Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Minna Spazier an Johannes Daniel Falk. Leipzig, 6. März 1805, Mittwoch

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Leipzig den 6ten Marz

Theurer Freund!

Ich eile Ihnen auf der Stelle zu antworten, um eben so schnell wieder einen Brief von Ihnen zu erhalten, denn ich finde immer recht viel erquikliches in Ihren Briefen. Mahlmann hat Ihnen auch kurzlich geschrieben , der hat Ihnen gewiß von den häßlichen Zeitungsangelegenheiten viel mitgetheilt, von dem ich wünschte; Sie erließen mir den Bericht, denn es ist mir wirklich nach grade ein Gräuel davon zu hören. Mahlmann ist nun selbst Redakteur, ein Glück für die Kinder denn das Einzige was für mich von Voß , zu erwarten ist, sind einige zwei Hundert Thaler Pension [...], wodurch er den Kindern ihre Ansprüche auf das Institut abkaufen will.

Die werden aber jetzt nur für so unbedeutend angesehen daß Voß mir auf fünf Jahr etwas für die Kinder bestimmen will. Eine Frau ist übel dran, guter |2 Falk! in so fern Andre ihr ihr Schicksal machen – das Mitleid (ein an sich recht haßliches Wort) verfliegt wie ein Champagnerrausch, und die Nüchternheit hinter drein, ist etwas unausstehliches, für den der sie empfindet so gut, wie für den der Zeuge davon ist. Nach einer Exaltation folgt überhaupt ein dummer Zustand; was nicht in dieser geschehn konnte für mich wird mir wohl gar nicht geschehn. –

Mahlmann hat mir das kleine Gedicht von Ihnen, für den Almanach gegeben. Daran habe ich aber nicht genug . Nun ist auch ein Kontrakt mit Willmans gemacht. Ich habe also zwei Taschenbücher auszustatten Ob ich wohl an Göthe schreibe? würden Sie mir rathen. Ist er gegen Weiber eben so vornehm als gegen Euch Manner.

Spazier war die letzte Zeit durch Göthens Häßliche Art, Briefe unbeantwortet zu laßen, recht tief gekränkt. Der gute Spazier!, für seine unendlichen Aufopfrungen wurde ihn nicht mal die Erhebung, daß der große Mensch, den er vergotterte, ihn jemals eines Wortes |3 wurdigte. Sie sprechen von Freunden? guter Falk die Ernestine ihre nennen könnte. Wo sind denn hier Freunde, wenn ich Ihre und noch zwei oder dreier Menschen Trauer um ihn, aus nehm. Ach, er hatte einen undankbaren Menschenhaufen um und neben sich, und Niemand wird doch mit so viel Verleugnung, für das Schöne streiten als er. Gewis mit Verleugnung aller Nebenansichten. Hätte er mehr Objektivität in seinen Ansichten gehabt, seine Wärme für das Heilige hatte die Menschen ergreifen müßen. So waren es in ihm mehr Eindrücke die er aussprach [...] mittheilen konnte als helle Vorstellungen die er andern wiedergab, mehr Glauben als Wißen, immer mehr Anschauungen [...] als [...] klare Begriffe. Hatte er die gemeine Ansicht von Lebensgenuß und Sicherheit gehabt, wie leicht hatte es ihm werden könen, sich durch sein Blatt Freunde zu machen. Dazu gehört ja wenig, den Leuten zu Maule zu reden. Aber, bey Gott, er wollte ein Mittel werden für die Zeitigung des Beßeren, befördern wollte er das, was ihm zu schaffen versagt war. [...] |4 [...]

Mahlmann hat mir für Wilmans Taschenbuch eine Erzählung versprochen , von Rochlitz erwarte ich etwas dafür [...] Jean Paul , Luise Brachmann . Sie und Schütz ersuche ich darum für beide Almanache . Der Willmann [...] hat eine poetischere Tendenz, als Voßens Toilettenalmanach der mehr instruktives enthalten soll. Der Termin des ersteren fällt im August 5, Verzögerung hebt den ganzen Kontrakt auf. Zum Toiletten Gesch. muß ich das Manuskript schon zwischen Ostern und Johannen abliefern. Laßen Sie mich ja nicht im Stich theurer Freund. An Gegenständen aus der gewöhnlichen Welt konvenzionellen Welt, kann es der Satyre ja nicht fehlen. Ihre macht sich zwar lieber die große Maßen, die laßen sich aber in kein Taschenformat einzwängen! Tausend Grüße an Ihre liebenswürdige Frau!

Minna Spazier

Verzeihen Sie mir dies Verworrene unreinliche Geschreibsel, ich bin sehr zerstreut heute

Zitierhinweis

Von Minna Spazier an Johannes Daniel Falk. Leipzig, 6. März 1805, Mittwoch In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0011


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Textgrundlage

H: GSA, 15/II,1D,14
2 Bl. 8°, 4 S.