Edition Briefe von Jean Paul Korrespondenz

Von Jean Paul an Caroline Richter. Erlangen, 6. Juni 1811 bis 7. Juni 1811.

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192,26
Erlangen d. 6. Jun. 〈Donnerstag〉 1811

Meine liebe gute Caroline! Wie einen jetzigen schönen Morgen
hab’ ich endlich deinen lang’ ersehnten Brief erhalten. Jedes Wort
aus dir war mir süß. Zum Glück’ erhielt ich ihn nicht abends,192,30
wo ich mich sehr und beklommen nach dir und Kindern sehne. Ich
aß nämlich bis hieher jeden Abend zu Hause, allein, ein Stückchen
Käse und Brod (aber Mittags desto derber).


Ich will aber von vornen anfangen. Max war unterwegs so 193,1
zart, gefällig, vorsichtig, genügsam, alles liebend, alles ordnend
(er vergißt gewiß nie etwas auf Reisen) und überhaupt so gut,
daß ich sah, ich könne die Früchte der Erziehung meiner Kinder am
besten — auswärts pflücken und wie sehr sie besser sind als sie oft193,5
scheinen. Er schlief die Nacht angekleidet ohne Bettdecke so fest
wie ein Todter; am Morgen war er rasch — und sein Abschied
wollte den ganzen Tag nicht aus meiner Seele gehen. — Mein
Quartier ist nicht so wie ichs gewünscht sondern sogar noch besser
— die 3te Stube, die für dasselbe Geld mit dazu gemiethet war,193,10
nahm ich nicht einmal an. Alles mein Heer von Bedürfnissen ist
befriedigt — sogar das Bett ist recht und wie meines — die Magd
der halbalten Mad. Schilly kommt wenn ich klingle und ist ehrlich
und hurtig und macht Kaffee und Bett wie ichs haben will. Der
Gastwirth Toussaint, der mich schon früher kannte, erfüllt mir 193,15
jeden Wunsch so wie der dienstfertige Prof. Mehmel. — Ich habe
noch bei niemand gegessen, bin blos bei den Prof. Mehmel, Hilde-
brand
und Ammon gewesen, habe aber einen Wust Menschen
gesprochen. Am Morgen wohnt der Himmel in meiner einsamen
Stube voll Bücher und ich bin so heimisch aber einsamer da als193,20
in Bayreuth. In den Welsenschen Garten, der mir ohne Schlüssel
und ohne 6 kr. offen steht (eines von beiden muß man sonst mit
bringen), ging ich während der großen Pfingstkirchweih, die dir
Otto ohne Dinte malen kann. Diese Garten-Terrasse ist der einzige
Naturthron der bettelhaften Umgebung Erlangens; indeß doch193,25
tief unter allen Schönheiten Bayreuths. Die Stadt selber ist eine
der glänzendsten, denn sie besteht aus Einer Hauptstrasse und einer
Querstrasse, die als ein Kreuzbalken jene durchschneidet; neben
beiden sind zum Überfluß noch kurze Sackgäßlein angebracht. Frage
nur Otto. Dieß allein (der Mangel an Gesellschafts-Menschen, 193,30
nicht an Gelehrten) würde mich von einem Einzuge hieher ab
schrecken, zu welchem man mich bereden will. Das einzige para
diesische, himmlische ist das, was eine halbe Stunde — vor Erlangen
aufhört, der Weg durch das Bambergische. — Ordentlich mit
Sehnsucht werd’ ich an meine vertraulichen Stunden mit meinen193,35
2 — Stuben, im Winter zurück denken. — Die Malzen will ich 194,1
noch sehen. — Auf Einen Tag geh’ ich vielleicht nach Nürnberg.
Das Bier ist so gut daß ich ungeachtet des mehreren Trinkens doch
bisher nie am Morgen etwas spürte; Rosoglio hab’ ich mir, da
ich weniger zu arbeiten habe, im Ganzen abgewöhnt; selten ein194,5
Spitzgläschen. Ich bin ungewöhnlich gesund und scherze häufig in
Gesellschaft. — Ich lege die Feder weg, um heute einmal besser
als gewöhnlich zu soupieren, erstlich ein Stückchen Preßsack, dann
ein Stückchen Dessert-Kuchen. Ach eingeschnittene Kartoffeln, wo
seid ihr? In einer ganzen Woche keine.194,10

Freitags

(Setze auch den Wochentag statt des Datums)


