Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Max Richter an Caroline Richter. Heidelberg, 21. und 22. Mai 1821, Montag und Dienstag

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Heidelberg am
21 Mai Dienst.
1821.

Beste Mutter!

Ob ich etwa eine kleine Arbeit im Äußern für mich verlange, oder von den geliebten Schwestern Briefchen, darnach frage dießmal nicht, geliebte Mutter; Jenes brauche ich durchaus nicht, für dieß stellt sich dießmal eine zweite Bitte ein. – Ich hatte mir in München einmal Heidelberg recht innig gedacht mit allen den lieben Menschen, die unsern theuren Vater so väterlich aufnahmen, ich weiß mich wohl zu erinnern, daß ich einmal Dir oder der Emma schrieb, ich wüßte nicht, ob ich der Kunst oder der Natur mehr leben sollte . Beides vernachlässige ich, aber wenn ich einst im 30 oder 40 Jahr bin (wenn ich es erlebe!) da will ich mich erinnern, daß ich im 18ten J. eu oft meinem Vater und Mutter geschrieben habe, daß ich selbst etwas mitzukämpfen hatte, daß ich auch die Menschen etwas lernte und doch – nichts wurde. So schafft eine Zeit, ein Jahr dem andern mehr Platz zum Vertheilen, zum Überlegen des Gedachten; aber das letzte wird sagen – Mensch! Du hast nichts gedacht! Mutter, geliebte Mutter, hilf mir doch auch etwas in meinem Innern, Du hattest einen guten Vater, ich auch einen; aber sind wir beide ihrer werth; und Du mehr als ich, denn ich [...] weiß und wol will aus mir heraus zwengen, daß ich ein Gewissen für mich u meine Eltern habe, daß ich einst unter den Schlechtesten der Menschen ziehen werde ; . Der Wahnsinn wird mich ergreifen, daß ist das Beste, wenn er immerwährend ist; dann ist er wohlthätig. Alles was ich schreibe, sollst Du gleich verbrennen; |2 andere Menschen sollen die mir um einen unglücklichen sich bekümmern, soll man denen auch noch Gram machen? Wie bald ein Mensch innen vertrocknen kann, siehst Du mi an mir leicht. Mit welcher Gluth, keiner vorsätzlichen! ich an Alles Neue gedacht habe, mit welcher Begeisterung ich zu Schelling gegangen bin, kannst Du u kein anderer wissen, nur ich. Ich fühle es, daß ich schlechter bin, daß ich im verflossenen Jahr weniger Kummer machte.

Mittwoch am 22.
Mai.

Ich bringe Dir vor a A llem einen Morgengruß, geliebte Mutter. Gestern Abends war ich von den Kollegien zu erschöpft und mußte mich bald zu Bette legen. Aber ich konnte auch nicht recht schlafen; ein Traum über des Vaters Ankunft behielt mich von Zeit zu Zeit wach. Was mir das übelste war, ich trat hierin als Heidelberger Student auf u darnach modelte sich alles Äußere. Daß der Vater zu viel Geld für mich auszugeben glaubt, drückt mich alle Tage, und ich wenn dieß der Fall ist, dann muß ich noch mich einzuschränken suchen. Ob ich es kann, weiß ich nicht; da nach den colleg. sich alles richten muß. Von 1/5 – 8 Uhr Morgens arbeite ich für mich; von 8 – 12 Colleg.; dann Essenszeit bei Kösters bis 1 Uhr; Nun kann ich wieder bis 4 A arbeiten; um 4 – 7 Uhr wieder 3 Kolleg. Dann bin ich wie abgeschlagen an Händen u Füßen u muß mich nothwendig sättigen; sonst ist es unmöglich auszuhalten. In München arbeitete ich zwar auch bis Abends; aber das waren keine colleg., wo d. Geist die größte Aufmerksamkeit haben muß. So muß ich durch Kenntnisse das zu erringen suchen, was ich sonst gerne besitzen möchte, aber – nicht kann. Ich Du wirst einen Brief von Voss schon vor einigen Tagen bekommen haben. Ich erfuhr erst heute nach dem collegium von ihm, daß er schon alles aufgeboten, um den geliebtesten Vater hieher zu bewegen. Meine [...] Bitte |3 mit ihm verschwindet vor ihm und mir, das siehst Du leicht ein; aber vielleicht nicht, daß ich, wenn er wirklich kommt, mit der größtesten Bangigkeit u Scheu ihn empfangen, daß ich nur mit einer Bitte ihn umfassen werde, Vater, vergib mir. Ach! Du kannst es gewiß, geliebte Mutter, Du kannst ihn etwa für mich sprechen u sagen recht innig, daß er ja von mir das verlangen könnte, was tausend andere Seelen mit größerer Gewissensruhe thun und leiden; ich werde vor ihm wie eine Schlange erscheinen, die sich erniedrigend um den Baum des Höchsten herumwälzt, die durch tausend Schmeicheleien ihn doch nicht zu gegenseitigen bewegen konnte; manchmal aber als ein dummer böser, sichtbare böser Mensch–, der nur sich, nicht andern nützen will u eben dadurch schaden. So werde ich denn, wenn ich den Tag des Guten weiß, mit bangem Herzen am Neckar hingehen, und mich, wie oft, noch einmal recht besinnen und Reue recht gegen den Allgmächtigen aussprechen. – Du weißt nicht, geliebte Mutter, was ein einsames Leben heißt; bei euch und in jeder Familie, in jedem Beisammensein schwindet die innere Welt gänzlich und diese mehr an das Äußere gebunden will diese aber so schön als möglich darstellen; bei euch da schlummert alles, was sonst argwöhnisch, was misstrauisch heißt. Selbst die Gleichheit in jeder einzelnen Liebe sucht sich zu behalten und eben so tritt nicht das Zerrbild eines ganz schlechten Menschen vor die Seele; hingegen bei uns, wo jeder Buchstabe im Sprechen oder Denken der verkleinerte Gott ist, wo den ganzen Tag die höchste Wissenschaft von hohen Menschen jedem in sein Ich gegeben wird, da ist die Seele in Zwischenstunden blos mit der Auffassung des, was ihm u andern gleich gesagt wurde, nach Eigenthümlichkeit beschäftigt.

