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Geliebte Mutter!

Dem Brief an unsern theuren Vater folgt einer an Dich u wollte Gott, ich könnte Dir, an die ich so oft denke, tausendfach die Zeichen meiner Liebe wiederholen u diese verdienen. Des Vaters Gesundheit war mi t r das Erfreulichste aber jetzt in den auf einmal so frostigen Tagen lege ich es Dir u euch Übrigen recht an das Herz, mir alles zu benachrichtigen. Heidelberg stürmt jetzt auch ein wenig aber zum Glück bei mir; denn ich war seit diesen Briefen recht, recht selig durch Euch alle u das mindeste Vergehen gegen solche Menschen würde mi r ch s t iefschmerzen; leider, daß wir hier noch in dem Treiben der Welt lelen u jede Handlung, jeden Gedanken nach ihr formen müssen, ja, daß wir in dieser unauflosbaren Stette [...]eng an einander geschlossen sind u unsere Freiheit nicht ganz genießen. Das Lelen auf einem der kleinsten Theile der Welt, auf der Universität könnte schöner sein, aber die Zeit u mit ihr die verderblichsten Staatgrundsätze schränken jeden Bürger ein, so daß die edelsten Institute, die hier errichtet werden könnten, absichtlich zerstört werden u nur die Aufkommung des schlechtesten Theils der Menschen gestattet wird. Was ich hier ausgesprochen habe, gilt für einen der wichtigsten Punkte auf der Universität. Eine Menge Verlorner u Schlechter finden sich hier ein, weil ihnen bessere Muster fehlen; sie können sich nicht erheben, weil der Staat die besten Mittel zu den edelsten Zwecken von Grund aus verwirft. So lebt jeder für sich in naher Umgebung und sieht Andre mit Jammer in ihr Unglück rasen. Da bescheide ich mich denn auch in meine Stube, u denke an Euch, an die Welt u Gott u möge dieser es nur mir ahnden lassen, daß ich würdig bin, Dein zu heißen. Wenn ich Euch blos hätte, wollte ich auch mit der Welt auskommen u noch besser, als so. |2 Die Zeit, in der man handelt, ist immer wichtig zu wissen. Daher sage ich Dir, daß der Morgen mir neue Kräfte giebt, um diesen Brief fortzusetzen. Die alte Paulus freut sich recht sehr auf Deinen Besuch. (Der wird doch hoffentlich erfolgen, aber mit dem Vater, sonst ist die Freude um Etwas kleiner) Die Voss noch mehr u will Dich gleich einlogiren. Beim Minister v Reitzenstein war ich, ohne vorher dort gewesen zu sein (ich habe seine Frau blos bei Paulus gesehen) an einem Sonntag M eingeladen. Ich weiß nicht, wen ich von den 2 Leuten höher schätzen soll; sie bot mir alle Dienste an u ist eine ganz herrliche Frau, die mit reiner Liebe Jedem Gutes thut. Über ihn würden meine Urtheile überflüssig sein, da die ganze Universität ihm das Leben verdankt u dankt. Aber ich muß noch eine vortrefliche Dame nennen; eine Fr. v. Zillinghard, deren Mann Curator der Universität ist; ich kam zu ihr durch die Paulus u lud mich auf alle Tage ein. Das ist natürlich abgeschlagen worden, aber nicht, daß ich ihr Manches vom Vater vorlese; sie ist eine gediegene u keine gewöhnliche schöngeistige Frau; der Mann scheint mir unbedeutender u so möchte sie mit Schlichtegrolls vergleichen. Der Vater sollte nur einen Sommer mit Euch in H. sein, da würde dann Baireut von Neuem zu schmecken sein, wenn es nicht ganz ausgedörrt ist. Unsern armen Emanuel hat auch das Schicksal recht angepackt ; Gott sandte beiden Männern gleiche Tröster. Daß es dem guten Otto i m n München nicht behagt, konnte ich wohl denken; die Schlechtigkeit der Regierungen u des Hofes muß diesen Menschen abschrecken u der böse Ruf weiß auch von den besten Menschen einen derben Fehler herauszubringen, der dann abschreckend ist. Die Universität in den Studenten befindet sich wohl; aber beinahe hätte es vor Kurzem zu Händeln kommen können, die viele, wie in Breslau 6 junge Leute, auf einmal zu Boten strecken . Welden in Würzb. war gewiß zu unvorsichtig; sonst ist man durchaus keinen Beleidigungen ausgesetzt. |3 Hört man bei Euch von Schelling? Wenn ich die Rheinreise zu Ende der Osterferien, also Mitte April, mache, will ich in Mainz die Männer aufsuchen, die Du mir genannt hast geliebteste Mutter, in Bonn den tüchtigen Arndt u Welcker. Ich glaube, ich werde dann wohlfeiler wegkommen, als wenn ich in Heidelberg bleibe, wo ich jeden Tag einen theuren Tisch für 20 xr. zu bezahlen habe. ( Dieß will ich im künftigen Semester auch abändern ). Die Unruhen in Neapel regten sich vor einigen Tagen auch in Mannheim d.h. m ein fremder Kaufmann aus Lübeck kauft hier 12000 Flinten in der Eile, die natürlich in dem untern Italien Scheußliches verrichten werden. Das schöne Heidelberg wäre am besten zu Pfingsten zu genießen ; da wünschen es auch alle Professoren u Daub klagte mir neulich, daß er den Vater zum Zweitenmal nur Einmal hätte sprechen können. Die Prof. sind überhaupt an den colleg. ganz gefesselt u die Ferien sind, wenn nicht Reisen die Zeit verkürzen, die schlimmste Zeit für sie, weil das Sprechen vom Katheder herunter täglich behagt. Da Du u durch Deine Güte immer andern abhilfst, so frage ich Dich, beste Mutter, ob ich vielleicht einige Bücher aus Baireut mir durch jenen Wagen hätte kommen lassen könnte, denn das dieser Mangel ist hier der aller empfindlichste. Ich wünschte die mir unentbehrliche Geschichte der Roemer von Niebuhr in 2 Bänd. (In andern Dingen bin ich ganz ruhig; ich würde mir eher einen Vorwurf machen, etwas zu verlangen, da ich so schon verwöhnt bin;) u, nach was ich mich schon so gar lange sehnte, ob ich gleich von Feuerbach das Buch geliehen bekam, Göthe's Faust, da ja 3 fache Exemplare bei euch liegen. Eine Bibel, die ich noch geliehen habe, muß ich mir hier anschaffen.

