Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Caroline Richter an Johann Siegfried Wilhelm Mayer. Meiningen, 27. Juli 1801, Montag

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Meinungen den 27 Juli

Mein geliebter Vater,

Unaussprechlich viel Freude haben mir Ihre beiden Briefe gemacht, deren lezteren ich gestern Abend, nebst einem ganzen Packet Briefen aus Leipzig (die ersten) bekommen habe. ich muß immer weinen so oft ich die väterliche Hand sehe, und besonders rührten mich die documente deren Vollendung Ihnen so viel Sorge gemacht haben. ich fühle ganz die Aufopferung Sie bester einziger Vater, für den Frieden unserer Zukunft – all meine Dankbarkeit reicht nicht hin, Sie zu belohnen ––– meinem Mann habe ich die Papiere übergeben, bei seiner Ordnung und Pünktlichkeit, sind sie sicher bewahrt.

An Ihrem Geburtstage habe ich Sie fast nicht mit meiner Seele verlaßen – es war hier einers der schönsten Tage, deren ich mich erinnere, und diese sind so selten, daß ich den besondern Seegen des Himmels zu errathen glaubte. ich dachte mir Sie auf einer Lustreise, oder wenigstens unter grünen Bäumen, und alle vergangenen Geburtstage duchlebt' ich noch einmal. Wie war meine Sehnsucht nach Ihnen so gros, nur nur nach einer einzigen Umarmung an Ihrer Brust. Ach die Entfernung ist doch oft gar zu schrecklich, wenn die Phantasie die Bilder geliebter Menschen so lebendig malt. ich habe so viel Zeit mit Ihnen zu leben. man ist hier im Ganzen so häuslich, daß ich bei einem größeren Hange zum Vergnügen viel Leere empfinden würde. Mein Mann ist fast immer zu Haus. Unter den Männern sind bis auf den alten Präsident Heim , die intereßantesten abwesend. theils in Liebenstein , theils auf ihren Gütern.

Er muß sich also auf seinen eignen Umgang einschränken. Er bedarf aber wirklich des fremden nicht, um glücklicher zu seyn, und ich? bin am liebsten bei ihm, zuweilen schreibe ich für meinen Mann etwas ab, ein mechanisches Geschäft, daß ihm nur die Zeit zu freieren Abeiten raubt. So klein der Dienst ist den ich ihm thue, macht es mich doch sehr glücklich ihm etwas nützlich zu seyn. Übrigens fürchten sie nicht, liebster Vater, daß ich eigensinnig den Umgang fliehe. Alles was meinem Mann Freude macht thue ich so gern, daß ich auf seinem Wunsch mich mitzutheilen überall hingehe. ich mag nur nicht, daß mein Zirkel ihm ein Zwang werde, wie es doch so leicht, bei einem zu herzlichen Publicum |2 der Fall seyn kann. Es sind meist sehr achtungswerthe Weiber, von denen ich gern Belehrung annehme, den überall gewinnt man, sieht irgend einen Vorzug, und ich sehe und beuge mich so gern unter fremden Werth, und gewis keine gute Eigenschft geht meinem Blik verloren – aber sie schließen sich leicht so fest an mich an, daß ihre Gutmütigkeit mich zuweilen, und dadurch meinen Mann geniren könnte. Für ihn, kenne ich nur eine Frau hier, an die ich mich deshalb, wie mein Herz es will anschließe. Die Fr. v. Hendtrich , von der ich Ihnen schrieb . Sie entwikelt immer mehr Vorzüge je öfter man sie sieht. Sie ist zwar an Jahren 50 alt, aber an der Empfindung noch gleich mit jedem jungen edleren Wesen. Sie hat eine Wärme für gute liebenswürdige Menschen, die so ganz aus dem Herzen kommt ohne alle Affectation – sie ist sehr fest, und eigenthümlich in ihren Urtheilen – hat die feinste Welt – eine Aufmerksamkeit auf die kleinsten Bedürfniße des Augenbliks. Sie ist den Einfaltigen nicht lästig, und den Klugen ein sehr intereßanter Gegenstand. ihr Mann ist einer der ausgezeichnetsten Menschen, wir kennen ihn noch nicht, er reist sehr viel, dieser, und ihre einfache Lebensart – indem sie immer um ihn war, ihm vorlas, und nur für die Erziehung ihrer Kinder sorgte, haben sie gewis das aus ihr gemacht, was sie ist. Sie war gewis in ihrem Leben nicht gefallsüchtig. Diese Frau zu lieben, war ich anfangs zu furchtsam, ich achtete sie sehr – aber seitdem sie eine ganz bestimmte Theilnahme an mich hat – mich würklich liebt, wage ich es auch sie zu lieben – nur hemmt immer die Verschiedenheit des Alters meinen Ausdruck, und dis bew enthält bewirkt für mich eine sonderbar intereßante Spannung. Hier, wo mein Mann nicht leer aus geht bin ich am liebsten. Dann, bei der Herzoginn. nemlig der alten (der ganze übrige Hof ist jezt in Liebenstein ). Das ist eine so ehrwürdige, so unendlich gute Frau – sie hat es so gern, daß man sie besucht, es sind immer viel Damen aus der Stadt da, man nimmt seine Arbeit mit, und bleibt bis 8 Uhr. da .