|4 hier also thut es recht wehe, wenn fremde Menschen einem das rauben wollen, was sie negativ durch Anschuldigung u Vorwürfe tadeln; eben so wehe thut es aber auch, wenn äußere Mittel seinen Geist binden sollen; denn dieser kann nie bestehen, wenn jene als Messer aus seinem Herzen dieses zerschneiden wollen zur Nahrung. Eben so gibt es aber zwischen beiden ein Mittel, das ist die Besonnenheit, der tägliche Verstand, den die Menschen ziehen, und erziehen, den Gewöhnliche haben und bilden ; , den jeder so weit fortbildet, bis er einen Standpunkt hat, von auf dem aus er stille steht und sein Ende, den Tod erwartet. – Aber ich breche ab. Bald, recht bald hoffe ich einen Brief von Dir, Geliebte Mutter u von der Emma, der ich dießmal unmöglich ihren lieben Brief beantworten konnte. Die Zeit ist zu schmal. Gib doch, und um das bitte ich Dich recht sehr, dem Vater zu verstehen, daß Heidelberg ein ganz anderer Ort ist, als München. 1, in München fehlen die Collegiagelder und sonstigen praemia honoris zb. für den Pedell p. 2, in Münch. gabe ich ja Stunden u hatte da monatlich eine Erleichterung von 10 – 12 fl. 3, in M. lebte ich mit 2 andern Stubenburschen; hier allein; 4, dort ist nichts für Studenten eingerichtet, hier jeder Tritt im Zimmer, also auch theurer. 5, dort konnte ich ganz allein leben, ohne die ganze Woche zu einem zu gehen, hier fodert es die Achtung gegen Meinesgleichen , daß ich mit ihnen öfter zusammen bin; freilich blos mit einigen, wenn es auch bl Feuerbach u Merk sind. und soll ich noch das bemerken, daß jeder mann fast mich kennt, und jeden Tritt beobachtet. 6, M. ist ein wohlfeilerer Ort, als H. ; das kräftige Bier fehlt und die Speisen sind gegen unsere schlecht gekocht. Um hierin Belehrung zu erhalten, darf der Vater nur mit dem alten Miedel sprechen. [...]

Zitierhinweis

Von Max Richter an Caroline Richter. Heidelberg, 21. und 22. Mai 1821, Montag und Dienstag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB1013


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Dbl. 8°, 4 S. Schluss fehlt möglicherweise.


Korrespondenz

Vermutlich zusammen mit dem Brief gleichen Datums an Jean Paul (4. Abt., Bd. VIII, Nr. 109) gesendet.