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92,19
Eiligst aus Verspätung
Baireuth d. 22ten Nov. 1816
92,20
Länger will ich nicht sündigen, sondern antworten. Ihr Holo-
fernes im Morgenblatt war neulich schon meine Judith und setzte
meinen Kopf zurecht und an den Schreibtisch — und doch dank’ ich
Ihnen für Ihr Geschenk an mich und an die Welt erst heute.
(Meine einzige Entschuldigung, daß ich Ihnen so spät antworte,92,25
ist blos die, daß ich andern gar nicht antworte, weil ich entweder
lange oder keine Briefe schreiben will, so wie lieber Bücher als
Taschenbüchleintheilchen.)

Die Weiber von Windsor, die mir in so verschiedenen Kleidungen
gefallen, haben mich in der Ihrigen am höchsten ergötzt; denn der92,30
ganze Lear ist leichter zu übersetzen als z. B. der französische Doktor
so wie der Schulmeister Holofernes. Darauf kam von einer andern
schönen Seite die Cleopatra.

Das Übersetzen muß ein Feen-Angebinde Ihrer Familie sein. 93,1
Daher freu’ ich mich unbeschreiblich auf den Voßischen Aristo-
phanes.
Der von Welcker ist mir nicht nur lieber als der von
Wieland, sondern sogar als der von Wolf (drei W’s, die ein V
oder von brauchen); denn Wolf vergaß, daß zum Übersetzen mehr93,5
als Eine Sprache gehöre, nämlich durchaus zwei Sprachen. Und
diese zweite, nämlich die deutsche, hat ihren Sprachschatz als Mitgift
dem Dichter ächtdeutscher Idyllen und dem Übersetzer des Homers
und Ovids gegeben. Er sei hier von mir gegrüßt, dieser sprachreiche
Übersetzer, welcher (zufolge einer Probe im Morgenblatte) anders 93,10
und höher als Adelung und Campe den ganzen verzauberten deut-
schen Sprachschatz heben könnte. Möchte er wollen oder fortwollen!
d. 23ten Nov.

Um Ihnen weiter zu antworten: Fouqué (unsern Schlachten=
Ariost) brauch’ und vermag ich nicht mehr zu rezensieren; die Welt 93,15
und seine Werke thun es statt meiner, auch eine gewisse Einförmig
keit in diesen. Dramatisch prägt er sich heller und glänzender aus,
nämlich kürzer, als episch. Eine Rezension kostet mir mehr Mühe
als manchem Autor sein dickes Buch, da sie kein Flugurtheil am
Theetisch sein soll, sondern eine ästhetische Ergründung und Dar93,20
stellung des ganzen Menschen und Buchs zugleich. Als ich Md. Stael
rezensiert hatte, war mir ordentlich, als hätt’ ich sie geheirathet, so
oft hatt’ ich sie lesen müssen. — Bitten Sie die Buchhandlung, mir
die Jahrbücher nicht mehr zu schenken, da ich sie ohnehin hier mehr-
mal zum Lesen vorfinde.93,25

Was mich an diesem Briefe am meisten erfreuet, ist die Anzeige,
daß ich im Frühling einen zweiten schreiben werde, um durch ihn mir
eine Monatwohnung in Heidelberg zu erbitten. Mein ganzes
Herz sehnt und drängt sich nach diesem Augen-Eden. Ich grüße hier
alle Ihrige und Schwarz und Fr. v. Ende, will aber im Frühlinge 93,30
noch mehre grüßen, z. B. Helmine, die Topographin des Eden.

Ihr
Jean Paul Fr. Richter

Auch meine Frau grüßt die Fr. v. Ende. Mit einem Ablaß-
briefe werden Sie mir eine Freude machen.93,35

