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192,6
Frankfurt am Main d. 2. Jun. 〈Dienstags〉 1818

Meine Karoline! Jetzo geht es ganz anders. Am Sonntag zog
ich, weil ein Bekannter Jungs mich erkannte, auf dessen Einladung
in das Haus des reichen Buchhändler Wenners. Hier ist nun an 192,10
kein Zahlen zu denken; mit Mühe hab’ ich das Bezahlen des Biers
und Weins durchgesetzt. Seine kränkliche, nicht schöne, aber edle
bescheidne kinderlose Frau — eine Zeichnerin 〈auch Sängerin〉 —,
die mit ihm deßhalb in Rom war — meine wärmste Leserin — hat
bis auf die kleinsten Bequemlichkeiten herab gesorgt. Drei herr192,15
liche Zimmer hinter einander — meine besondere Treppe zum Aus
gange und doch den geraden Übergang in die Zimmer des andern
Flügels — neben dem Schreibkanapée die Klingel für den Bedienten
— sogar Wachslichter und silberne Leuchter — die freieste Einsam
keit — Sie weinte vor Freude, daß ich einzog; und er hat viel Ge192,20
fälliges und Gutes und immer That ohne viel Worte und im Gesicht
Aehnlichkeit mit Göthe. — Der liberale Wangenheim entführt mich
jeden Nachmittag und Abend entweder zu sich oder zu andern. Der
bremische Senator Schmidt war mittags im schönen Forsthaus
(ein Lustort) und abends in seinem Hause mein Wirth. Aber die192,25
Bildergallerie der Tische und der Legazionräthe und Bundes-
Abgesandten erlasse mir, bis ich statt der Feder einen Mund dazu
nehme. Da kam auch die Himly und ihr Mann zum Thee, welche
nach dir nicht genug fragen konnte. Du hast dein Gesicht besser und
jünger bewahrt als sie ihres.192,30

Hehndrich mit seiner Frau (die französische Erzieherin) sprach 193,1
ich gestern, die ihm zwei Kinder gegeben. Das achtjährige Mädchen
ist sehr lieblich. Du wirst sehr von ihnen gegrüßt. Auf deine Ge
sundheit wurde gestern im Lustdorfe Bornheim mehr male getrunken.
— Der Erzieher Engelmann ist um seine von dir aus dem Wasser 193,5
gezogne Wallenfels (diesen Umstand wußt’ er) sehr bekümmert,
weil er vom unsittlichen Beispiele der Mutter gehört. Kannst du
mir und ihm es nicht widerlegen? —

Meine Adresse mache: abzugeben bei Herrn Buchhändler Wenner
in der Münzgasse. 193,10

So viele ja noch mehre schöne weibliche Gesichter es in Mainz
gibt, so viele häßliche und zwar recht breithäßliche gibt es hier. Doch
sind mir fünf oder sieben auf den Gassen aufgestoßen, welche etwa
von weitem sich ziemlich mit unserer Elisabet messen dürften. —
Jede Klavier-, Zeichnen- etc. etc. Stunde für Kinder kostet 1 fl. 6 kr.;193,15
Wangenheims bel Etage über 4000 fl. Miethe. — Die innere
Pracht der Zimmer übertrifft jede baireuter; so wie die äußere der
großen Häuser. Ich habe nicht das Herz, in die großen Kaufhallen
zu gehen und da etwa für einige Batzen etwas zu kaufen. — Frage
doch Otto, wie mich die Mauth auf der Gränze (auf dem Wege 193,20
über Anspach) behandeln wird, wenn ich etwas, z. B. deine verlang-
ten Messer im Koffer habe. — So sehr hang’ ich an meinem Häus
lichen, daß ich ordentlich den Alert, den ich in die Kur gegeben,
mitten unter allen Genüßen vermisse. — Betty Gleim will uns
gewiß in Baireut besuchen. — Morgen muß ich Briefe von dir 193,25
haben; du aber von mir schon drei außer diesem.
d. 3ten Jun.

