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Korrespondenz

Von Jean Paul an Caroline Richter. Frankfurt a. M., 2. Juni 1818 bis 3. Juni 1818.

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Frankfurt am Main d. 2. Jun. 〈Dienstags〉 1818

Meine Karoline! Jetzo geht es ganz anders. Am Sonntag zog ich, weil ein Bekannter Jungs mich erkannte, auf dessen Einladung in das Haus des reichen Buchhändler Wenners. Hier ist nun an kein Zahlen zu denken; mit Mühe hab’ ich das Bezahlen des Biers und Weins durchgesetzt. Seine kränkliche, nicht schöne, aber edle bescheidne kinderlose Frau — eine Zeichnerin 〈auch Sängerin〉 —, die mit ihm deßhalb in Rom war — meine wärmste Leserin — hat bis auf die kleinsten Bequemlichkeiten herab gesorgt.Eben find ich unvermuthet einen Baro- und Thermometer in meiner Schlaf stube hängen, blos weil ich gestern mich über dem Essen scherzhaft wunderte, daß er keinen im Hause habe. Drei herr liche Zimmer hinter einander — meine besondere Treppe zum Ausgange und doch den geraden Übergang in die Zimmer des andern Flügels — neben dem Schreibkanapée die Klingel für den Bedienten — sogar Wachslichter und silberne Leuchter — die freieste Einsamkeit — Sie weinte vor Freude, daß ich einzog; und er hat viel Ge fälliges und Gutes und immer That ohne viel Worte und im Gesicht Aehnlichkeit mit Göthe. — Der liberale Wangenheim entführt mich jeden Nachmittag und Abend entweder zu sich oder zu andern. Der bremische Senator Schmidt war mittags im schönen Forsthaus (ein Lustort) und abends in seinem Hause mein Wirth. Aber die Bildergallerie der Tische und der Legazionräthe und Bundes AbgesandtenJetzo freilich besteht die ganze Zahl in einigen wenigen erst; und von den Frankfurtern selber erwart’ ich nichts. erlasse mir, bis ich statt der Feder einen Mund dazu nehme. Da kam auch die Himly und ihr Mann zum Thee, welche nach dir nicht genug fragen konnte. Du hast dein Gesicht besser und jünger bewahrt als sie ihres.

Hehndrich mit seiner Frau (die französische Erzieherin) sprach ich gestern, die ihm zwei Kinder gegeben. Das achtjährige Mädchen ist sehr lieblich. Du wirst sehr von ihnen gegrüßt. Auf deine Ge sundheit wurde gestern im Lustdorfe Bornheim mehr male getrunken. — Der Erzieher Engelmann ist um seine von dir aus dem Wasser gezogne Wallenfels (diesen Umstand wußt’ er) sehr bekümmert, weil er vom unsittlichen Beispiele der Mutter gehört. Kannst du mir und ihm es nicht widerlegen? —

Meine Adresse mache: abzugeben bei Herrn Buchhändler Wenner in der Münzgasse.

So viele ja noch mehre schöne weibliche Gesichter es in Mainz gibt, so viele häßliche und zwar recht breithäßliche gibt es hier. Doch sind mir fünf oder sieben auf den Gassen aufgestoßen, welche etwa von weitem sich ziemlich mit unserer Elisabet messen dürften. — Jede Klavier-, Zeichnen- etc. etc. Stunde für Kinder kostet 1 fl. 6 kr.; Wangenheims bel Etage über 4000 fl. Miethe. — Die innere Pracht der Zimmer übertrifft jede baireuter; so wie die äußere der großen Häuser. Ich habe nicht das Herz, in die großen Kaufhallen zu gehen und da etwa für einige Batzen etwas zu kaufen. — Frage doch Otto, wie mich die Mauth auf der Gränze (auf dem Wege über Anspach) behandeln wird, wenn ich etwas, z. B. deine verlang ten Messer im Koffer habe. — So sehr hang’ ich an meinem Häuslichen, daß ich ordentlich den Alert, den ich in die Kur gegeben, mitten unter allen Genüßen vermisse. — Betty Gleim will uns gewiß in Baireut besuchen. — Morgen muß ich Briefe von dir haben; du aber von mir schon drei außer diesem.

d. 3ten Jun.

