Edition Briefe von Jean Paul Korrespondenz

Von Jean Paul an Caroline Richter. Bayreuth, 25. Dezember 1810.

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Bayreuth d. 25. Dez. 1810

Fünf Tage lief jeder von unsern Briefen; ausgenommen, wenn ich am Dienstage (heute) abschicke und du mit umgehender Post antwortest, dann nur 2½ Tag. Ich und andere haben lange auf den heutigen Brief geharrt.

Meinen vorigen schrieb ich am Begräbnistage Dobenecks. Sie ist in die Post, uns gegenüber, gezogen; resigniert, gefaßt, gesund. Er starb wie ein Engel zu Engeln hinüber. — Max war ziemlich krank an einer Halsentzündung. Ich behandelte ihn nach der asthenischen (kühlenden) Methode; aber am harten 3ten Tage ließ ich endlich Sackenreiter kommen, der die Methode richtig fand und nichts verschrieb, außer äußerlich ein Senfpflaster und innerlich den Pappeltrank.Drei Nächte schlief er hernach mit Anna in der warmen Stube. Dann gab sichs, ob er gleich einige Tage schwere Mattigkeit hatte. Jetzt ist er so frisch wie sonst oder wie Odilia. Beide sehnen sich weder nach dir noch nach Emma (so wenig als die Dob[eneckschen] Kinder nach dem Vater); so sind Kinder; Emma’s Sehnsucht kommt nur daher, daß sie aus ihren lieben befreundeten Umgebungen gerissen ist.

Ich habe nichts gegen deine Reise zum Vater, wenn sie kurz dauert. Du fragst aber mich immer, und eh’ ich antworte, hast du schon alles gethan, was ich verneinen könnte.

Der Kutscher hat schwerlich zu viel gefodert; denn du mußt be rechnen, daß er auch herwärts zu zahlen hatte. — Frankiere keine Briefe; sie kommen so sicherer an; und am Ende gehts doch aus Einem Beutel. — Brauchst du Geld, so nimm einiges auf; ich kann es ja leicht durch Anweisung bezahlen. Überhaupt bin ich, seitdem so vieles meine Kasse und Berechnung bekämpft, ganz gleich gültig gegen das Geld geworden; wozu soll ich mich martern, da doch jeder Gewinn bald wieder sinkt? — Der Anna gab ich, da Amoene es thut (wenn ich sie recht behalten), sechs preußische Thaler und 1 Stollen zu 1 fl.Die Kinder hatten ihren frohen Weihnachts Abend; doch Odilia vielleicht zu wenig; daher theile darnach ein beim Mitbringen. Sie sind eben bei Hake, sonst schrieben sie. — Sie ist ordentlich und ich aufmerksam. — Antonie schickte dir 2 Strumpfbänder und eine Chemisette. — Ich wünschte, ich wüßte über deine Zurückreise die Mittel. Gib in diesen Diebs Zeiten recht auf das Anbinden und unterwegs auf das Bleiben des Koffers Acht; und fahre so wenig als möglich Nachts. Sogar in der Brandenburger Alle[e] wurde Abends ein Koffer abgeschnitten; und einem Beamten in Berneck in der Amtsstube das Amtsgeld abgezwungen. — Dein Vater hat die Rücksicht auf mein Kapital für Minna vergessen; jetzt hat sie vom Richterschen, das sie nicht angreifen wollte, schon 500 rtl. genommen und noch testiert: denke bei ihm oder ihr an mein Recht. — Nach deinem Bericht heilt sie langsam oder kaum; folglich kannst du durchaus nicht dein Bleiben nach ihrem Wahnsinn einrichten. — Emanuel wünscht als der Alles-Liebende, du möchtest bei deiner Durchfahrt durch Gera dem blinden Sachse die Himmels-Stunde deiner Erscheinung geben: gib sie ihm, wenn es sonst geht.

Messerschmidts flatternde Blüten setzen viel Früchte voraus und gefielen mir sehr.

Zitierhinweis

Von Jean Paul an Caroline Richter. Bayreuth, 25. Dezember 1810. In: Digitale Neuausgabe der Briefe von Jean Paul in der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), überarbeitet von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=VI_413


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Textgrundlage
D: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 6. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1952. Briefnr.: 414. Seite(n): 164-165 (Brieftext) und 496-497 (Kommentar). Konkordanzen Druck-Digitale Edition

Kommentar (der gedruckten Ausgabe)
Siglen

H: Berlin JP. 3 S. 4°; 4. S. Adr.: Frau Legations Räthin Richter / Altenburg. Abzugeben bei H. Kammer-Verwalter Ludwig. J: Nerrlich Nr. 125×. B: IV. Abt., VI, Nr. 128. A: IV. Abt., VI, Nr. 130. 164,3 lief bis Briefen] aus laufen unsere Briefe

Karoline hatte geschrieben, sie sei noch ungewiß, ob sie Minna, die von ihrem Vater nach Berlin eingeladen sei, dorthin begleiten solle; Jean Paul möge ihr sofort schreiben, was sie tun solle. Emmas Sehn sucht: Karoline hatte geschrieben, Emma sehne sich unbeschreiblich nach ihren Geschwistern. Kutscher: vgl. B: „Der verdammte Kutscher, daß er Dir so viel Wegegeld abgefodert hat!“ Anna: vgl. B: „Der Anna hatte ich 4 preuß. Thaler bestimmt.“ Hake: vgl. Nr. 124†. Antonie: von Mützschefahl, Schwester der Henriette Schwendler; vgl. II. Abt., V, 290, Nr. 641†. Kapital für Minna: der auf Karoline fallende Erbteil der Mitgift ihrer Mutter war mit Jean Pauls Einwilligung zum Teil für Minna verwandt worden; vgl. 391,12—14. Sachse: vgl. IV. Abt. (Br. an J. P.), VI, Nr. 67. F. Messerschmidt, Professor am Gymnasium in Altenburg, ein großer Verehrer Jean Pauls, hatte durch Karoline Epigramme übersandt, wahrscheinlich die in der Urania auf 1812 abgedruckten Distichen „An Jean Paul“ (Bibliogr. Nr. 2285); vgl. Br. an J. P. IV. Abt., VI, Nr. 214 und II. Abt., V, 434, Nr. 43†.