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54,22
Bayreuth d. 21. Sept. 1809

Deine liebe Handschrift fuhr wie ein Sonnenblick aus dem
Winterhimmel in mein Aug’ und Herz, lieber Heinrich. Ich er54,25
freue mich, daß du mich nicht ganz vergessen hast, und will daher
nicht nachwägen, wie groß das Stück ist, das dir von mir geblieben.
Eigentlich sollten Freunde in dieser dumpfen Zeit sich näher an
einander drängen, um gegen die Verflüchtigung der Plane und Aus
sichten und der äußern Thätigkeit sich durch die innere der Liebe54,30
und der darin zurückwirkenden Vergangenheit einen festen Lebens
Kern zu bewahren. Es geschieht aber gerade das Gegentheil; die
Menschen lieben einander weniger, wenn sie neben einander nur
zuzuschauen haben.

Ich folge jetzt deinem Briefe. 55,1

In meinen sehr ernsten Daemmerungen (sie sind die fortgesetzte
Friedens Predigt) wirst du mehr für dich finden als in meinen
komischen Werken, welche dich, glaub’ ich, zu wenig ansprechen wie
mich viel. Ich erlaubte Cotta — sie sind schon vom August 08 55,5
bis März 09 geschrieben — eine Verspätung der Herausgabe bis
zur Ostermesse 1810. — Nicht am Verlegen, sondern am Machen
deiner opp. omn. fehlts. Cotta nähme sie mit eben so viel Ver-
gnügen als du nachher über seine ganze liberale Handlungs Weise
haben würdest. Auch eigentlich nicht am Machen deiner Werke55,10
fehlts; viele sind schon gemacht, so wie deine Briefe, aus denen
du geben willst; Pensées à la Pascal (die à la Montaigne weniger)
kommen sogleich mit ihrer ganzen besten Form auf die Welt. Du
bist wirklich der jetzigen sich selber immer durchsichtiger aushölenden
Zeit deine Fülle und Aufopferung schuldig sogar (im Zeitmangel55,15
durch Krankheit) auf einige Kosten der Form. Schreibe nur nicht
zu viele Briefe — von mir an bis zu Goethe —; mit dem nämlichen
Magen, Kopfe, Auge (es ist hier blos vom Körper-Hemmschuh
an Apollons oder Psychens Wagen die Rede) hättest du eben so
gut 16 Seiten für den Druck, als 4 für Goethe ausarbeiten und55,20
geben können.

Aber wie Johnson Gespräche über Lesen und Schreiben setzte,
so du (wahrscheinlich) Briefe über Bücher; — und in Rücksicht des
Genusses habt ihr beide Recht. Schriftstellerei muß man sich zu
letzt zur Pflicht machen; hätt’ ich indeß diesen Grundsatz nicht, so55,25
wüßt ich nichts amüsanteres als Briefe und Gespräche. Du als
Präsident und Weltmann und Thée-Geber — den meisten Arzneien
wird Thée nachgetrunken —
d. 24ten

„wirst zum Doppelgenusse des Gesprächs verlockt und genöthigt.“55,30
So werd’ ich haben fortfahren wollen. Über Werner bin ich deiner
ästhetischen und philosophischen Meinung. Am tollsten wurd’ ich
über seinen Luther; daß er aus Luther und Elisabeth solche zer-
floßne Fratzen-Schatten gemacht, dafür hätt’ ihm Luther seinen56,1
ächten Band Tischreden an den Kopf geworfen. Der karfunkelnde
Famulus allein ist ächt theatralisch, wenn er durch einen guten
Schauspieler, einen Weston, Foote, Carlin, oder auch Schuch
richtig dargestellt wird. — Nicht die Darstellung des Mystischen56,5
ist hier die Entheiligung desselben, sondern die Armuth daran bei
dem Bestreben, den Leser in der Guckkasten-Nacht unbestimmter
Floskeln mehr sehen zu lassen als der Kasten-Künstler selber sieht
und weiß. — Die letzten Auftritte des Attila waren mir eine wahn-
sinnige Verschraubung aller menschlichen Empfindungen wie sie56,10
nur jetzt floriert.
d. 4 Okt.