Heute kam der so sehnlich erwartete Brief, aber dein Rückfall in deine mich folternden Zweifel und in allerlei Härten hat meinen Nachmittag bewölkt. Ich wollte noch viel schreiben, aber ich muß warten, bis ein zweiter Brief mich wieder erheitert. So gar glücklich bin ich überhaupt nicht; und meine herrliche Wohnung ist mir am Ende das Liebste. — Nach Heidelberg schrieb ich erst Sonntags. — Veranstalte, daß der Ofen neu gemacht wird. Ich weiß nicht, wie ich etwas zu den Stubendielen geben soll. Daß nur meine Reposi torien, wenn nicht unverrückt, doch ungeändert bleiben. — Dein Vater vergißt, daß er ja eine Frau hat und du Kinder und Mann. — Ich hatte heute viel schreiben wollen. Aber ich kann es in dieser Woche nur thun, wenn dein neuester Brief kommt. — Thieriot kommt nicht hieher und ich nicht hin, obgleich der über alles gütige und brüderliche Wangenheim selber mich nach Mainz bringen wollte. Sei wie du in den letzten Tagen meiner Abreise warst; weiter kann ich dir nichts wünschen und — mir!


R.

Odilie soll ja die Vögel von Erschütterung und lauten Schlägen entfernen. Mit Schubert bin ich zufrieden.

Dem Kutscher ließ ich durch einen Kellner 5 fl. zustellen; laß ihn doch fragen, wie viel er bekommen.

Zitierhinweis

Von Jean Paul an Caroline Richter. Frankfurt a. M., 2. Juni 1818 bis 3. Juni 1818. In: Digitale Neuausgabe der Briefe von Jean Paul in der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), überarbeitet von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=VII_416


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Textgrundlage
D: Jean Pauls sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 7. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1954. Briefnr.: 420. Seite(n): 192-194 (Brieftext) und 407-408 (Kommentar). Konkordanzen Druck-Digitale Edition

Kommentar (der gedruckten Ausgabe) Siglen

H: Berlin JP. 3 S. 4°; 4. S. Adr.: Frau Legazionräthin Richter, Baireut. (Poststempel: Frankfurt 4. Juny.) Der Schluß von 193, 27 an ist abgeschnitten, weil Karoline ihn die Freunde nicht lesen lassen wollte. J 1: Wahrheit 8, 142×. J 2: Nerrlich Nr. 154×. B: IV. Abt., VII, Nr. 115. A: IV. Abt., VII, Nr. 120. 192,8 Sonntag] aus Sonnabend 14 wärmste] nachtr. 193,2 zwei Kinder] aus ein schönes Mädchen von 4 gedrunken 17 so wie die äußere] aus auch die 24 will] aus wird 31 warten] aus es verschieben wieder] aus mehr 194,9 von] aus vor

Angekommen 7. Juni. 192, 9 ein Bekannter Jungs: wahrschein lich der Lotteriedirektor Mals, s. 207, 11f., 217, 14ff. 28 Himly: Gleims Großnichte, Luise, geb. Ahrends, s. Br. III, Nr. 115† u. 194†. 193, 1 Hehndrich: s. Br. IV, Nr. 166†. 5 Engelmann: wohl nicht der ehema lige Sekretär des Frankfurter Museums (Bd. VI, Nr. 247†). 14 Elisabet: Richters Dienstmagd, vgl. 203, 17f. 23 Alert: als Karl Ebenau am 11. Juni 1818 Jean Paul bei Wenner besuchte, „lag sein bekannter weißer Spitz an seiner Seite auf dem Kanapee“. (Zeitschrift f. franz. Sprache u. Lit., 17. Jg., 1895, I, 162.) Er hatte ihn also doch mitgenommen. 24 Betty Gleim (1781—1827), auch eine Großnichte des Dichters, Pädagogin und Schriftstellerin, war mit der Rudolphi, Schwarz und Voß in Heidelberg befreundet (Allg. Deutsche Biogr. 49, 390). 28—33 Karoline war darüber beunruhigt, daß sie außer dem ersten Brief aus Bamberg noch nichts von ihrem Mann bekommen, und hatte sich und ihn mit eifersüchtigen Gedanken gequält; „wer weiß, ob Du nicht die Anzeigen, die ich glühend erwartete, nach Heidelberg schriebst und also schon jetzt anfingest, Deine Empfindungen zwischen mir und ihnen zu theilen, denen Du nun bald näher sein wirst als mir.“ 194, 1 Karolinens Vater hatte ihr geschrieben, er habe am 1. Juni sein Bad bezogen und möchte, wenn dieses nicht die gewünschte Wirkung tue, sie als Pflegerin an seiner Seite haben. 10 Der General Schubaert (Br. VI, Nr. 967†) hatte versprochen, seine Schuld an Jean Paul in wenigen Tagen, wenn auch in zwei Terminen, mit Zinsen zu entrichten.