Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Henriette Schwendler an Emanuel. Meiningen, 18. November und 4. Dezember 1808, Freitag und Sonntag

Darstellung und Funktionen des "Kritischen und kommentierten Textes" sind für Medium- und Large-Screen-Endgeräte optimiert. Auf Small-Screen-Devices (z.B. Smartphones) empfehlen wir auf den "Lesetext" umzuschalten.



|1
Meiningen den 18ten Novbr
1808

Geliebter, unvergeßlicher Freund!

Es muß eine besondre Veranlaßung haben, daß, Henriette so lange schweigt so guter Emanuel mußten Sie bisher von mir dencken, eine andre Auslegung fürchtete mein Ihnen treu ergebnes Herz nicht! – Und, in der That besondre Ursachen bewogen mich, einen Brief bis zu diesen Augenblick aufzuschieben.

Am nähmlichen Tage wo ich Ihren Brief erhielt , bekam Schwendler einen Ruf, als Regierungs-Direcktor zu dem Fürsten von Schönburg-Waldenbourg. Eine Sache, die so bedeutend auf unsre beyderseitige Lage einwircken konnte, mußte reiflich erwogen werden, da ins besondre vielerley Dinge meinem Mann und mir; eine Orts und Dienst Veränderung sehr wünschenswerth machen. Schwendler entschloß sich nach Waldenburg zu reisen um an Ort und Stelle alles zu prüfen und sodann zu wählen. Ich meines Orts wollte es ruhig abwarten und nach Ausgang der Sache Ihnen schreiben, in der süßen |2 Ueberzeugung, daß dem Freunde jede Veränderung mit einem Worte jede Sache intereßirt, die auf das Wohl der Freunde Einfluß hat. Daß ich in Meiningen wenig, außer meinem Hause beynahe nichts habe wißen Sie, daß das Verhältniß, in welches mich die hiesige Fürstin und der Adel zu meiner Schwester und Tochter gesetzt hat, eigentlich zwar nur lächerlich, aber dennoch lästig ist, werden Sie mir ebenfalls eingestehen. So lange sich Dinge nicht aendern laßen gebietet die Vernunft sie zu ertragen, und ich darf mir eingestehen daß ich alle Vorurtheile und Erbärmlichkeiten, mit Würde ertrug, ließe es sich jedoch aendern und könnte ich einen Ort bewohnen, wo meine Tochter immer unter meiner Aufsicht erscheinen könnte und wo man den [...] um sein Selbst willen und so deßen Gattin achtete, dieß würde mir sehr erfreulich seyn. Um so mehr da Amanda nicht mehr Kind sondern aufblühende Jungfrau ist, wo eigentlich jeder ihrer |3 Schritte von der sorgsamen erfahrnen Mutter begleitet werden sollte. Daß ich am Ende wohl Kraft gehabt hätte, dem ganzen Hoff und Adel wesen für Amanda ein Ende zu machen, trauen Sie mir wohl zu, indem ich sie nicht hingehen ließ, dieß durfte ich aber nicht, ohne hart zu sein, weil ich dem jungen Geschöpf auf der andern Seite nicht den gerinsten Ersatz, für manchen, für sie dort findenden Jugendlichen Genuß anbieten konnte. Unser hiesiger nicht hofffähiger Adel und die zweite Claße ist so roh und ungebildet daß ich mich selbst bis auf zwey Familien – wo aber keine Jugend ist, von allein zurückgezogen habe.

Es ist schwer noch irgend wo geistlosere Gesellschaften als hier zu finden.

So ist allso mein Verhältniß zur Welt hier gespannt, und mein Wunsch zu einer Veränderung gereift. Mein S. reiste vor einigen Wochen ab und kam vorgestern zurück. Die Resultate seiner |4 Reise, sollen Sie nachstehend erfahren.

Die Fürstliche Familie in Waldenburg ist ungemein liebenswürdig. Der Fürst, ein junger Mann von 24 Jahren, voll Kraft und Leben, seine Mutter, die ihm erst die Regierung abgetreten hat, eine höchst geistreiche Frau und dabey wahrhaft vorurtheilsfrey, die ganze noch aus 6 Kindern bestehende Familie alle von dem selben ächt menschlichen Hauche belebt.

