Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Emanuel Osmund an Caroline Goldschmidt. Bayreuth, 12. und 13. Oktober 1802, Dienstag und Mittwoch

Darstellung und Funktionen des "Kritischen und kommentierten Textes" sind für Medium- und Large-Screen-Endgeräte optimiert. Auf Small-Screen-Devices (z.B. Smartphones) empfehlen wir auf den "Lesetext" umzuschalten.



|1
B. 12 Oct. 2.

Car.! Es hat mich gefreut, daß m. letzter Brief dem Ihrigen zuvor gekommen war u Ihrer Unentschloßenheit entgegen.

Wahrscheinl. sitzen S. noch in Leipzig, da ich die Anzeige Ihrer Abreise v. dorten, Ihrem Versprechen nach, erwarten konnte.

Diesen Brf. werden S. auf jeden Fall durch D. Levi erhalten.

Lassen S. mich immer über meinen u über die Menschen sagen was ich will: ich glaube, mich u s., auf eigene Kosten, etwas kennen gelernet zu haben, u verzeihen S., wenn ich bisweilen irre. So viel ist nun gewiß, daß ich mich u s. f. Kinder halte, die oft nicht wissen war. s. weinen, was s. wollen u s. w.

S. haben schon Recht Car. daß ich ungerecht wäre, wenn ich nicht auch an mich dächte, wenn ich über vorgegangene Veränderung beim Wiedersehen spreche.

Nie vergess' ich den Schreiber selbst, wenn ich über menschliche Schwächen schreibe u den Redner nie, wenn ich üb. dieselben rede. Aber die Anwendung, die S. als Hilfsmittel wider unsre Veränderung machen wollen, scheint mir f. mich eben so schmeichelhaft, als f. uns beide -– so scheint es mir – überflüssig, wenn nicht selbst etwas hart.

Wohl würd' es mich herzlich freuen, S. wiederzusehen; aber daß ich dieses angenehme Wiedersehen als Mittel wider unsre Veränderung zu gebrauchen nöthig hätte, dav. können selbst S. mich – wenn S.'s im Ernst auch wollten, nicht überzeugen. Hätt' ich ein Weib oder eine nicht bemannte Schwester, ich würde S. längst gebeten haben, Ihre Reise über hier u durch mein kleines Haus zu nehmen, denn ich dachte gewiß an uns. Wiedersehen; da ich s aber auch, so wie S. s einsahen, f. nicht schicklich hielt, S. zu mir zu bitten: so ließ ich mich gerne der schönen |2 u viell. nahen Hofnung schweigend über.

Weder Zeit noch Kosten können mich hindern S. zu sehen, aber andere Umstände zwingen mir ein Nein noch ab.

Mehrere Ursachen könnt' ich Ihnen angeben, wenn ich mir nicht zu nahe käme, da ich mir u Ihnen zutraue, daß diese Angaben weit überflüssig sind. S. machten mir viel Freude durch die Gewährung meiner gewagten Bitte; all. noch mehr überraschten S. mich mit der Ankündigung Ihres eigenen Bildes, auf das sich m. Freunde, für mich u. f. s., besonders freuen. Können S. mir ganz ohne Gram Ihr Dresdner "Viel" zu sehen schicken: so bin ich u alle Seher gewiß innigst u herzlich dankbar.

Indem ich Ihnen schreibe schickt mir ein 99 jähriger Vorsänger aus Gunznhausen b. Anspach sein recht gut getrofenes, v. Naumann in Ansp. gemaltes, Bild. Es ist ein noch sehr gesunder schöner, in seiner alten Art, gebildeter Mann, der mich vor 7 Jahren lieb gewonnen u seine Liebe nunmehr mit in die Erde nehmen wird, da ich s. nähre mit der meinigen.

Er machte mit Naum. vor einigen Monathen die Condizion, daß er sich malen wollte lassen, wenn er ihn, zu seinem eignen Gebrauch, noch 3 Mal malen wollte u dav. wurde mir ein Exempl., mit einem sehr heitern eigenhändig geschriebenen Brf. zu Theil. Ich bin sehr gerührt froh darüber.

