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332,30
Baireuth d. [3.] Jul. 1813

Ich habe nicht den Muth, zu schreiben den heutigen oder dritten,
weil ich nur weiß, wann ich anfange, aber nicht wann ich endige.
Sonst übrigens stell’ ich es als feste Regel auf, nicht nur Monat-,333,1
auch Jahrzahl vor Briefe zu schreiben, — unähnlich den Brief
stellerinnen; — nach vier Wochen oder Jahren entsinnt sich kein
Mensch mehr des Datum, so sehr auch jeder im Augenblicke des
Schreibens und Lesens kein Vergessen sich denklich denkt.333,5

Mein guter alter Thieriot! Ihre Schreibgüte überwältigt
meine briefliche Faulthierheit. So oft fuhr ich mich an — denn
oft ärgert man sich, daß man nicht zwei mal 〈als Doublette〉 da
ist, um mit dem einen Exemplare 〈Ich〉 das andere 〈Dito Ich〉 zu
prügeln — daß ich auf Ihre mir so lieben, so reichen Briefe so333,10
lange geschwiegen; und mein Schweigen auf hundert andere Briefe
war keine Entschuldigung bei Ihren, zumal da Sie immer mit
2 Herzen und Köpfen auf einmal an mich schreiben durch Ihre
treffliche Eva, die Äpfel von einem Baume des Erkenntnis reicht,
auf welchem keine Schlange sitzt. Und ich will denn bei dieser333,15
Gelegenheit auch nicht versäumet haben, meinen Glückwunsch zu
Ihrer nun vollstreckten Vermählung beider abzustatten und dabei
zu wünschen, daß sie und Sie nicht nur dieses Jahr, sondern auch
noch viele andere in vollem u. s. w.

Wahrlich, ich bin Ihrer Gattin herzlich gut, erstlich als einer 333,20
solchen Frau und zweitens als einer solchen Dichterin und endlich
als allem was sie ist. Wenn ich sie nur einmal gesehen hätte! Wir
beide würden schon alte Freunde an der Thüre, blos wenn sie mir
nur zuriefe: herein! — Ihre Exzerpten aus ihr gefallen mir un
endlich und Sie sollten die Gute nur ganz abschreiben. Ich meines333,25
Orts nähme in solchem Falle eine kurze Bleistiftfeder mit ins Ehe
bette und trüge an der Wand, was sie etwan darin sagte, heimlich
nach für den Tag. So aber geht für den Tertium Wichtigstes
verloren.
d. 5. Jul.
333,30
Ich danke Ihnen, daß Sie mir immer Briefpost und fahrende Post
zugleich zuschicken, nämlich mit Ihren Briefen immer Menschen
wie Ackermann, Graff, Patzig. — Sie thäten mir einen Gefallen,
wenn Sie die Ihnen so nah’ seßhafte Harms (Berlepsch) be-
suchten und ihr meinen Gruß und die wahrhafte Versicherung333,35
brächten, wie warm sie in meinem Andenken lebe, da sie von hier
an bis nach Regensburg mich unbeschreiblich verläumdet und 334,1
Lügen über meine Trinkunmäßigkeit, ja Unsinn darüber, nachdem
ich alles ihr auf meinem Kanapee widerlegt und auf die Quellen
zurück geführt hatte, auf ihrem Wege auszusäen gut verstanden.
Wünschen Sie ihr übrigens, das Donnerwetter soll’ in sie fahren,334,5
damit der Teufel aus ihr fährt, nämlich der, welcher die wenigsten
Menschen verläumdet, nämlich nur die guten.

Aber lieber besuchen Sie einen trefflichen Mann, der mir so
viel Pfunde Emme[n]thaler Käse geschickt als meine opera wiegen,
die er alle hat und schätzt. Er heißt Mumenthaler in Langenthal. 334,10
Diesem köstlichen liebenden Manne bringen Sie einen ernst-warmen
Gruß und schildern Sie ihm mein In- und Exteriör lebhaft. Er
frißt Sie vor Liebe und Lust; dasselbe können Sie dann mit seinem
Käse thun. Auch schreiben Sie mir etwas Persönliches von diesem
Seltenen, dem ich mit Mühe auch das Seltene, nämlich die grön- 334,15
ländischen Prozesse und die Teufels Papiere verschaffen mußte.
d. 12. Jul.