Von dieser Seite fand S. seine Erwartungen übertroffen, dazu kam noch, daß der Bruder der Fürstin, ein Graf Reuß der vormalige Oberamts Präsident in Breslau war, wo ihn mein Mann kennenlernte und der ein ganz ausgezeichneter Mann ist, gerade jetzt da wohnt, durch den S. sehr gut empfohlen und der auch von meiner Familie immer ein treuer Freund war. In dem Punckte der Persönlichkeit des Fürsten Hauses stand allso alles aufs beste, jetzt galt es nun |5 die Dienst Verhältniße an und für sich näher zu prüfen. Da ergaben sich vielerley Anstöße, zuerst, daß der Fürst die Regierung mit vier Lehns Vettern theilt und sodann daß Chur Sachsen die Souverainität über alle Schönburgische Lande hat. Für einen reellen und geistvollen Geschäfts Mann lagen in erwähnten Verhältnißen, Hinderniße die allerdings sehr berücksichtigt zu werden verdienten, und deshalb entschloß sich Schwendler erst wieder heim zu kehren, bevor er die Stelle annahm. Der auswärtige Ruff hatte hier bey der Herzogin und im Geheimraths Collegio viel Sensation gemacht. Man schien jetzt zu bemercken, daß Schwendlers Entfernung eine bedeutende Lücke machen würde und die Fürstin meinte, seine uneigennützige Rechschaffenheit würde schwer zu ersetzen sein, deshalb müßte man ihm Vorschläge thun die ihn vielleicht bewegen könnten hier zu bleiben. Sonderbarerweise ward auch während Schwendlers Abwesenheit sein eifrigster Gegner hier, den sie kennen – tödtlich krank, sein Zustand ist bis jetzt hofnungslos. Bey seiner Rück- |6 kunft sind ihm auch wirklich Anerbietungen geschehen, die zwar dem nicht gleichkommen, was man Schoenburgischer Seits ihm bot, die mein S. aber doch für annehmlich genug hält, um jenen Ruff abzulehnen. So waren wir allso wieder fest an Meiningen gebunden! ich werde nun wieder fort ertragen was sich hier nicht aendern läßt Gottlob, daß mein häusliches Glück niemals vom Äußern auf eine Weise abhängt, daß dieses in jenes ruhestörend wirken kann. Ich achte und liebe meinen S., meine Kinder erfreuen mich, und mitt diesen Gefühlen biete ich Allem Trotz.

den 4ten Dmbr

Guter Emanuel, schon wieder erlitt dieser Brief eine Unterbrechung. Einmahl daß ich körperlich viel litt und dann, daß ich in den Augenbliken [...] wo ich denselben hätte vollenden können, in diesen, mußte ich der guten Henriette Schukmann schreiben , die mich dringend bat und die in Sorgen um mich war. Einge Tage früher als durch mich selbst, erfahren Sie durch Henriette S. wie es mir geht und daß ich meiner Freundinn im eigentlichsten Sinne zuletzt ein Klaglied gesungen habe. Ja, geliebter Emanuel, Amandas schlimmer Fuß hat mir unendliche Sorgen gemacht, glücklicher Weise |7 daß sie selbst nie meinen Kummer und auch den bedencklichen Zustand ihrer Wunde ahndete. Sie schrieb Ihnen mitten in dem schwierigsten Zeitpunkte und ihr Brief ist voller Heiterkeit Ueberhaupt klagt sie selten, ihr Carakter hat darinnen etwas – meinem Geschlechte häufig mangelnd aber ihm höchst Nothwendiges.

Da Sie, meine Liebe für Kinder kennen so brauche ich Ihnen nicht zu betheuern, daß mich mein Zustand der hoffenden Mutter sehr glücklich macht. Aber Guter, ich leide mehr als jemals, eine fast unerträgliche Nervenschwäche quält mich so häufig, daß ich nicht allein als Hausmutter ganz unnütz werde, auch fürchte ich keinen guten Ausgang meiner süßen Hoffnung Der Himmlische Vater erhöre mein Gebet! —