Die Mutter der Lesbos , die S. in Dresden kennen gelernet, ist mir zwar nicht v. Angesicht, aber doch recht gut bekant; ich freue mich f. S. dieser Bekanntschft u auch f. d. Bekanntschft. Ich hatte in Weimar auch Mehrere, die mich kannten. Eine Dem. Schröder ist das., die es n. m. Urtheil verdient, daß S. s. aufsuchen, dam. S. mir dann auch Ihr Urtheil über sie u das meinige sagen können.

|3 Sehen S. s. : so versichern S. s., daß ich mit Achtg gerne b dem Denken an sie verweile.

Viell. hat s. den armen Em. längst vergessen, so wie ich mich selbst, als ich Ihnen, Künstlerin, Berlinerin, damals academische Dresdenerin, meine Gemälde lobte, die mir nur gefallen können u die ich nie loben darf.

Aber die Vorwürfe, die ich mir schon über dieses Lob gemacht habe, diese darf ich schon loben u S. dürfen's noch mehr.

Als ich vor mehrern Jahren oeftere Reisen machte, ließ man mich auf jeder eine Braut holen; aber die Menschen haben sich nun an Nichts gewöhnt, wie ich mich auch u nun kann ich nach Jerusalem, reisen sie lassen mich allein wiederkommen.

Lassen S. sie auch reden, schweigen sie nicht!

Wie befindet sich die Mahlman?

V. dies. werden S. erfahren haben, daß d. Car. R. am 20t Sept. ein gesundes Mädchen glückl. geb. hat.

Am 13ten

Heute hab' ich Ihren lieben Brief v. 9t bekommen, f. den ich Ihnen also sogl. meinen Dank directe n. Weim. zuschicken will. Es ist eigen, daß wir uns gegenseitig v. Pohlen unterhalten: m. alter Vorsänger ist auch ein geb. Pohle. Wenn die Pohlen sehen sollten, daß S. Berje nicht einmahl Berje recht schreiben können, was würden s. dann sagen?

Ich kann Ihnen nicht schreiben, wie viel es mich freut, daß |3 S. mit Ihrer Kunst, Ihrem guten Bruder so nützl. seyn konnten u. S 's so gerne waren.

Es giebt doch wohl kein groeßeres Glück, als Menschen recht froh zu machen.

Dieß Glück können wir aber gewiß nur dann genießen, wenn wir Allen u nicht nur nur Einigen gehören.

So etwas lieb' ich sehr, wie S. mir schreiben, daß mich die liebe Mahlm. lieb hätte; daß S. u s. oft v. mir gesprochen u daß S. beinahe ein klein wenig Eifersucht hätten: so Etwas lieb' ich u weiß es zu schätzen. Ein Spaß wär's wenn Ihre Voigt ich hab' auch eine Freundin dies. Namens – beiliegende 2 Nadeln recht gut gebrauchen könnte.

F. d. Mittheilg ihres Briefs sag' ich Ihnen vielen Dank.

Es hat mir gefallen, daß s. sich noch die Mühe gegeben hatte, "die größte" durchzustreichen. Die Berliner sind ja beinahe nicht klug, und Ihr Hauswirth ist – Ditto ein Narr! Gebrauchen S. mein Mittel; item es hilft. Daß S. der Gad Gerechtigkeit wiederfahren lassen, das freut mich auch. Nun lesen S. die Briefe des prächtigen Joh. Müller, an s. Freund. B.. Wenn S. s. schon gelesen haben: so lesen S. s. so noch 10–20–30 Mal.

Vor einigen Tagen sprach ich hier eine Hofdame der alten Herzogin v. W.

Weilburg
. Das war aber auch Alles. Gechhausin heißt sie. Dank, herzlichen Dank, Ihnen daß S. meine Art zu seyn so schonend billigen u seyn lassen.

Gott mit Ihnen u mir recht Vieles von, aus u über Weim. v. u. aus Ihrer Feder. A Dieu, Ca!

E.

Zitierhinweis

Emanuel Osmund an Caroline Goldschmidt. Bayreuth, 12. und 13. Oktober 1802, Dienstag und Mittwoch In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0025


XML/TEI-Dokument

Textgrundlage

Hk: Slg. Apelt
1 Dbl., 4 S.


Korrespondenz

Der Brief wurde überbracht von D. Levi.