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[ Bayreuth,7. Mai 1824 ]
258,8
Meine Tochter hat aus Ihrer trefflichen Heilanstalt, höchstgeschätzter
Herr Doktor, zu Weihnachten eine wahre Hülfbrille erhalten. Meinen258,10
alternden Augen aber ist Ihre Kunst noch nöthiger. Das Sehmaß des
rechten gibt der beiliegende Faden nach Ihrer Anweisung p. 3. an;
das linke aber sieht Buchstaben kaum in der Entfernung von zwei
Zollen. Die Pupille desselben ist etwas größer, und die Krystalllinse
scheint (aber nur nach der Ansicht eines Einzigen, andern gar nicht) sich258,15
leicht von unten auf zu verdunkeln. Indeß wirft es mir einen Nebel über
das rechte herüber, mit dem ich ohne jenes bestimmter sehe. Die Kurz
sichtigkeit und das Umnebeln — besonders im Freien, bei starker Beleuch
tung und bei hohem Barometerstand und Ostwind — nimmt seit 8 Mo
naten zu. Bei der Lampe les’ ich ohne Brille; aber am Tage nehm’ ich258,20
sie (doch nicht unausgesetzt) seit ½ Jahre unter dem Schreiben. Die
selbe Blattseite kann ich in der Dämmerung nach den verschiedenen
Wendungen gegen das Fenster leichter oder schwerer lesen. Etwas
bessert mein Gesundheit-Zustand, aber im Ganzen ist er eben gut und
gegen den ganzen Paragraphen 8 p. 5 hab’ ich — Lesen im Fahren und258,25
Gehen ausgenommen — bei meiner Augenkenntnis nie gesündigt;
auch keine Augenschmerzen und Entzündungen gehabt; und höchst selten
(jetzo gar nicht) Funken und Flecken, auch kein Doppelsehen der Buch
staben. Seit 10 Jahren gebrauche ich eine Marquetsche Lampe (aus
Köthen) mit breiten Dochten; ich bitte mir aber doch eine einfache nach 258,30
Ihrer Angabe zum Schreiben und Lesen aus. Vor 20 Jahren trug ich
eine treffliche Hofmannsche Brille; später kam der schädliche Wechsel
durch Verlieren oder Zerbrechen; neuerdings hatt’ ich eine nach Galland-
schen Grundsätzen durch Cylinder geschliffene achteckige und jetzo gar
eine periskopische von Osterland. Möge die Ihrige alle andern be- 258,35
siegen! Die Brille, um die ich bitte, sei in Stahlfassung mit Bügeln und259,1
in Lederfutteral. Das linke Holglas kann nicht scharf genug sein. Ich
brauche sie für Ferne und für Schreiben zugleich, doch am meisten für
dieses. Auch bitt’ ich um einige Dochte. Hier sind Proben meiner
Marquetschen. — Und endlich bitt’ ich Sie, mein lieber Augen- 259,5
Gewissensrath, um Eile mit nächster Post, noch eh’ ich verreise und eh’
ich erblinde. — Kompressen mit kaltem Weine halfen dem linken Seh
nerven doch einigermassen. Meine Augen sind blau, sonst die dauer
haftesten, mein Alter 61 Jahre. — Die okulistischen Einsichten, die Sie
in Ihrer „Anweisung“ verrathen, werden mir in meinem Augen-Nebel259,10
zu Aussichten, und glänzen mir als Hoffnungen entgegen. — Leben Sie
wohl! Mit großer Hochachtung etc.

K (von Emmas Hand mit eigenh. Korrekturen): D. Gottfried Tauber in Leipz. Grimmaische Gasse an der Ritterstrasse N. 756, Begründ. des optisch okulist. Instituts den 7ten Mai. 258 , 10 Hülfbrille] aus Hülfquelle 12 Rechten 13 Linke von zwei Zollen] von J. P. aus eines Zolles 14 etwas] von J. P. nachtr. 20 nehm’] von J. P. aus trag’ 25 Fahren] von J. P. aus Freien 29 Lampe] von J. P. (?) aus Arbeitlampe 259 , 2 Holglas] von J. P. aus Glas 7 f. dem linken Sehnerven] von J. P. aus der linken Retina 10 Augen] von J. P. nachtr.
Über Gottfried Tauber (1766—1825) s. Neuer Nekrolog III, 2,1512. 258,9f. Emma war zeitlebens sehr kurzsichtig. 29 Marquetsche Lampe: vgl. Bd. VI, Nr. 791.

Textgrundlage:

433. An Dr. Gottfried Tauber in Leipzig. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 8. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1955.

Seite(n): 258-259 (Brieftext); 415 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Gottfried Tauber. Bayreuth, 7. Mai 1824. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=VIII_433 >


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