Alle Nachrichten die Sie mir, in Ihrem letzten Briefe mittheilten waren mir höchst erfreulich Daß Otto zurück ist und Amöne den geliebten Gatten wieder besitzt, theile ich redlich mit ihr. Ueber die Jette und die Gefangenschaft ihres Herzens, freue ich mich ungemein. Wer sie wählte, muß nächst ihrem holden Gesichte doch noch mehr von ihrem Gemüthe und Herzen |8 worden sein und dann zog er im Looß keine Niete. Im Anfange konnte ich auf niemand rathen Amanda sogleich auf den Medicinalrath L. Sonderbar wäre es wenn die junge unbefangne Tochter früher und richtiger als die Mutter errathen hätte. In die schönen Augenblicke, die Sie mit Stockar verlebten und in den dreyfachen Genuß den Sie mit beyden Liebenden und den treflichen Vater theilten, oh, mit ganzer Seele dachte und fühlte ich mich hinein. Der Seeligkeiten viele erleben Sie auf dieser Erde! – fast möchte ich glauben, daß gerade so wie Sie das Leben auf- und in demselben eine Stelle einnehmen, daß Sie da und in keinem andern Verhältniße beßer! die reinsten und erhabensten Freuden genießen Gern möchte ich Euch Geliebte, zuweilen ein wenig belauschen und mich von Angesicht zu Angesicht mit Euch freuen. Eine unbeschreibliche Sehnsucht ergreift mich zuweilen oft, ich weiß wohl; daß wer sich einmahl so angehörte wie Sie mir und ich Ihnen mein Freund, daß für einen solchen Bund der Freundschaft daßs Beysammenseyn nicht unbedingt nothwendig ist, doch giebt es Augenblicke |9 wo ich fühle, daß nur in der persönlichen Nähe meiner Freunde meine Gefühle ganz ausströmen können, es gibt dann oft das schöne innige beredte Schweigen! – – –

Henriette Sch. äußerte mir in ihrem letzten Briefe den Wunsch Baireuth zu verlaßen und vielleicht gar Meiningen zu ihrem Wohnort zu erwählen. Sie foderte mir genaue Detaills über die hiesige Lebensweise ab, die ich ihr redlich gegeben. Ich läugne nicht, daß mir die Nähe dieser kräftigen Seele angenehm sein würde, doch fürchte ich, daß sie hier gar zu wenig Genuß finden wird. Wir sind geistig hier sehr arm und der gesellschaftliche Genuß ist überaus dürftig. hier

Daß Richters endlich in die Stadt und in Ihre Straße gezogen sind, ist mir lieb. Meine uneigennützige Liebe für Beyde kann nicht anders als Baireuth für den schicklichsten und besten Wohnort für sie halten, am meisten für ihn Richtern. In einer eignen Spannung lebte ich deshalb so lange bis nicht über Krieg und Frieden Gewisheit war. Ich erlaubte mir zwar keinen Augenblick die Hoffnung meine Richters hier zu sehen , weil ein fürchterlicher Trumpf die Loesung dazu war, aber recht streng mußte ich |10 meine beßre Ueberzeugung bewachen. Es war ein unbeschreiblich süßer Gedancke für mich, noch einmahl unter einem Horizonte mit diesen seltnen Menschen zu leben.

Antonie sagt Ihnen selbst einige Worte , sie ist sehr wohl und beynahe erkenntlich stark geworden. Mit ihrer geistigen Lebensweise bin ich seit wir von Baireuth zurük sind nicht ganz zufrieden. Sie isolirt sich zu viel und überhaupt die Art wie sie sich den Wißenschaffen ergiebt, ist nicht so wie ich es meinem Geschlechte für zutraeglich halte. Sie studirt den Sonderling und dadurch, da sie ohnehin einen Hang zu paradoxen Meinungen hat, wird sie wirklich bey ihrer schönen Jugend, auf eine besondre Weise alt. Ich liebe nichts mehr als einen fröhligen weiblichen Sinn, dieser sollte ausschließend Antonien gehören, bey ihrem reinen Gemüth und zarten Gefühl, aber eben weil sie ihre Empfindungen zu leicht zur Exaltation übergehen läßt, wird sie schnell abgestumpft. Denken Sie, Guter daß wir einander beynahe gar nicht sehen, in der langen Woche hat Antonie nur an einem Nachmittage und dann nur ein paar Stunden Zeit für mich. Es that mir anfänglich |11 sehr weh, weil ich sie liebe und hochachte, jetzt habe ich mich drein ergeben, wie sich dann, lieber Emanuel, das Herz Ihrer Freundinn, in gar manches schon hat ergeben müßen. Im Ganzen liebe ich gewiß mehr als ich geliebt werde! So lange als Antonie nicht auf Amanda so wirkt, daß diese an meinen Lebens Grundsätzen irre wird, laße ich die Schwester ganz gehen. In dieser unbeschränkten Freiheit fühlt sie sich glüklich und dieß ist mir angenehm, so wie aber Amanda durch Antoniens Veranlaßung schwankend wird oder sich Tiraden und Wortgepränge angewöhnt, dann werde ich ernst und strenge hier gebietet die erste und heiligste Pflicht. Amanda bildet sich kräftig aus, aber nicht immer zart und weiblich sind ihre Empfindungen, deswegen soll sie doch nicht leere und nichtempfundne Worte sagen.

