Hinweis zur mobile-Version:
Bitte beachten Sie, dass Brieftexte und Kommentare auf Medium und Large Screen-Devices optimal dargestellt werden, während eine responsive Darstellung des Textes auf Small Screen-Devices durch die Beibehaltung des Zeilenumbruchs beeinträchtigt ist.



Bayreuth d. 28 Sept. 1807
169,8
Unter allen Briefschreibern, die jetzt auf der Erde an einander
schreiben, bin ich ohne Frage der schlimmste; und ich sollte wie die169,10
72 päbstlichen Schreiber den Namen Abbreviator haben; denn eine
stärkere Abbreviatur gibts nicht als — völliges Schweigen. Noch
dazu warf mir jeden Tag Ihr Manuskript, das ich sogleich und so
froh gelesen, meine Verstockung vor und bekehrte mich doch nicht
eher als heute. Aber wahrlich! die bauende Anarchie der Politik um169,15
uns her wirft sich zuletzt auch in die Studier-Mansarden.

Ich bin sehr begierig auf Ihre angekündigte „Nachhausereise“.
Aber schmerzlich war (und wär) es mir, wenn Sie das einfältigste
Versprechen — was eben sein eignes Gegentheil ist — halten wollten,
das Sie je gegeben, nämlich Ihre ganze Schriftstellerei auf 3 Festtags169,20
Werke, wie eine Arie à trois notes zu beschränken. Wenige Autoren,
die so frei, eben so wol an sich als an die Leser schrieben, wurden
noch so gut von Kampfparteien aufgenommen als Sie. Mögen
Sie mir erfreulichere Nachrichten von Ihrem Körper geben können,
als ich leider bekommen! Freilich sind Rückenmark und Gehirnmark169,25
im Antagonismus und jenes muß die Ausgaben dieses tragen. Indeß
bin ich durch meine eigne Lebensgeschichte gewiß, daß jeder nur so
viel krank ist als er will — sobald er Leibes-Memoires führt —
wär’ es auch nur in der Memorie — und sobald er soviel Arznei
kunde gelernt, als er braucht, um der Leibmedikus eines einzigen169,30
Leibes zu werden. So ist z. B. einem Kopfe, und überhaupt einem
homo emunctae naris (solcher Nase als Präsident Heim hat) kein
Katarrh zu vergeben, und er, der so leicht lange Nasen auszutheilen
vermag, sollte sich am wenigsten mit einer fließenden behaften.
Ich hingegen habe meine sonstige halbmonatliche Migraine schon169,35
auf Menses herabgebracht, aber ohne jährliche 12 Halbtöne von
Schmerzen; denn mein Laudanum Sydenh. (für dessen Rath dem170,1
D. Jahn ewiger Dank in meiner künftigen Selbst-Lebensbeschrei-
bung gesagt werden soll) langt ungleich der preussischen Macht, allzeit
früher an als die Übermacht.

Mein Junge ist ein Ries’chen; die Kleinste, Odilia, eine Fee; 170,5
alles ist gesund bis zur Mutter hinauf. Meine drei Kinder waren
Mitarbeiter an der Levana, über welche ich Ihr und Heims Urtheil
zu haben wünschte. Apropos! In Zschokke’s Miszellen steht ein
Urtheil darüber von einem E ..., der mich, meine Frau und die vor-
treffliche Heim kennen will. Fragen Sie diese doch, wer unter ihren 170,10
E-Bekannten ein Hofmeister gewesen; denn dieser scheint er mir zu
sein, oder gewesen zu sein.

Unsere unvergeßliche Heim hat im Frühling einen köstlichen
Brief voll Herz und Kraft und Schmuck an meine Frau geschrieben;
es fehlte wenig, so antwortete ich sonst brummendes Unthier ihr170,15
selber und verkehrte mich in ein Schoßthierchen. Ich wollte, ich
könnte ihr jetzt die Hand drücken und ihrem alten Schelling dazu.
Flammte neuer Krieg von der östreichischen Gränze herüber: so
zög’ ich vielleicht mit Familie und Bier wieder nach Meiningen, vor
der Hand und vor der Faust.170,20

Noch in diesem Jahre kommt in München bei Scherer ein
lustiges Büchlein von mir mit sehr ernsten Noten heraus: Des
Feldpredigers Attila Schmelzle Reise nach Flätz; sammt der Beichte
des Teufels bei einem Staatsmanne (welche letzte von der Zensur
des Morgenblattes nicht angenommen worden). Der Feldprediger 170,25
— ein ewig laufender Hase oder Jude — erzählt seine Flucht-Reise,
um zu beweisen, daß er eine überkühne englische Dogge, wenn nicht
das englische Wappen selber sei. Viele mußten darüber lachen, die
es gelesen, z. B. ich.