H: Bayer. Staatsbibl. 4 S. 4°. K 1 (Konzept, vor Nr. 234): Hein rich Voß. K 2: Heinrich Voß 22 Nov. i: Wahrheit 8, 76. J: Petzet Nr. 1. 92 , 20 aus] davor gestr. nach dem H 23 Schreibetisch K 2 28 Taschenbüchlein theilchen] aus Taschenbücherpartikelchen H 29 Kleidungen] aus Kleidern H 32 so wie] aus oder H 93 , 1 Ihrer] für Ihre K 2 9 Ovids] Virgils K 2 sei ... gegrüßt] soll ... gegrüßt sein H 15 Aristo K 2 17 diesen] aus ihnen H 20 Thée tisch] danach oder unterwegs, ein Herzenserguß K 1 26 an] aus in H die Anzeige] fehlt K 1, nachtr. H 27 Frühling] verb. in Vorfrühling K 1 28 eine Monatwohnung] auf 4 Wochen eine Studentenwohnung K 1 erbitten] be stellen K 1. — K 1 hat noch folgende abweichenden oder ergänzenden Sätze: Nicht die Judith sondern Ihr Holofernes im Morgenblatt hat mir den Kopf wieder zurecht gesetzt und mir meine stummen Sünden im Brief schweigen [aus Briefschreiben] vorgehalten, welche ich besonders gegen Sie als den Schriftsteller und Geber begangen. Nichts schreib ich lieber und leichter als Briefe; und doch nichts seltener. Ich kann Ihnen nicht aus drücken, wie sehr die Weiber von Windsor, so oft sie mich auch ergötzt, [mich] von neuen erfreuet in einer so kunst- und sinnreichen Erneuerung; und darauf die Kleopatra, obwol in anderm Stil. Das Übersetzen scheint in Ihrer Familie erblich zu sein. Kaum erwarten kann ich daher den Aristo phanes von der wahren Adlerfeder, welche römische und griechische Flügel nöthig hatten, um in unsern Norden zu fliegen. Welcker sogar ist mir lieber als Wolf; und über diesen siegt die deutsche Sprachfülle und Sprachkunde Ihres Vaters, — welcher wol den Deutschen nach den Proben im Morgen blatt, zumal mit seinen Söhnen in Gütergemeinschaft, den lexikalischen Sprachschatz könnte heben. (Wer so viel gab wie er damals, braucht gewiß nicht viele Jahre mehr, um alles zu geben.) Seine damaligen Bruchstücke setzen wenige Lücken voraus... So lebt ich nach meiner Weise 4 Wochen in Erlangen p. und in diesem Jahr in R[egensburg] , das ich freilich als eine ½ Entschuldigung meines Schweigens oben hätte anführen können... (Ich wünschte wol zu wissen, wie ein großer Sprachvertrauter [aus Sprach kenner] über die S in den Sammwörtern denkt.) Eher [als Fouqué] Isidorus [vgl. 226 , 5 ] wäre zu rezensieren.
Jean Pauls Briefwechsel mit Heinrich Voß wurde 1833 mit starken Kürzungen von Heinrichs Bruder Abraham veröffentlicht. Von J. P.s Originalbriefen befindet sich ein Teil in der Landesbibliothek Eutin, ein anderer in der Bayerischen Staatsbibliothek in München, einzelne sind verstreut. Im Nachlaß Jean Pauls fanden sich außer den eigen händigen Kopien in den Briefkopierbüchern noch Abschriften von Karolinens Hand, die erst nach Vossens und Jean Pauls Tode her gestellt wurden (Karoline hatte sich damals die Briefe vorübergehend von Ernestine ausgeliehen). Nach diesen Abschriften hat Ferd. Jos. Schneider 12 Briefe als Anhang zu seiner Schrift „Jean Pauls Alters dichtung“ (1901) veröffentlicht. Die in München vorhandenen 7 Briefe hat Erich Petzet 1903 in den Blättern für Gymnasialschulwesen, 39. Bd., publiziert. Von Vossens zahlreichen, meist sehr ausführlichen Briefen an Jean Paul sind nur einzelne Handschriften an verstreuten Orten aufgetaucht und veröffentlicht. — Heinrich Voß (1779—1822), der älteste Sohn des Homer-Übersetzers, seit 1807 Professor der Philo logie in Heidelberg, hatte im Juli 1816 ein Exemplar des 3. Bandes der von ihm und seinem Bruder Abraham im Cottaischen Verlage herausgegebenen „Schauspiele von W. Shakespeare“, der „Antonius und Cleopatra“, „Die lustigen Weiber von Windsor“ und „Die Irrungen“ enthielt, durch Cotta mit einem (nicht erhaltenen) Begleitbrief an Jean Paul schicken lassen, s. Nr. 205†. Wie Voß am 23. Juni 1816 an Cotta schreibt, hatte ihm Jean Paul einige Tage vorher (vielleicht durch Emanuel, der Anfang Juni 1816 in Heidelberg gewesen war) „gar Erfreuliches und Aufmunterndes“ über seinen Shakespeare sagen lassen und die Absicht geäußert, in einer neuen Auflage seiner Aesthetik ihn nach Würden aufzuführen. (S. Briefe an Cotta, 1925, S. 338; vgl. auch Persönl. Nr. 396, S. 268.) 92,21f. Holofernes im Morgenblatt: das Morgenblatt v. 14. Okt. 1816, Nr. 247, hatte den Anfang der von H. Voß übersetzten 2. Szene des 3. (richtig 4.) Aufzugs von Shake speares „Der Liebe Müh’ umsonst“ gebracht, worin der Schulmeister Holofernes mit seinem gelehrten Kauderwelsch auftritt. 93,2ff. Von der Vossischen Aristophanes-Übersetzung (gedr. 1821) waren ein zelne Proben in den Heidelberger Jahrbüchern erschienen; über Welckers und Wielands Übersetzungen s. Bd. VI, Nr. 442†; Fr. Aug. Wolf hatte die Wolken (1811) und die Acharner (1812) übersetzt. 23 Buchhandlung: Mohr & Zimmer in Heidelberg; vgl. Bd. VI, Nr. 867. 30 Schwarz: s. Bd. VI, Nr. 165. Frau von Ende: s. Bd. VI, Nr. 930. 31 Helmine: von Chézy, s. Bd. VI, Nr. 241; sie hatte 1816 „Gemälde von Heidelberg, Mannheim usw.“ heraus gegeben.

Erwähnungen im Kommentar:

Personen
Werke Jean Pauls
Werke

Textgrundlage:

236. An Heinrich Voß in Heidelberg. In: Jean Pauls sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 7. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1954.

Seite(n): 92-93 (Brieftext); 367-369 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Heinrich Voß. Bayreuth, 22. November 1816 bis 23. November 1816. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=VII_236 >


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