Heute kam der so sehnlich erwartete Brief, aber dein Rückfall
in deine mich folternden Zweifel und in allerlei Härten hat meinen
Nachmittag bewölkt. Ich wollte noch viel schreiben, aber ich muß193,30
warten, bis ein zweiter Brief mich wieder erheitert. So gar glücklich
bin ich überhaupt nicht; und meine herrliche Wohnung ist mir am
Ende das Liebste. — Nach Heidelberg schrieb ich erst Sonntags. —
Veranstalte, daß der Ofen neu gemacht wird. Ich weiß nicht, wie
ich etwas zu den Stubendielen geben soll. Daß nur meine Reposi193,35
torien, wenn nicht unverrückt, doch ungeändert bleiben. — Dein
Vater vergißt, daß er ja eine Frau hat und du Kinder und Mann. 194,1
— Ich hatte heute viel schreiben wollen. Aber ich kann es in dieser
Woche nur thun, wenn dein neuester Brief kommt. — Thieriot
kommt nicht hieher und ich nicht hin, obgleich der über alles gütige
und brüderliche Wangenheim selber mich nach Mainz bringen wollte. 194,5
Sei wie du in den letzten Tagen meiner Abreise warst; weiter kann
ich dir nichts wünschen und — mir!

R.

Odilie soll ja die Vögel von Erschütterung und lauten Schlägen
entfernen. Mit Schubert bin ich zufrieden. 194,10

Dem Kutscher ließ ich durch einen Kellner 5 fl. zustellen; laß ihn
doch fragen, wie viel er bekommen.

H: Berlin JP. 3 S. 4°; 4. S. Adr.: Frau Legazionräthin Richter, Baireut. (Poststempel: Frankfurt 4. Juny.) Der Schluß von 193,27 an ist abgeschnitten, weil Karoline ihn die Freunde nicht lesen lassen wollte. J 1: Wahrheit 8, 142×. J 2: Nerrlich Nr. 154×. B: IV. Abt., VII, Nr. 115. A: IV. Abt., VII, Nr. 120. 192 , 8 Sonntag] aus Sonnabend 14 wärmste] nachtr. 193 , 2 zwei Kinder] aus ein schönes Mädchen von 4 gedrunken 17 so wie die äußere] aus auch die 24 will] aus wird 31 warten] aus es verschieben wieder] aus mehr 194 , 9 von] aus vor
Angekommen 7. Juni. 192,9 ein Bekannter Jungs: wahrschein lich der Lotteriedirektor Mals, s. 207,11f., 217,14ff. 28 Himly: Gleims Großnichte, Luise, geb. Ahrends, s. Br. III, Nr. 115† u. 194†. 193,1 Hehndrich: s. Br. IV, Nr. 166†. 5 Engelmann: wohl nicht der ehema lige Sekretär des Frankfurter Museums (Bd. VI, Nr. 247†). 14 Elisa bet: Richters Dienstmagd, vgl. 203,17f. 23 Alert: als Karl Ebenau am 11. Juni 1818 Jean Paul bei Wenner besuchte, „lag sein bekannter weißer Spitz an seiner Seite auf dem Kanapee“. (Zeitschrift f. franz. Sprache u. Lit., 17. Jg., 1895, I, 162.) Er hatte ihn also doch mit genommen. 24 Betty Gleim (1781—1827), auch eine Großnichte des Dichters, Pädagogin und Schriftstellerin, war mit der Rudolphi, Schwarz und Voß in Heidelberg befreundet (Allg. Deutsche Biogr. 49, 390). 28—33 Karoline war darüber beunruhigt, daß sie außer dem ersten Brief aus Bamberg noch nichts von ihrem Mann bekommen, und hatte sich und ihn mit eifersüchtigen Gedanken gequält; „wer weiß, ob Du nicht die Anzeigen, die ich glühend erwartete, nach Heidelberg schriebst und also schon jetzt anfingest, Deine Empfin dungen zwischen mir und ihnen zu theilen, denen Du nun bald näher sein wirst als mir.“ 194,1 Karolinens Vater hatte ihr geschrieben, er habe am 1. Juni sein Bad bezogen und möchte, wenn dieses nicht die gewünschte Wirkung tue, sie als Pflegerin an seiner Seite haben. 10 Der General Schubaert (Br. VI, Nr. 967†) hatte versprochen, seine Schuld an Jean Paul in wenigen Tagen, wenn auch in zwei Ter minen, mit Zinsen zu entrichten.

Erwähnungen im Kommentar:

Personen

Textgrundlage:

416. An Karoline Richter. In: Jean Pauls sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 7. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1954.

Seite(n): 192-194 (Brieftext); 407-408 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Caroline Richter. Frankfurt a. M., 2. Juni 1818 bis 3. Juni 1818. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=VII_416 >


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