|3 Wir erwarten einen Freund meines Mannes, Emanuel , der einige Tage bei uns wohnen wird. Diese Störung unseres häuslichen Leben wird mich sehr glücklich machen. Er ist der unter den Freunden meines Mannes, den er wahrhaft verehrt. Er wohnt in Bareuth wohin wir im September reisen werden , um den Zweiten Fr. zu besuchen, den Christian Otto , den er öfter in seinen Schriften anredet. Wie glücklich werd ich seyn diesen Ort und seine Gegenden, und seine Menschen zu sehen, mit in und unter denen mein geliebter Mann so lange gelebt hat.

Die Gegend umher ist uns zum Theil noch fremd. Es regnet fast unaufhörlich hier, die Berge in deren Thal wir gleichsam wohnen drängen wahrscheinlich die feuchten Dünste hier zusammen. Dis hat meines Mannes kleine Reise nach Liebenst. bis jezt gehindert. Er wollte mich durchaus mitnehmen, aber ich mag mich nicht gern wieder aus der einfachen Ordnung unseres Lebens herausreißen laßen, in der ich mich so glücklich fühle. Von der Gegend würde ich wenig genießen, weil man sich dort wie in allen Bädern durch Tanz und Putz zerstreut, und wir vondurch dem Herzog zu allen Festen geladen würden. Diese kleine Abwesenheit denk ich mit aller Stärke der Seele ertragen zu können, da sie höchstens 3 Tage dauert.

Sie verlangen von mir, als rückständige Schuld, eine Beschreibung unserer Weimarer Reise bis hieher – wüste ich mehr von ihr zu sagen, als daß der unaufhörliche Regen, uns um jeden Genus des Auges sogar, gebracht hat, ich hätte es längst schon gesagt – wir giengen blos in der Absicht über Eisenach einen zwei meilen weiten Umweg um die Wartburg zu besteigen. Wir musten daher über Gotha wo ich Schlichtegroll kennen lernte, deßen sehr liebenswürdige Frau leider abwesend war. wir hielten uns nur 2 Stunden auf, während welcher ich wir im Wirtshause aßen, und ich mich in der grösten Eil von Schlichtegroll; der unnser Gast war durch die sehr hübsche Stadt führen bis der ärgste Plazregen uns überfiel uns auf der Mitte des Weges. wir kehrten dann schnell in unseren Reisewagen deßen Öfnungen wir zusperren musten, denn der Sturm und der Regen mehrten sich von Minute zu Minute. Als wir in Eisenach ankamen |4 war es 7 1/2 Uhr. So muste ich die schauderhafte Wartburg und die steilen wild bewachsnen Berge vor mir liegen sehen, ohne auch nur einen Versuch machen zu können, sie zu besteigen. Der Sturm wütete in der Nacht fürchterlich gegen unsre Fenster – am Morgen fuhrn wir unter fortwährendem Regen durch die umliegenden sich weit hinziehenden Bergreihen.

Es ist eine entzückende Gegend, wenn sie die Sonne und der blaue Himmel beleuchtet, aber unter dem Regenschleier nur düster erhaben. Von da aus hatten wir einen höchst unbequemen Weg über den lehmigen Boden, durch den die ohnedis ermüdeten Pferde den Wagen kaum ziehen konnten. Abends spät kamen wir erst hier an, und von da aus habe ich Ihnen schon berichtet.

