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[ Bayreuth, 4. und 14. Jan. 1811 ]
175,20
Aus meinem Schweigen werden Sie schwerlich meine Freude an
Ihrem etc. Aristophanes errathen, dessen Wolken mir das Dezember-
gewölk verjagen könnten, wenn es tief auf mich hereinhinge ...
daß Sie uns den ganzen Aristophanes geben, den uns das attische
Museum fast nimmt, indem es ihn gibt. Ich würde meine Freude175,25
noch stärker ausdrücken, wenn ich griechische Gelehrsamkeit genug
besäße, um das Vor-Echo Ihrer Lobredner zu sein. Indeß haben
Sie mich besser als einer mit diesem Genius bekannt gemacht, dem
sogar ein Äschylos nicht gefiel und der (aber mit Recht) einen
Sophokles vorzog. Wer an dessen Obszönitäten ein Aergernis 175,30
nimmt, sucht eines und ist selber eines. Eben so gut wäre die ganze
Anatomie und Physiologie eine Obszönität. Eine bei Aristophanes176,1
oder bei Juvenal oder Rabelais wirkt gerade so sittlich als manche
französische oder wielandische Hand unsittlich, welche wie die be-
kannte an der Venus zudeckt .... Nur verschatten Ihnen fast ein
wenig die Wolken den Sokrates, diesen liberalern athenischen 176,5
Kato II, das Ideal eines Platons, das nicht einmal Aristoteles
angegriffen. Überhaupt wissen wir von Sokrates Jugend so wenig,
als von Christus Jugend; — desto jämmerlicher; — ich gäbe für
diese beiden Jugendgeschichten die römische und die halbe deutsche
Kaiserhistorie; denn solche Leute sind nicht Menschen, sondern176,10
Welten und verkörpern soweit möglich die Ewigkeit. Mein Herz
hat indeß den rechten Sokrates nie weder in Platon noch in
Xenophon ganz gefunden sondern in beiden widerspänstigen und in
kleinen Anekdoten .... Fahren Sie ja — bei der Kraft Ihres
Bundes ältester Literatur mit neuester — fort, diesen kolossalen176,15
Satyr aus dem Schutt der Zeit hervorzugraben, wiewol wir nur
Glieder, nicht einmal den Torso finden ... Die Glücksgöttin sei
Ihnen so günstig als die Muse es ist!

K (nach FB Nr. 22): Welcker [aus Welker] in Gieß. d. 4. u. 14 Jenn. i: Denkw. 3, 235. B: IV. Abt., VI, Nr. 105. A: IV. Abt., VI, Nr. 178. 175 , 32 siehe da] nachtr.
Welcker hatte „als ein Zeichen seiner Verehrung“ seine Übersetzung der Wolken des Aristophanes (1810) übersandt; vgl. I. Abt., XI, 123, Fußnote. Im Attischen Museum hatte Wieland Übersetzun gen der Ritter (1797), der Wolken (1798) und der Vögel (1806) ver öffentlicht.

Erwähnungen im Kommentar:

Werke

Textgrundlage:

442. An Professor F. G. Welcker in Gießen. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 6. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1952.

Seite(n): (Brieftext); (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Friedrich Gottlieb Welcker. Bayreuth, 4. und 14. Januar 1811. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=VI_442 >


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