Edition Briefe von Jean Paul Korrespondenz

Von Jean Paul an Karl Friedrich Heinrich Graf von der Goltz. Bayreuth, 13. Januar 1807.

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Bayreuth d. 13 Jenn. 1807
124,22

Gestern erhielt ich Ihr wenn nicht frohes doch froh machendes
Blatt vom 16 Dec. Aber das vorhergehende, welches so viele
Freude uns würde zugetragen haben, hab’ ich nicht erhalten. Der124,25
Kriegssturm verwehete es wie ein Oel- und Friedensblatt. — Meine
Friedenstaube aber hier wird ja wol, hoff’ ich, durch die kämpfenden
Kriegs-Adler durchfliegen, für die es keine Beute ist.


Der jetzige Herbst erinnerte ewig [?] an den vorigen — an unsere
Nachfeier des Konzerts im Gasthofe zur Sonne, den jetzt wieder 124,30
preußische Offiziere füllen, obwol in Zivilkleidern (es sind die Rück-
kömmlinge aus den übergebenen Festungen). Mein Herz hat bisher
oft aus fremden Wunden geblutet — aber was hilft hier Brief
papier? — Am glücklichsten ist noch der, der mehr thut als sieht.


Ich komme lieber zum menschlichern Kreise, wo nicht Haß mit Haß125,1
kämpft, sondern Liebe mit der Liebe. Dem Rosenmädchen (dem
ich noch vor 14 Tagen, da sie weinend am Herzen meiner Gattin
lag, den unausbleiblichen Lohn der schönsten Gefühle zusicherte,
sobald es im Universum etwas Höheres gibt als den Teufel und den125,5
Schmerz) konnte ich einen Theil dieser versicherten Erfüllung geben.


Die große Freude wurde Schmerz — zumal durch Ihr Wort über
Ihre Zukunft —; und den Schmerz hätte noch sanfter als die Thrä
nen, eine Zeile an Sie gelöset, wenn sie hätte gedurft, wenn nicht
mich und sie Ein Wort gebunden hätte. Ihr zum Troste und Ihnen125,10
zur Freude leg’ ich Ihnen (ohne Wortbruch) 2 Blätter an meine
C[aroline] bei. Wie könnte diese Blumen-Seele je vergessen, zumal
das erste Lieben? — Nicht einmal das erste Vergessen könnte sie
vergessen.


Der Krieg oder die That reift den Mann, die Liebe das Mädchen;125,15
möge das Schicksal die Schmerzen gelinde vertheilen, nach welchen
zwei Seelen gereift sich wiederfinden mit verjüngter Entzückung.


Schreiben Sie bald wieder

Zitierhinweis

Von Jean Paul an Karl Friedrich Heinrich Graf von der Goltz. Bayreuth, 13. Januar 1807. In: Digitale Neuausgabe der Briefe von Jean Paul in der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), überarbeitet von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=V_303


XML/TEI-Dokument

Textgrundlage
D: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 5. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1961. Briefnr.: 304. Seite(n): 124-125 (Brieftext) und 316 (Kommentar). Konkordanzen Druck-Digitale Edition

Kommentar (der gedruckten Ausgabe)
Siglen

K (Text von Karolinens Hand mit eigenh. Korrekturen): Golz — i 1: Denkw. 3,139 (im Jan.). i 2: Hesperus Nr. 8, Okt. 1954, S. 36. 124,29 ewig] verschrieben für mich?

Der Brief kam nicht an, s. Nr. 421. Goltz war am 6. Nov. 1806 in Lübeck mit Blücher in französische Gefangenschaft geraten, wurde aber bald ausgetauscht. 125,2 Rosenmädchen: Rosalie von Voelderndorff.