Vor einigen Wochen überraschte meinen Mann der alte Gleim durch ein sehr hübsches Geschenk; ein Schreibzeug von Silber mit einem kleinen Gedicht als Innschrift im Silber eingegraben, welches sich auf seinen Glückwunsch an der Königin Geburtstag bezieht : er hat auch vor einiger Zeit ein Gedicht über mich dem Briefe an meinen Mann beigefügt , wofür ich ihm selbst gedankt habe , indem ich seiner nähern Theilnahme wegen, auf seine Freundschaft zur guten Grosmutter bezog mich als ihre Enkelin ihm darstellte, es freut ihn gewis. Der Herzog scheint meinen Mann sehr lieb zu haben. Vergangenen Sontag, das erstemal daß er während seines Sommeraufenthalts in Liebenst. einige Tage hier zubrachte, hat er [...] ihn den ganzen Tag bei sich behalten. Er [...] ließ ihm am Morgen um 9 sagen, er erwartete ihn, darauf gieng er zu ihm. wurde den Mittag gebeten. Nachmittags um 5 als wir ruhig zu Haus waren, ließ er ihn wieder bitten eine Pfeife Taback mit ihm zu rauchen. mein Mann gieng aber rauchte nicht, und muste wieder Abends da eßen. Diese Freundschaft wäre mir sehr lieb, wenn der Herzog uns eine angenehmere Wohnung einmal gäbe, wo wir den Genus der Natur noch näher hätten. Die Gräfin ist mit ihren Kindern schon seit 3 Wochen ins Bad. es ist nun noch stiller um uns – ich entbehre |5 sie wirklich, und sie ist so gefällig, so haschend nach jedem Mittel uns Freude zu machen. sie ist mir hier weit lieber als in Berlin . wie dankbar wird sie Ihnen seyn, daß Sie sie wie dankbar wird sie Ihnen seyn, daß Sie sie von der Last des Kißens befreien - denken Sie Sich, daß sie vor einigen Wochen hat wieder eine Summe von ohngefähr 20 [...] zahlen müßen demselben Menschen wegen einer Jungfer die sie für seine Frau miethete, und die jene hat sitzen laßen, die nun Lohn und Kostgeld von der armen Gräfin foderte. Haben sie die Güte liebster Vater, und schicken [...] an Matzdorf, wie auch, wenn Sie Papiere an mich oder meinen Mann zu schiken haben. Es ist ein öfterer Comers zwischen ihnen und auch Gelegenheiten wodurch das Porto erspart wird. wir mußten für den gestrigen Brief 1 r. und 8 g. 6 bezahlen.

Daß ihre Blutgeschwüre Ihnen nun wenigstens den Genus des Reitens erlauben ist herrlich - ich kenne gar nichts unerträglicheres für einen Mann als ein so langweiliges Übel - nehmen Sie aber doch ja recht viel Stärkungsmittel neben Ihrer Cur. mein Mann meint immer, daß die Menschen durch abführende Arzneien ihr Innres schwächten. Hier sind zwei sehr geschikte Ärzte Jähn und Banserbiter , beide vom neuen System, die überall nur mit Opium und Aether kuriren kaum und fast nie sogar, nur Brechmittel eingeben.

Einen Freund des Doctor Merzdorf habe ich auch kennen gelernt, er ist chirurgischer Artzt, heißt Bühner , wenn Sie M. sehen, und es fällt Ihnen gerade ein, so sagen Sie ihm recht viel herzl iche Grüße von diesem, der ihn sehr liebt, übrigens glaube ich, daß er ziemlich unbedeutend ist.

|6 Von der Krüdner erhielten wir vor einigen Tagen einen Brief aus Töpliz . sie will bei ihrer Reise nach der Schweiz durch Meinungen gehen.

Adelaidens Brief hat mir die höchste Freude gemacht. Danken Sie ihr gelegentlich, wenn Sie sie sehen.

von Olivier dem vortreflichen Menschen bekam ich gestern einen Brief , und von Tinchen – Schön wäre es wenn sie so einen Kreislauf machen könnten, aber das porto zu uns her, macht es fast unmöglich. Wie gütig sind Sie liebster Vater, daß Sie mir die Ihrigen mitteilen wollten.

An Gustchen schreib ich nächstens, sie soll mir verzeihen, und blos meinen Dank für ihre Briefe annehmen. ich hatte eine kleine Wäsche, erwarte jezt eben einen Theebesuch, laße reinmachen, daß ich kaum noch Zeit habe, mich bei Ihnen wegen meines flüchtigen Briefes zu entschuldigen. indem ich wiederlese finde ich fast, daß er nicht fortzuschicken ist, so unzusammenhängend sind die Sätze, aber mein guter geliebter Vater verzeiht mir. ich schreibe gewis recht bald wieder, denn es macht mich so glücklich, daß ich über alles was uns begegnet, die wärmste Theilnahme bei Ihnen finde. Mein bester Vater, leben Sie wohl, Gott segne Sie, und erhalten Sie mir ewig Ihre Liebe, ohne die ich nicht glücklich seyn kann.

Ihre
treueste Tochter
Caroline

mein Mann dankt Ihnen recht herzlich für Ihren Brief und grüßt Sie innig. Hätten Sie wohl die Güte einliegenden Brief dem Minister Hardenberg zu schiken, auch wenn er nicht in Berlin wäre kann er im Palais liegen bleiben, er ist eilig und dringend. Den Brief vom Bad. habe ich abgegeben, und vom Vater einen herzlichen Dank und Grus zurükbekommen.

Zitierhinweis

Von Caroline Richter an Johann Siegfried Wilhelm Mayer. Meiningen, 27. Juli 1801, Montag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0006


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Dbl. und 1 Bl. 4°, 6 S. Auf S. 1 Datum vfrH ergänzt: 1801; einige Anstreichungen vfrH.

Überlieferung

D: Wahrheit 6, S. 210-212 (unvollständig).