Ist unsere Grosmutter aus nach Berlin schon heimgekehrt? Unsere Königinn hat auch einen harten Kampf zu erleben gehabt! Ich glaube, es war dieß die jüngste Prinzessinn , die auch der Vater sah .

|4 Ich will nicht besser scheinen, als ich bin; denn die Wahrheit tritt einst rein hervor; aber ich will mir bewußt sein u dazu zwingen, wenn ich Euch schreibe, daß ich gottgefällige Worte sage, daß ich euch hundertfach meine Reue u ach! Gott, käme eine, Besserung meiner selbst erzähle. Die Eltern sind so himmlisch gut; und wenden alles auf, um ihre Kinder zu erfreuen. Aber oft können diese es nicht u bedauren ihre Eltern mehr als sich, denn Verblendung Fremder an sich thut in jedem Fall weh. Oft wünsche ich mich zurück zu Euch, ihr Geliebten; die Menschen sind oft so b übel u doch sagt die böse Welt, du sollst nach ihr auch dich richten, d.h. du sollst auch bei de Schein Arges thun. So soll ich auch innerlich leiden, denn Gott weiß es, die hiesige Freude dauert nur kurz u immer sehe ich diese als Verblendung an. Ich rase ins Leben, aber auch in das Verderben. Wenn ich alles Dir, leste Mutter u euch Allen sagen könnte, was ich wünsche u nicht wünsche, da würde meine Pa Feder zu langsam gehen; die Gedanken sind das Unendlichste, denn die Quelle dersellen ist unendlich u. So bitte ich Dich, Geliebte, mir ja auch dein Herz auszuschütten; dann ist mir dieß gewiß die heiligste Moral; aber ich muß mir jetzt Zwang anthun, sonst werde ich wie einer der Gemeinsten auf Erden. So will ich denn auf Euch u Gott trauen u mich nie an fremde Urtheile kehren. Unser geliebter Vater wird vielleicht bald erfahren, was die Erde u was das Überirdische ist; dann schauen wir uns mit Thränen an; ach! ich erinnere mich hiebei recht wohl unseres Vaters; er denkt in seinen Abendstunden immer tiefer an Gott, doch gebt ihr mir Zeichen eueres Wollseins ; ich bin es gewiß immer, denn ich verdiene nichts Anderes, als was ich habe. Gott mit Euch Allen u er segne auch Dich u den Vater, u ver gebe euch die Freude, die ich oft über eure Zurückerinnerung habe. Ich schließe mit dem Unbedeutendsten, aber das mir den meisten Kummer macht, kaum will ich es aussprechen; ich denke u dachte an frühere Tage, an manche Lustbarkeit; die Leute hier sind immer aufmerksam auf mich u trotz vieler Abschlaggungen muß ich heute Abend (aber mit dem guten Voss, in demselben Zustand) als dem Karnevalstag erscheinen. Das ist die letzte Freude in Heidelberg. Gott mit Könnt ihr das verzeihen?

Noch was habe ich zu erwähnen. Daß der Vater nicht zürne auf mein schlechtes Schreiben , ich konnte in der Eile nicht anders. Ich will gewiß jetzt recht deutlich schreiben, ich will ja folgen.

Zitierhinweis

Von Max Richter an Caroline Richter. Heidelberg, 6. oder 7. März 1821, Montag oder Dienstag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0027


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Dbl. 8°, 4 S., Schluss fehlt.


Korrespondenz

B: Von Caroline Richter an Max Richter. Bayreuth, um den 20. Februar 1821

Zur Datierung: Geschrieben am Karnevalstag 1821, also wahrscheinlich am 6. (Rosenmontag) oder 7. März (Fastnacht) 1821.