Ich wollte, Sie hätten meinen Katzenberger und meinen Fibel
gelesen; man will viel daraus machen, was ich selber vorher, obwol
in anderem Sinne, auch wollte. Die neue um 18 Bogen reichere334,20
Vorschule ist auch da. Jetzo koch’ ich und brat’ ich an einem
großen komischen Werke. In diesem aber — hab’ ich mir ge-
schworen — will ich nicht wie bisher, der ich in allen meinen ko
mischen Werken, gleich einem Kinde, das in Kugelgestalt geboren
und dann gerade in Wickelkissen gekreuzigt wird, immer den334,25
strengsten Kunstregeln nachgab und leider nur zu regelrecht war,
es wieder thun, sondern ich will mich gehen lassen wie es geht —
hinauf hinab — flug- und sprungweise — wahrhaft kühn — frei
von allem Gellertismus und Dykismus — — Freund, ich will im
Alter meine Jugend nachholen und postzipieren. —334,30

Sie und Eva sollten meine drei Kraftkinder, in Körper- und
Seelenblüte, sehen; und in angeerbter kindlicher Unschuld, obgleich
mein Junge jetzo fast mehr Griechisch kann als sein Vater. Wahr-
lich in den ersten Quinquennien kann man den Kindern einen un
auslöschlichen Werth wie Unwerth anerziehen oder lassen; später334,35
verderbt sie kein fremdes, ja kaum elterliches Widerspiel. — Gesund
bin ich von der Glatze bis zur Ferse. — Noch zog der Krieg nur335,1
um mich mit seinen Blitzen herum; zög’ er aber über meine Glatze,
so müßt’ ich wol auf einige Stunden scheiden, um ganz wieder
zukommen. Ich könnte hier prophezeien, wär’ es loci.

Da mein treuer Emanuel das Blatt einschließen will: so leg’ 335,5
ich kein neues mehr an, sondern wünsche wol zu leben und oft zu
geigen, da man wol Wissenschaften mit Vortheil eine Zeit lang
aussetzt, aber Kunstfertigkeiten nur mit Nachtheil.
Nachschrift.
Gute Eva! Da Weiber stets mit Nachschriften schließen — wie335,10
denn Eva selber ein Postskript Adams, ja das der Schöpfung war
— so mach’ ich meinen ganzen Brief zu einer. Ich wünschte, Sie
schickten mir einen kleinen Waschzettel aller der bösen Seiten, die
Ihr guter Mann an sich erst in der Ehe wider Vermuthen auf-
deckt. Für meinen eignen Gebrauch hab ich mir gute männliche335,15
Fleckkugeln angeschafft und könnte dienen. Er hingegen kann wieder
bei meiner Frau nach weiblichen Fleckkugeln fragen. — Ich brauche
aber nicht erst eine Nachschrift zu beschließen, um Ihnen zu sagen,
mit welcher Hochachtung ich schon seit so langem verharrete

Ihr335,20
Jean Paul Fr. Richter


H: Berlin Varnh. 213 (derzeit BJK). 4½ S. 4°. (Es folgt noch ½ S. von Emanuel an Eva.) K (nach Nr. 771): Thieriot den 3. Jul. p. ab den 17. J 1: Wahr heit 8, 5×. J 2: Denkw. 1, 482×. B: IV. Abt., VI, Nr. 119? 332,31 der Monatstag ist ausradiert H 33 wann1] aus wenn H 333 , 5 denkt] aus dachte H, dachte K 9f. zu prügeln] aus auszuprügeln H, auszuprügeln K 14 Äpfel von einem] aus einen Apfel vom H 17 abzustatten] aus zu überreichen H 23 würden bis Thüre] aus wären schon Freunde geworden H 334 , 3 alles] aus es H 5 Wünschen] aus Sagen H 34 Quinquennien] aus Jahren K 335 , 5 das Blatt] aus den Brief H 7 Wissenschaften] aus eine Wissen schaft H 11 ja] und K 15 männliche] nachtr. H
333 , 24 Exzerpten: Thieriot teilte in seinen Briefen häufig Aus sprüche Evas mit; vgl. Nr. 449f. 33 Wilh. Heinr. Ackermann (1789—1848), ein Voigtländer, Jünger Pestalozzis, 1811—13 in Yver don, dann Lützowscher Jäger. Graff: s. Nr. 742†. Patzig: ? 34 Emilie Harmes wohnte damals in Erlenbach am Zürchersee; vgl. Nr. 394† und 410. 334,8ff. Thieriot führte den Besuch bei Mumen thaler sogleich im August 1813 aus, s. IV. Abt. (Br. an J. P.), VI, Nr. 230. 335,5 Emanuel erkundigt sich in den beigefügten Zeilen bei der aus Mainz gebürtigen Eva nach der Familie Lux, besonders nach der Witwe und der Tochter Marianne; Eva antwortete darauf erst 1816, sie erinnere sich aus früher Zeit, von dieser Familie gehört, auch die Töchter ge sehen zu haben; Marianne habe artig Klavier gespielt und gesund und freundlich ausgesehen. 16 Fleckkugeln: vgl. 201,22f. und 275,1ff.

Erwähnungen im Kommentar:

Personen

Textgrundlage:

775. An Paul und Eva Thieriot in Zürich. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 6. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1952.

Seite(n): (Brieftext); (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Eva Thieriot und Paul Emile Thieriot. Bayreuth, 3. Juli 1813 bis 12. Juli 1813. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=VI_775 >


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