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274,16
Nürnberg d. 13. Jun. 1812 [Sonnabend]

Mein guter alter Emanuel! Noch hab’ ich den gehofften Brief
von Ihnen nicht bekommen, ob ich gleich die Hoffnung auf das
Briefchen gründete, das Max bei Ihnen an mich aufsetzte. — Sie 274,20
gaben mir ein eignes Denkmal der Erinnerung mit, nämlich den
gepackten Koffer; so wie ich Papiere nach Papieren daraus auf
wickelte, so war es, als sagten Sie mir auf allen ein Liebewort,
Sie klassischer Packer! Es ist ein halb wehmüthiges Gefühl, die
wolwollende Mühe des abwesenden Freundes einsam vor sich zu274,25
haben. — Ich schreibe Ihnen hier von allem nichts, was Sie bei
Otto zu lesen haben können, z. B. von Jacobi. Mein Frohsein —
ziemlich doch gestört durch kalt-düsteres Wetter und eine kranke
Fuß-Zeigezähe, welche mich nur in Schuhpantoffeln ausgehen läßt
— besteht meistens in Einsamsein. Für mich ist ein einsames274,30
Stübchen ein geistiger Brunnensaal voll Arzeneiwasser und ich heile275,1
mich von manchen Miniatür-Sünden. Ich habe — so lächerlich
es klingt — jeden Tag eine kleine Unart blos durch Denken und
Üben ins Gegentheil zu verwandeln und schreibe dann für jeden
Morgen die auf, gegen welche weiter zu medizinieren ist. Wörtlich275,5
wahr ists. Das erste war: 1) „nichts verschiebe“ (hier mein’ ich
aber nicht Verschieben wichtiger Sachen, welchen Fehler ich nie
hatte, sondern kleiner, z. B. das Nachtgeschirr hinaus zu tragen,
oder das Kaffeegeschirr auf den andern Tisch zu setzen. Am zweiten
Tage: „erhebe dich über kleine Unlust“ d. h. krächze und ächze nicht275,10
z. B. am Morgen, wenn du erst Hemd ab- und anziehen mußt,
deßgl. enge Sonntag-Strümpfe und das Übrige, bis du auf deinem
Kanapée vor dem Buche ruhig zu liegen kommst. Vielmehr halte
jedes überwundne Kleine für eine neue zweite, dritte Freude, bis
du sitzest und liest. Am dritten Tage: „habe nach einer Gesellschaft275,15
„nichts zu bereuen, sondern sei eher zu furchtsam als zu kühn; denn,
„mein Guter, so oft du mit Wolgefühl glaubst, du sprächest nur
„kühn, so sprachst du schon zu kühn.“ Und so nimmt das Bessern
gar kein Ende; und die vorigen Besserungen jedes Tags werden
dabei immer rekapituliert. Morgen hab’ ich die jetzt leichte Besserung275,20
auf: „Setze gewaltsam dich im Zürnen mehr in die fremde Stelle als
„in deine eigne.“ Dieß bezieht sich darauf, daß ich mich, zumal bei
losgelassener Kraftfülle, nur ¼ Stundelang hinzusetzen brauche, um
durch Aufhäufen der Phantasie mir selber gute Menschen an- und
vorzuschwärzen. Und freilich ist das Recht wie das Unrecht nicht275,25
immer an meiner Seite. — Der komische Ton mache Sie nicht irre
an meinem innigsten Ernst. Es gibt nun doch kein anderes Mittel
im Himmel und auf Erden, das Innere zu heilen und zu beglücken
als nur durch das angestrengte Innere selber; und es ist dumm, kurze
Hülfen von außen für fortwährende zu nehmen.275,30
d. 15. Morgens

