,3 Fanny Tarnow (1783—1862) hatte 20 Jahre früher einmal an J. P. geschrieben, s. Br. IV, 464, Nr. 225; seit 1820 lebte sie in Dresden. 5 Sohn: Wilhelm von Chézy (1806—65); s. Persönl. Nr. 305. 15 Odilie: Karoline hatte einen Brief von ihr erhalten mit guten Nachrichten über den Erfolg der Be handlung. 32 Weldens hatten durch Karoline grüßen lassen.

Textgrundlage:

279. An Karoline Richter. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 8. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1955.

Seite(n): 168-170 (Brieftext); 381 (Kommentar).
Zur Konkordanzliste aller Bände


Zitierempfehlung:

An Caroline Richter. Dresden, 8. Mai 1822 bis 13. Mai 1822. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=VIII_279 >


Zum XML/TEI-file des Briefes