Koeppen war diese Woche bei mir. Sein nordisch-redlicher
Charakter und seine freie philosophische kraftvolle Ansicht haben
mir ihn mehr gewonnen und liebgemacht (so wie dem genialen56,15
D. Langermann) als er selber vielleicht vorausgesetzt, da ich durch
Nachwehen meines Wechselfiebers [ihn] zweimal nicht sehen konnte
und Einmal aus Arbeits-Ursach. Alles übrige erzähl’ er dir selber.

Der freche Tiek sammt seiner frechen Frau und Schwester sind
— nach Bernhardi — wirklich katholisch geworden, um endlich das 56,20
zu sein, was du von einem Dichter so sehr foderest. Nachdem nämlich
Tiek und Schlegel etc. lange genug aus poetischem Scheine und
Spaße vor der h. Marie gekniet, haben sie zuletzt im prosaischen
Ernste angebetet, wie Lügner am Ende sich selber glauben. So
wird denn aus poetischer Form doch Stoff.56,25

Dein Gegensatz der Wissenschaft — als Spinozismus und Pla-
tonismus — wird neuerlich durch Oken recht klar, der „das Zero
„oder Nichts zum Inbegriff der Mathematik und Gott zum
„selbstbewußten Nichts macht und alle Einzelwesen zu bestimmten
„Nichtsen“ folglich zu bestimmten Absolutis. Ich schrieb einmal56,30
aus Spaß, dem transzendenten Steigern bleibe nun kein noch
höheres Prinzip übrig als das Nichts; jetzt sagt der wirklich, „es
existiert nichts als das Nichts.“

Spaßhaft sind mir seine Sprünge wie er von o (wenn wir das57,1
römische Zahlensystem hätten, wär’ er um den ganzen Anfang aus
o-Mangel gebracht) und vom leeren + und — zur Eins hinüber
setzen will. Sonst in andern Fächern ist er ein trefflicher Kopf,
aber durch einen Feen-Fluch der Zeit werden jetzt alle gute Köpfe,57,5
wie in Dante’s Hölle die der Heuchler, umgedreht; die andern guten
köpft der Tod.

Okens Nichts ist ziemlich dem Un-Grunde gleich, den Schelling
in Gott anbringt, um allda für den Teufel Quartier zu machen.

Ancillon hab’ ich noch nicht gelesen. 57,10

Deine Frage über Goethens Faust begehrt zur Antwort ein —
Büchlein. Die poetische Kraftfülle darin begeistert mich. Ich weiß
wol, deine Frage meint mehr die philosophische als ästhetische
Schätzung. Eigentlich ists gegen die Titanen-Frechheit geschrieben,
die er sehr leicht in seinem — Spiegel, wenigstens sonst, finden57,15
konnte. Aber vor der Vollendung des Werks ist kein gerechtes
Urtheil möglich. Daß ihn der Teufel nur dann holen solle, wenn
er einmal wahrhaft befriedigt und seelig wäre, für diesen schweren
Punkt gibts mir keine Auflösung als die, daß er sich bekehrte und
sein hungriges Herz durch den Himmel stillte — und dann käme57,20
der Teufel.

Mögen mir die Dämmerungen bald einen Brief von dir ein-
tragen. Lebe wol! Dein

J. P. F. Richter

N. S. Besser ists, ich frage dich als du mich. Nichts gibts57,25
worüber ich lieber deine bestimmtere Meinung — wovon du nur
das Allgemeine in deinen Schriften gibst — hören würde und auf
was ich gewiß bei einer Durchreise durch Bayreuth am öftersten
gekommen wäre, als der Punkt, worüber die jetzigen Schwärmer
nicht einmal viel schwärmen, weil ihnen mehr an ihrem Woher 57,30
als an ihrem Wohin gelegen ist. Herder’sche, sogar zuweilen
Lavatersche Analogien über das bestimmtere Ob und Wie der
Zukunft sind mir gleichsam Hin- und Herschritte und Wendungen
in einem finstern Bergwerk, an dem man auf dem Boden einen
lichten kleinen Fleck erblickt; man trift vielleicht doch endlich mit57,35
dem Auge oben den Strahl, der ihn macht und der in den — Himmel
ein wenig sehen läßt. Ich glaube jetzt einen höhern Standpunkt
für (nicht über) die Unsterblichkeit zu haben als im Kampaner Thal. 58,1
Freilich wie das All zu Gott, so verhält sich immer dieses Leben —
mit seinem unbegreiflichen entzweieten Zwielicht — zum künftigen
— — aber dich will ich darüber hören, wenn auch nur auf 1 Brief
seite. — Nach dem Kampaner Thal wollt’ ich etwas Aehnliches58,5
über das „Dasein Gottes“ (vergib dieses Pinselwort der Mensch
lein) schreiben; hielt mich aber noch nicht für fromm d. h. würdig
genug dazu. Jetzt könnt’ ich etwas viel besseres darüber sagen;
aber leider! das alte Hindernis ist noch da.
2. N. S. Die alte Herder ist auch todt. 58,10