Danke Otto für den Kuchen und quäle ihm oder A[mönen] den
Preis und das Porto eines ganzen ab (denn der vorige halbe ist
noch unbezahlt). Entziehe ja dir und den Kindern den restierenden 194,15
Kuchen nicht, von welchem bei meiner Ankunft genug verhärteter
übrig bleiben wird. An meinen Otto und Emanuel, die beide
herzlich grüße, schreib’ ich nächstens. — Ich eile, damit der Brief
nur heute abläuft. Alle süßen warmen Zeilen des deinigen hab
ich oft gelesen. Ich will künftig ein Blatt für dich herlegen und194,20
jeden Tag etwas daran schreiben, um nicht von der Eile im Genuße
des Schreibens gestört zu werden. — An Jung hab ich hier Nach-
richt erlassen. — Wie könntest du denn über die Wichtigkeit der
Briefe ohne deren Erbrechen entscheiden? Schicke mir sie ohne
Couverts des Portos wegen; hebe aber die Couverts auf. —194,25
Meine 1) Papiere und 2) Bücher soll die Magd (nicht der Wind)
ausstäuben; an der Ordnung der erstern ist mehr gelegen als der
andern. Meine Stube fertige ja am ersten ab. — Lasse die Kinder
gar nichts von meinen Sachen, auch nicht von den Büchern nehmen,
weil leicht die Zettel darin verloren gehen. — Der Kutscher fährt194,30
prächtig, ist aber eigennützig; ich bezahlte immer die Zwischen
Freßstücke; gab ihm fünf 24ger Trinkgeld — und er war recht laut
froh darüber — am Morgen sagt’ er doch, er werde für das Mehl
von dir noch einige Kreuzer kriegen — die er auch gewiß wird ge
fodert haben. — Wieder gestört. — Lieber wenig als zu spät auf194,35
die Post. Lebe wol, wol, liebe, liebe Seele! Das nächstemal mehr
Worte aus dem Herzen als Nachrichten.

Zitierhinweis

Von Jean Paul an Caroline Richter. Erlangen, 6. Juni 1811 bis 7. Juni 1811. In: Digitale Neuausgabe der Briefe von Jean Paul in der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), überarbeitet von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=VI_489


XML/TEI-Dokument

Textgrundlage
D: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 6. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1952. Briefnr.: 489. Seite(n): 192-194 (Brieftext) und 510 (Kommentar). Konkordanzen Druck-Digitale Edition

Kommentar (der gedruckten Ausgabe)
Siglen

H: Goethe- u. Schiller-Archiv (4 S. 8°) und Berlin JP (2 S. 8°, ab 194,11). J 1: Wahrheit 7, 242×. J 2: Nerrlich Nr. 127×. B: IV. Abt., VI, Nr. 157. A: IV. Abt., VI, Nr. 159. 194,6 ungewöhnlich] aus ganz

Am 9. Juni angekommen. Jean Paul war am 1. Juni, Sonnabend vor Pfingsten, in einem gemieteten Wagen nach Erlangen gefahren, begleitet von Max, der am nächsten Tage mit dem gleichen Wagen allein zurückfuhr. 193,13 Schilly: richtig Gilly, s. 208,28. 17f. Georg Friedr. Hildebrand (1764—1816), Prof. der Medizin, Chemie und Physik in Erlangen; Chr. Friedr. Ammon (1766—1849), Prof. der Theologie ebenda, früher in Göttingen, vgl. Br. II, Nr. 602. 34 Weg durch das Bambergische: vgl. I. Abt., VII, 235,13ff. 194,13 Kuchen: vgl. B: „Deinen am Heilig Abend [1. Juni] angelang ten Festkuchen schicke ich Dir zum Theil, die andere Hälfte heb’ ich bis zu Deiner süßen Wiederkunft auf, da ich weiß, daß Du ihn auch in seiner Versteinerung achtest.“ 22 Jung: Karoline hatte geschrieben: „Mich jammert es, daß der arme Jung so lange auf Deine Antwort warten muß — Soll ich ihm vorläufig schreiben?“ Vgl. IV. Abt. (Br. an J. P.), VI, Nr. 154 und Fehlende Nr. 28. 23 Wichtigkeit der Briefe: vgl. B: „Briefe sind noch nicht angekommen; wie soll ich sie denn beurtheilen, ob wichtig oder nicht, wenn ich sie nicht aufmache, und darf ich das?“ 26 Wind: vgl. B: „Deine Fenster mache ich zu und auf, nachdem der Wind es erlaubt.“ 33 Mehl: der Kutscher hatte Erlanger Mehl mit nach Bayreuth zurückgebracht.