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Bayreuth d. 28. Apr. 1808 .
212,19
„Verzeihende Freundin!“
212,20
Wenn Sie diesen wenn nicht fürstlichen, doch christlichen Titel
ausschlagen: so bin ich nicht im Stande, noch drei Worte zu sagen,
sondern ich schweige fort wie leider ich

Sünder —
Verdam[m]ter —212,25
Freund —
Autor —

bisher gethan. Doch als letzterer hab’ ich in meinen starken
Winterarbeiten (3 auf einmal kommen zu Michaelis) einige Ent-
schuldigung so wie in unzähligen Geschäfts- und Bettel-Briefen, die212,30
ich alle zu beantworten hatte.
Ihr Brief war ein gebender. Er führte mich wieder in unsere
freundlichen Umgebungen und an Ihre Seite zurück. Mögen Sie
doch mitten im Sturm-Meer der Zeit eine recht feste grüne Insel
behalten! — Rechte süße Seelen-Ruhe und Plane für die fernere 212,35
Zukunft erlaubt das Erd- und Europas-Beben nicht, das noch immer
unter unsern Füßen gräbt und lädt. Ich indeß mache doch meinen alten213,1
Spaß in Büchern fort; sogar im Leben wie Sie oft belacht; nur zu
weilen bin ich ernsthaft, z. B. wenn ich mein Eichhörnchen auf der
linken Achsel in öffentlichen Gesellschaften sitzen habe, oder gar wie
neulich, da ich Gevatter stand, in der Tasche stecken. Denn wäre das213,5
Thier, während ich den Pathen auf den Armen hielt, plötzlich heraus
und auf die Achsel gekrochen: es hätte uns alle in der heiligen Hand
lung gestört. — —
Freuen Sie sich über Amanda’s Klarheit und Ruhe; ist nur Güte
des Herzens da, so braucht es keinen empfindsamen Sturm und213,10
Drang desselben, der zwar anfänglich am Mädchen gefällt aber in
der Ehe das Doppel-Glück wegweht. Ich grüße sie herzlich.
Meinen Dank an Ihre wolwollende Antonie; ich sehne mich recht
nach ihrer Erscheinung wie nach Ihrer und freue mich auf Pfingsten.
Ich grüße Ihren Gatten und drei Heims und Panzerbieter. 213,15
Es geh’ euch allen wol und jeder ahme mich nach, der wieder den
Zaunkönig nachahmt, welcher nie mehr singt und springt als im
Winter bei dem aller verdammtesten Wetter!

Ihr
Jean Paul Fr. Richter
213,20

H: zuletzt Kat. 680 Stargardt (November 2004), Nr. 257; ehem. Slg. Apelt, Zittau. 3½ S. 8°. K: Die Schwendler in Mein. 28 Apr. i: Denkw. 3,163 (28. Okt.). B: IV. Abt., V, Nr. 168. 213 , 1 indeß] aus indessen H 16 den] dem K 17 welcher] aus der H 18 verdammtesten] aus elendsten H
Henriette hatte in B von ihren Töchtern Amanda und Pauline und von ihrer seit einem halben Jahre bei ihr lebenden jüngeren unverheirateten Schwester Antonie (v. Mützschefahl) sowie von ihrem Meininger Bekannten kreis geplaudert und in Aussicht gestellt, daß sie Pfingsten mit Antonie nach Bayreuth kommen wolle. Am 19. Mai schreibt sie an Karoline Richter: „Der 1. Mai brachte mir Deine und Richters langersehnte Antwort“ und kündigt ihre Ankunft in Bayreuth zum Pfingstsonnabend, 4. Juni, an. 212,29 3 Winterarbeiten: Schmelzle, Katzenberger, Fibel. 213,17f. Zaun könig: vgl. I. Abt., X, 203,3f.

Erwähnungen im Kommentar:

Personen

Textgrundlage:

519. An Henriette Schwendler in Meiningen. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 5. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1961.

Seite(n): 212-213 (Brieftext); 352 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Auguste Sophie Henriette Schwendler. Bayreuth, 28. April 1808. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=V_519 >


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