H: Berlin JP. 4 S. 4° und 6 S. 8°. Präsentat: e. d. 13t Oct. Nach 4. Okt. (56,12, Beginn des Oktavblattes) hat Jacobi irrig zugesetzt: 1810. K: Jacobi 21. Sept. J 1: Roth Nr. 336 und Schluß von Nr. 333. J 2: Jacobi S. 140, 146 (4. Okt. 1810) u. 138 (Schluß des Briefs v. 22. Juli 1808). B: IV. Abt., VI, Nr. 31. 55 , 2 sehr ernsten] aus fast blos H 5 viel] davor gestr. (zu) H vom bis 6 09] aus vor 1 Jahre H 11 viele] aus sie H 13 ganzen besten] nachtr. H 14 durchsichtiger] dünner K 24f. zuletzt] am Ende K 25 indeß] aus aber H 30 Doppelgenusse] aus Selbstgenusse H 33 solche] davor gestr. alles Mark H 56,1f. hätt’ .... geworfen] aus würd’ .... werfen H 10 Verschraubung] aus Verdrehung H 14 Charakter] aus Karakter H 20 endlich] aus wirklich H 26 Dein Gegensatz] aus Deine Abtheilung H 57 , 8 Un-Grunde bis 9 machen.] von Jacobi unterstrichen 9 allda] aus einen Ort H Teufel] danach gestr. zu haben ein H 13 ästhe tische] aus poetische H 16 vor der] aus ohne die H 18 befriedigt] aus glück lich H 28 einer] aus deiner H 34 Bergwerk] aus Hause oder Gewölbe H 35 man bis 37 läßt.] von Jacobi unterstr.
Wahrscheinlich erst am 10. Okt. abgegangen, vgl. Nr. 163 u. 164. Jacobi war durch die im Morgenblatt erschienenen Auszüge aus den „Dämmerungen“ veranlaßt worden, nach langer Pause wieder an J. P. zu schreiben. Er hatte u.a. den Besuch seines Jüngers Fr. Köp pen angekündigt und berichtet, daß er an seinem vor 13 Jahren angefangenen Werke über Offenbarung arbeite, aber zweifle, ob er es bei seinen abnehmenden Kräften zu Ende bringen werde. Er hatte eine Abschrift seines Briefs an Goethe v. 19. Febr. 1808, worin er sich ab fällig über Zacharias Werner, besonders über dessen „Attila“ ge äußert, beigefügt, sowie anscheinend auch Goethes Antwort v. 7. März 1808 (s. Nr. 163; über Werner Nr. 17†). Weston, Foote, Carlin, Schuch: komische Schauspieler! Tieck selber war nicht katholisch geworden, wohl aber seine Frau, seine Töchter und seine Schwester Sophie Bernhardi. Oken: in seinem „Lehrbuch der Natur philosophie“ (1808—11); vgl. I. Abt., XVII, 279 und Köppens „Dar stellung des Wesens der Philosophie“ (1810), Vorwort, S. VIII. In Dantes Hölle haben nicht die Heuchler (ipocriti, XXIII, 92ff.), sondern die Wahrsager die Köpfe nach rückwärts gewandt (XX, 13ff). Jean Paul entnahm das Dante-Zitat wahrscheinlich aus Herders Zerstreuten Blättern, 1. Sammlung (1785), S. 245, wo sich der- selbe Irrtum findet. Ancillon: Jacobi hatte wohl dessen „Mélanges de littérature et de philosophie“ (1809) erwähnt. Karoline Herder war am 15. Sept. 1809 in Weimar gestorben.

Erwähnungen im Kommentar:

Werke

Textgrundlage:

160. An Friedrich Heinrich Jacobi in München. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 6. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1952.

Seite(n): (Brieftext); (Kommentar).
Zur Konkordanzliste aller Bände


Zitierempfehlung:

An Friedrich Heinrich Jacobi. Bayreuth, 21. September 1809 bis 4. Oktober 1809. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=VI_160 >


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