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raptim
Nürnberg d. 6. Jun. 1812 [Sonnabend]
268,13
Kürzeste Fata vor und in Nürnberg; meinem Otto und
Emanuel gehörig, denen ich bald schreiben werde.
268,15

Etwas schöneres als Luft und Himmel und Pferde gabs auf der
Herreise nicht — ausgenommen das fortgehende Sprechen im
Wagen. Mit Seebeck wollt ich ohne Langweile und Schweigen
nach Rußland reisen. Weder Gesprächstoff noch Wein ging aus.
Um 8 Uhr langten wir an und konnten den goldnen Reichsadler 268,20
nicht gleich finden, weil wir überall irre fuhren. Als ich bei dem
Aussteigen von bestelltem Quartiere sprach, wußten Kellner und
Hausknecht nichts davon, und der Wirth war nicht da. Am Gast-
hof war kein Fenster erleuchtet — das Erdstock unbewohnt —
miserabler Eingang und Aufsteig ins 2te Stockwerk — eine große268,25
Stube, worin, die Kommode ausgenommen, nichts für die Kleider
und Bücher war, nicht einmal ein Haken — Seebeck wollte neben
mir logieren; und seine Stube war auch groß und gut genug wie
meine, nur fehlte der Ausgangthüre das ganze Schloß und nachher
der Schlosser. Alles wurde wie auf Berge mühsam herauf ge268,30
schleppt, und Seebeck versah als Glöckner in einem fort an der
Thürklingel sein Amt mit schönem Feuereifer und donnerte dabei.
Doch letzteres mit Unrecht; denn daß der kurze Kellner mit dem
Zucker zu seinem Selterwasser zu lang ausblieb, da war nur dieß
schuld, daß sie im goldnen Adler gar keinen hatten. Es wäre zu268,35
weitläuftig, alle die ehrenrührigen Namen vorzuzählen, welche er269,1
dem Prof. Schweigger zuwarf; bei Hasenfuß u. s. w. fing er an.
Er wollte auf der Stelle wieder einpacken. Ich, der es nicht einmal
nöthig gehabt hätte, da wegen der allgemeinen Langsamkeit und
Lauferei noch nichts ausgepackt war nach ¾ Stunden, spielte meiner269,5
Gewohnheit gemäß das Lamm und blieb sedat und sagte, zum
Übereilen hätten wir morgen noch Zeit genug. Er kann meine andere
Bemerkung bezeugen, daß ich kein besseres Zeichen einer nächsten
schönen Zukunft kennte als wenn man in der ersten Stunde in einem
Gasthofe es miserabel habe; und daß dieser desto mehr verspreche,269,10
je weniger er verspreche.

Jetzt kam der Wirth endlich, ein höflich-junges Männchen —
darauf Schrag, an welchen ich im Jammer geschickt — dann gar
Schweigger, welcher meinen letzten Brief, der Freitags erst Nach-
mittags aufgegeben worden, um 1 Posttag zu spät bekommen.269,15

Vieles ging nun gut und Seebeck blieb, weil ich ihm mein
Zimmer statt eines Schloßes gab und tiefer zog.

Am Morgen zog er aus; und da die Zwei gilt, errieth ich alles
und ging hoffend auf mein Ausziehen zur Gräfin Monts. Die recht
zu ehrende Frau liegt seit 8 Wochen an Faul-, dann Schleim-, jetzt269,20
Wechselfieber bis zur Entstellung krank! Ich trug meine Noth vor;
— und kurz, sie machte mich glücklich, denn ich theile jetzt (aber
schwerlich komm’ ich ihr künftig wieder so nahe) jetzt mit der Sophie
Kettenburg
Zimmer, Kammer und Bett; und logiere köstlich auf
dem Roßmarkte bei Mad. Krause N. 322 dem goldnen 269,25
Reichsadler gegen über
und habe so viele Schubladen,
Wandschränke, Wandhaken und so gute Leute, daß mir eben
nichts fehlt sondern daß Erlangen sich wiederholt nach
meiner Zwei durch ein Freuden-Echo.

