Edition Briefe von Jean Paul Korrespondenz

Von Jean Paul an Paul Emile Thieriot. Bayreuth, 25. August 1805.

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1 rtl. Federn.
Bayreuth d. 25 Aug. 1805
49,30

„Hols der Henker!“ schrieben Sie — — (Dintenprobe am Ein
ziehungstage — zweite Proba mit Wasser, ich kanns doch zum
Briefe brauchen, au contraire) mir neulich, meines Wissens.


Was weiß ich heute den 25 August 1805? — Mein erster Rath50,1
und Anfang ist: Thun Sie alles Körperliche — z. B. wenn Sie einen
falschen Schlüssel im falschen Schloß umdrehen — sanft und
langsam.
Die Wuth hilft nur bei Menschen, nicht bei Körpern.
Linde sucht’ ich dieses Blatt unter so vielen. Ich habe Ihnen wenig50,5
zu schreiben, da Sie mir so wenig schreiben. Meine Novellen, Nova,
Novitäten sind in Wilman’s und Cotta’s Taschenkalendern die
nöthigen Aufsätze; über die Erziehung arbeit’ ich eine Vorschule
aus. Die ästhetische fließt gut in Deutschland, nach Perthes. Ich
wünsche innig, Sie zu sehen, da Sie sich gewiß in der Einsamkeit50,10
mehr gebildet haben als in Paris, das in anderer Rücksicht auch
eine war. Warlich Sie werden mich in etwas erstaunen und er
freuen, wenn ich Sie sehe, wegen Ihrer Fortschritte. — Mich anbe
langend, schimmle ich zusammen und lasse den Schimmel drucken
als Flora. Wollte Gott, ich wäre der beste Kopf in der besten50,15
Welt und der besten Stadt, aus mir ließe sich wenigstens soviel
machen als ich gemacht habe. So aber hab’ ich — drei herrliche
Kinder, deren Namen und Augen jedem bekannt. Menschen, die
sich lieben, sollten Flügel haben, nicht nur, um zu kommen, auch
um zu gehen — z. B. Sie — Andere aber Krücken, um schwer an50,20
zukommen und zu ärgern. —


Gestern Nachts ist die Braun angekommen; und alles hier in Lust.
Gott schenk’ ihr die Freude, die sie macht und verdient, diese
Antike!


Warum schreiben Sie mir so wenig? Warum so wenig über meine50,25
neuesten Sachen? Warum reitzen Sie mich nicht zu Widerlegungen?
— Der Teufel hole mich, wenn ich nicht Ihr Urtheil über mich —
ich sage nicht, über andere — äußerst achte und nütze. Sie wissen
kaum, daß Sie ein Kritikus sind und ein guter und daß der alte
Richter der alte Liebhaber Ihres Ichs ist und bleibt. —50,30

Zitierhinweis

Von Jean Paul an Paul Emile Thieriot. Bayreuth, 25. August 1805. In: Digitale Neuausgabe der Briefe von Jean Paul in der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), überarbeitet von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=V_126


XML/TEI-Dokument

Textgrundlage
D: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 5. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1961. Briefnr.: 126. Seite(n): 49-50 (Brieftext) und 284 (Kommentar). Konkordanzen Druck-Digitale Edition

Kommentar (der gedruckten Ausgabe)
Siglen

H: Berlin Varnh. 213 (derzeit BJK). 4 S. 8°. K: Thieriot 25 Aug. J 1: Wahrheit 7,46 × (mit Nr. 128 vereinigt). *J 2: Denkw. 1,464. A: IV. Abt., V, Nr. 61. 50,3 falschen1] nachtr. H 20f. schwer anzukommen] aus zu kommen H

Die wilden Schriftzüge des Briefs zeugen von alkoholischem Einfluß. 49,31f. Einziehungstag: Richters waren am 23. Juli in ein neues Logis in der Vorstadt Dürschnitz bei Registrator Schramm gezogen. 50,7 Für das in Wilmans’ Verlag erscheinende Taschenbuch der Liebe und Freund schaft hatte Jean Paul „Miszellen“ geschrieben, die aber erst im Jahrgang 1807 erschienen, für Cottas Taschenbuch für Damen „Wünsche für Luthers Denkmal“, die aber dann im Nordischen Merkur erschienen. 9 Perthes: s. IV. Abt. (Br. an J. P.), V, Nr. 56.