Im ganzen Hause wohnen nur die alte prächtige Frau, eine
14jährige nicht schöne aber gutmüthige Nichte und die etwas ält-
liche aber flinke und redliche Magd. Ich brachte dieser vom276,1
Essen zuweilen etwas Süßes mit; — aber sie theilte das Stückchen
unten in 3 Stückchen für ihre Doppel-Herrschaft. Aus Freude über
dieses Zusammenleben ließ ich letzterer daher für ½ rtl. Schokolade
holen, da sie mir ohnehin immer noch mehr anbieten als ich brauche.276,5
— In der G[roß] H[erzoglich] Frankfurter Zeitung steht aus Posen,
daß allen Officieren, bis zu den Generalen und „Königen“ hinauf
befohlen sei, jeder ein Zelt und Lebens Mittel auf 14 Tage mit
zunehmen. — Der König von Preußen wurde von Napoleon aus-
gezeichnet behandelt und sogar zuerst besucht. — Der Oberst von276,10
Ramdahl machte mich bei dem großen Monatessen im Museum
zu seinem Gaste. Es waren viele Exzellenzen da; aber kein schönes
Gesicht, welches — wie ich auch auf dem Museums Balle sah — das
einzige Blumengewächs ist, das hier spärlich gedeiht. Übrigens
find’ ich hier überall mehr altes redliches Deutschthum, und unter 276,15
dem männlichen und weiblichen Volke (peuple) weniger Sitten
verderbnis als in Baireuth. Auch die höhern Stände findet die
Monts besser als den zeitfressenden bair[euther] Adel, vor welchem
sie sich eben deßwegen hieher geflüchtet; und sie billigte es ganz,
daß ich (auf Kosten meines Rufs leider!) dieses Volk vom Thee276,20
tische weggebrummt. — Ich lebe hier wolfeiler als in Baireuth,
wie Ihnen C[aroline] spezifizieren kann, und ich könnte ersparen,
wenn ich länger bliebe. — Da hier jetzt die Hunde ein Halsband
oder einen Führbindfaden haben müssen, um nicht todtgeschlagen
zu werden, hab’ ich meinem eine Visitenkarte umgehängt:276,25

Alert.
Wirklicher Hund
von H. Jean Paul
p. f. v.
p. p. c.
276,30

— Wahrscheinlich nehm’ ich meinen Rückfuhrmann aus Bai- 277,1
reuth;
dann werd’ ich Sie, Ihre erste Güte zu wiederholen bitten
müssen.

Mitwochs Morgen. Leben Sie wol; auf meinen Simultanbrief
hab’ ich noch keine einzige Antwort, geschweige zwei.277,5

Richter


H: SBa. 3 S. 4°; 4. S. Adr.: Emanuel. K: Eman. 13 Jun. J 1: Wahrheit 7, 282×. J 2: Denkw. 1, 245. A: IV. Abt., VI, Nr. 204. 274,18f. den .... nicht] aus keinen H 22 Papiere] aus Blatt H 23 auf allen ein Liebewort] aus auf [aus darauf] ihnen etwas H 29 ausgehen] aus gehen H 275 , 2 Miniatür-Sünden] aus Gebrechen H 4 zu verwandeln] aus ver wandelt H 7 nie] aus nicht H 8 das Nachtgeschirr] aus den Nachttopf H 12 enge] davor gestr. frische H das Übrige] aus mehr dergl. H 13 ruhig zu liegen kommst] aus liegen kannst H 17 sprächest] aus seiest H 23 hinzu setzen brauche] aus hinsetzen darf H 276 , 3 Doppel] nachtr. H 8 sei] aus wäre H 14 spärlich] aus nicht H 18f. vor welchem sie sich ... geflüchtet] aus dem sie ... entfloh H 21 weggebrummt] aus fortbrummte H 22 er sparen] davor gestr. viel H 27 Wirklicher] nachtr. H
275,15—18 vgl. II. Abt., V, 288, Nr. 631. 276,18 baireuther Adel: vgl. Nr. 619†; J 2 ergänzt unrichtig „bayerischen“. 29f. pour faire visite, pour prendre congé.

Textgrundlage:

651. An Emanuel. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 6. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1952.

Seite(n): (Brieftext); (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Emanuel. Nürnberg, 13. Juni 1812 bis 15. Juni 1812. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=VI_651 >


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