Seit einigen Monathen habe ich auch einen Pflegesohn, seine Eltern sind weitläufig mit mir verwandt und wünschten, daß er sich hier auf der Forst Academie bilden sollte. Da er noch zu jung ist um sich allein überlaßen zu sein so übernahm mein Mann und ich, ihn als unser |12 Kind hier zu bewachen und zu pflegen. Er hat viel Anlagen und scheint mir noch unverdorben zu sein, Gott gebe Gedeihn zu unserm Bemühn.

Pauline grüßt Sie mit ihrem ganzen liebenden Gemüthe! Das geliebte Kind lohnt mir recht die geringe Mühe die ich mir jetzt mehr mit Entwikelungen ihrer Anlagen gebe. Vor Gott kann ich sagen, daß in Paulinen die Liebe, so wie ihr ganzes Wesen so auch jeden ihrer Begriffe motivirt. Ob dieser Ton in der Harmonie ihres innren Lebens ihrer Zukunft Glük bringen wird, wage ich nicht zu bestimmen, doch möchte ich um keinen Preiß das Vorherrschende bey ihr unterdrüken. Sie so natürlich und dabey kindlich zu erhalten, dieß ist mein einziges Bestreben.

Der armen Kleinen ist vor einiger Zeit eine große Betrübniß wiederfahren. Ihr schönes Geschenk welches die kleine Hausmutter nur zu sorgsam bewahrte und das ein eigen dazu verfertigtes Glasschränkchen auch für den Ungestüm allzu wilder Gespielen schützte hat dem ohngeachtet Unglük gehabt. Daß es natürlich die Neugierde und die Spiel Freude |13 gar vieler Kinder an sich zog konnte nicht vermieden werden und dieß erhöhte bey Paulinen nun um so mehr die Freunde des Besitzes. Bey jeder kleinen Gesellschaft blieb es unverletzt, nur letzt hatte unser lieber Bernhard der junge Herzog den Unfall durch einen sonderbaren Fall in meiner Stube das kleine Schränkchen umzuziehen und zu Paulinens höchster Betrübniß sind folgende Stüke zerbrochen, die schöne große Terrine, 2 Leuchter, 6 Teller flache und 3 Suppen Teller, 4 p' Taßen, die Zuker Dose das Kaffee Känchen und der Punschnapf. Der tiefen und doch sanfte Schmerz rührte mich unbeschreiblich, ich versprach ihr, daß wenn es möglich wäre, so sollte ihr Weihnachten den Verlust ersetzen. In Gotha und Weimar habe ich mir Mühe gegeben, aber nirgends kennt man diese kleinen niedlichen Fayence Arbeit jetzt, Guter, muß ich mich an Sie wenden könnte ich diese reingeliebten Stüke in Baireuth bekommen, sehr sehr würde es mich freuen. Bis Weihnachten hätten sie die Güte mir es zu schiken, herzlich dankbar |14 werde ich Ihre Auslagen ersetzen. Emanuel Sie machten an Pauline das schöne Geschenk daß ich aber der Kleinen den Schaden ersetzen muß, dieß fühlen Sie mit mir sonst durfte ich mich nicht mit der Besorgung deßelben an Sie wenden.

Einen Gruß, den ich in mehreren Briefen an Sie, aus meinem Herzen abzugeben vergaß, war, an Ihre Frau Schwägerin. In meinem heutigen endlich steht er da und warm und wahr so bringen Sie ihn denselben.

Der edlen Vogt meinen Gruß und Allen Menschen Gruß und Liebe die ich durch Sie kennen lernte.

Ich danke Gott, der Sie mir zum Freund gab!

Ihre
Henriette

Mein Schwendler ist in Geschäften verreißt. unwandelbar sind Sie seinem Andenken theuer

Zitierhinweis

Von Henriette Schwendler an Emanuel. Meiningen, 18. November und 4. Dezember 1808, Freitag und Sonntag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0038


XML/TEI-Dokument

Textgrundlage

H: Slg. Apelt
3 Dbl. 1 Bl. (?); 14 S. Brief - bzw. Blattnummerierung vfrH.


Korrespondenz

B: Von Emanuel an Henriette Schwendler. Bayreuth, 9. und 10. Oktober 1808
A: Von Emanuel an Henriette Schwendler. Bayreuth, 13. Dezember 1808
A: Von Emanuel an Henriette Schwendler. Bayreuth, 12. und 13. Januar 1809

Präsentate über dem Brief: 13 Dec. beantw. | 13 Jan. desgl