Edition Briefe von Jean Paul Korrespondenz

Von Jean Paul an Elisa von der Recke. Bayreuth, 25. November 1819.

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Baireut d. 25 Nov. 1819
314,14

Verehrteste Frau Gräfin! Ich wäre nicht werth, so reiche Stun314,15
den des schönsten und reinsten Daseins mit Ihnen genossen zu haben,
wenn ich nicht meiner geliebten Frau einige ähnliche Minuten
davon bei Ihnen zuzuwenden suchte durch dieses Blättchen. Sie
macht ohnehin jetzo eine Reise des Schmerzes zum Grabe ihres
Vaters; und bedarf daher wol des Trostes und Glücks, eine hohe 314,20
Frau kennen zu lernen, deren Lebensweg so oft an geliebten Gräbern
und so nahe am eignen vorbeigegangen und welche doch die Nebel
des Erdbodens nie im heitern Himmel ihres Innern als Wolken
und Nächte hat feststehen lassen. Einst wird die bloße Heiterkeit
des Herzens so gut belohnet werden als jede andere Tugend, ob sie314,25
gleich sich selber belohnt, wie aber jede andere auch thut.


Mit Freude lesen ich und die Meinigen und andere Ihre Reise,
deren Werth und Kraft und Interesse mit der Wärme des Klima
zunimmt; nur daß zum Glücke bei Ihnen die südliche Wärme nie
das nördliche Licht verdunkelt und umräuchert.314,30

Möge meine Frau mich mit einigen Nachrichten erfreuen können,
daß Sie das physische Leben, das Sie so ruhig wie jeden äußern
Menschen ertragen, nicht beunruhige, sondern sogar erheitere; —315,1
und Gott gebe dem milden warmen Geiste einen Winter, der für
den Körper nicht das Gegentheil ist!


Dem geliebten Tiedge, in dem Phantasie und Kraft und Liebe
in seltener Eintracht beisammen wohnen, meinen innigsten Gruß!315,5


Der ewige Verehrer der Unvergeßlichen,
Ihr
Jean Paul

Zitierhinweis

Von Jean Paul an Elisa von der Recke. Bayreuth, 25. November 1819. In: Digitale Neuausgabe der Briefe von Jean Paul in der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), überarbeitet von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=VII_600


XML/TEI-Dokument

Textgrundlage
D: Jean Pauls sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 7. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1954. Briefnr.: 600. Seite(n): 314-315 (Brieftext) und 448 (Kommentar). Konkordanzen Druck-Digitale Edition

Kommentar (der gedruckten Ausgabe)
Siglen

H: SBB, Autogr. I/3077; ehem. Slg. Schaaffs, St. Andrews (Schottland). 3 S. 8°. K: Gräfin [nachtr. Elisa] v. d. Reck. 25 Nov. i: Wahrheit 8, 224. J: Dresdner Morgenzeitung, 2. April 1827, Nr. 53. A: IV. Abt., VII, Nr. 234. 314,24 hat feststehen lassen] aus feststehen ließ H

314,27 Ihre Reise: vgl. 299,32 †.