Während meines Einspruchs bei der Gräfin besuchte mich Jacobi 269,30
um 10 Uhr, der schon um 9 Uhr nach einer stärkern Überreise
angekommen war und der briefmäßig erst um 2 Uhr eintreffen
wollte.

Um 11 Uhr hatt’ ich ihn an meiner Brust. Ich hielt einen alten
Bruder und Bekan[n]ten meiner Sehnsucht in den Armen. — Kein269,35
Weltmann außer im schönsten Sinne — der stille edle Alte — —
Mir war als säh ich ihn blos wieder — Überall Zusammenpassen
— Sogar seine Schwestern gefielen mir — Abends gingen diese ge- 270,1
wöhnlich zu Bette und ich saß allein neben ihm und sie baten mich,
ihn nicht in seiner Kindlichkeit zu lange fortsprechen zu lassen, und
setzten doch die Bouteille hin — Sie wurde nicht angefangen oder
angebrochen und ich schonte ihn — So ging es in Einem fort — Vor270,5
gestern (Freitags) fuhr ich mit ihm nach Erlangen sammt vielen
andern Nachfahrern und halb Erlangen aß oben im Welsischen
Garten. Das Übrige in ordentlichen Briefen; denn hier fehlt nicht
nur mehr Licht, auch Schatten. Heute Sonnabends entflog er.
Es ist unmöglich, den alten Mann nicht zu lieben; und sogar sein270,10
philosophischer Feind Hegel liebt ihn jetzt.

H: Berlin JP. 4 S. 4°. K 1: An Otto u. Em. 6 Jun. K 2 (von Emanuels Hand): SBa. (Darunter Notiz Emanuels: „Am 19 Jun. beantw.“) J 1: Wahrheit 7, 271× (5. Jun.). J 2: Denkw. 1, 242 (nach K 2). J 3: Nerrlich Nr. 134×. A: IV. Abt., VI, Nr. 204. 268,13 6.] aus 5. H 14 Kürzeste] aus Kurze H 19 aus] davor gestr. uns H 33 daß] aus als H 269 , 2 zuwarf] aus gab H 6 blieb] aus war H 7 morgen] davor gestr. ja auch H 8 be zeugen] aus bestätigen davor noch K einer] meiner K 30 besuchte] aus wollte H 36 Sinne] danach gestr. — kein Unruhiger H 37 säh] aus seh H 270 , 5 ihn] davor gestr. sie und H Vorgestern (Freitags)] aus Gestern H 7 Nachfahrern] aus (wie heute ab.) H 9 mehr] nachtr. H
Dieser und der folgende Brief wurden durch den am 8. Juni nach Bayreuth zurückfahrenden Seebeck bestellt. Die Überschrift spielt auf den Nebentitel der Palingenesien an: „Jean Pauls Fata und Werke vor und in Nürnberg.“ Der Schluß ist, wie die Korrektur 270,5f. beweist, erst Sonntag (7.) geschrieben, 269,19 Gräfin Monts: vgl. 199,36†. 23f. Sophie Kettenburg: wohl eine Tochter des 1809 verst. bayreuther Kammerpräsidenten und preuß. Ministers Karl Friedr. Chr. von der Kettenburg. 30—32 In seinem Handkalender von 1812 hat sich Jean Paul im Mai notiert: Jacobi d. 22 Mai, reiset ab d. 31ten Mai, kommt den 2ten Juny um 2 Uhr in Nürnberg [an], logiert im rothen Roß. 270,9 Schatten: vgl. 272,22ff., 273,5ff. 11 Hegel war damals Rektor des Nünberger Gymnasiums und hatte sich dort mit Maria von Tucher verheiratet.

Textgrundlage:

648. An Otto und Emanuel. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 6. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1952.

Seite(n): (Brieftext); (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Emanuel und Christian Otto. Nürnberg, 6. Juni 1812. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=VI_648 >


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