Grüßen Sie mir jetzt meine Menschen: Zwei hab’ ich schon ge170,30
nannt; dann meinen prächtigen Reiter und Autor Heim, dann beide
Schwendler, den langen Regierungsrath Donnop, Panzerbieter
und Jahn. Leben Sie froh und ahmen Sie mich nicht nach in mei-
nem verruchten Schweigen, sondern schreiben Sie, sobald Sie ge
lesen.170,35

J. P. F. Richter


K: Wagner in Meinungen 28 Sept. ab den 4 Okt. J 1: Mosengeil Nr. 7× (28. Nov.). i (z. T. aus J 1 ergänzt): Wahrheit 7,104×. *J 2: Denkw. 3,146×. B: IV. Abt., V, Nr. 95. A: IV. Abt., V, Nr. 145. 169 , 12 völliges] fehlt J 1 13 jeden] so KJ 1, jeder J 2 15 bauende] fehlt J 1 17 „Heimreise“ J 1 18 Klammern fehlen J 1 21 einschränken K 23 kämpfenden Parteien J 1 25 bekommen] so J 1, bekomme J 2 27 gewiß] aus gewis K 30 gelernt hat J 1 um] fehlt K einzigen] so J 1, einzelnen J 2 31 und bis 32 als] homo solch Nas. ( emunct. nar. ) als K, der eine Nase wie J 1 i 33 er] so K, Er J 1, der J 2 36 Menses] das Monatliche J 1 i 170 , 3 allzeit] so K, allezeit J 1 J 2 8 Apropos bis 12 sein.] so J 1, fehlt J 2 13 Unsere bis 17 dazu.] fehlt J 1 19 wieder] so J 1 i, fehlt J 2 21 in München bei Scherer] so J 1, fehlt J 2 22 Des bis 28 sei.] so J 1 (z. T. K), (Attila Schmelzle’s Reise nach Flätz etc. etc.) J 2 30 Grüßen bis 33 Jahn.] fehlt J 1
Wagner hatte im Juni 1806 den gedruckten 2. Band der „Reisenden Maler“ und das Manuskript der beiden ersten „Briefe aus Liebenstein“ geschickt und noch einmal um einen Titel für diese gebeten (vgl. 90,10–15†). 169,21 Arie à troisnotes: von Rousseau, vgl. I. Abt., IX, 533,17ff. 32 homo emunctae naris: vgl. Horaz, Satiren I, 4, 8. 35 Migraine: vgl. I. Abt., VIII, 298ff. 170,1 Laudanum Sydenh.: s. Bd. IV, Nr. 299, 166,19. 2 D. Jahn: in Meiningen, s. Bd. IV, zu Nr. 154. 8—12 Zschokkes Miszellen f. d. neueste Weltkunde, 1. Juli 1807, Nr. 52: „Noch ein Wörtchen über Jean Pauls Levana oder Erziehungslehre. (Ein Brief an den Verfasser.)“ 17 Der alte Schelling ist der Hofrat Heim, der sich für Schellings Philosophie interessierte, s. 225,20; in A heißt es: „Der dicke Heim freute sich sehr über den ‚alten Schelling‘“. 31 Präsident Heim.

Erwähnungen im Kommentar:

Werke

Textgrundlage:

*412. An Ernst Wagner. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 5. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1961.

Seite(n): 169-170 (Brieftext); 333-334 (Kommentar).
Zur Konkordanzliste aller Bände


Zitierempfehlung:

An Johann Ernst Wagner. Bayreuth, 28. September 1807. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=V_412 >


Zum XML/TEI-file des Briefes