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Leipzig 24 ten Februar 809

Ihr lieber Brief hat mir Freude gemacht, und ich kann Ihnen meinen Glauben an Ihre Gesinnung nicht beßer ausdrücken als wenn ich Ihnen sage, daß ich Vielleicht noch Einen ausgenommen Sie für den Allein mir übrig gebliebenen Treuen ansehe. Um so schmerzhafter [...] war aber auch das Gefühl, welches sich mir vor kurzem zuweilen aufdringen wollte – und von dem ich nichts weiter sagen will, weil ich es als ein Gespenst meiner Einbildung betrachte.

Auch ich lerne den Frost des Lebens immer mehr fühlen. Meine Kinder wachsen heran, ihr Innres – besonders der Mädchen , regt sich mit einer Energie und Freiheit die mich oft erschrecken macht, denn hier müßte ein Mann eintreten die Wellen zu zügeln, von denen ich fürchte ihnen allein nicht gewachsen zu seyn. Auch bin ich noch immer nicht gesammelt nicht konzentriert genug für das Matronenamt, welches ich diesen Kindern gegenüber ausüben sollte. – Warum mußten wir so früh allein gelaßen werden – ich selbst ein Kind unter Kindern. Vor allen Dingen fuhl ich jetzt immer mehr daß Leipzig mir nicht frommt, daß es mir niemals |2 gefrommt hat. Sie wißen daß ich lange damit umgehe es zu verlaßen. Jetzt hat dieser Entschluß völlige Festigkeit. Die neue Unternehmung mit Brockhauß wird mich den Sommer über hier noch festhalten – aber dann gehe ich gewiß fort und mein Sinn ist auf – Weimar gestellt.

Wie sehr die Nähe in welcher ich mich dann mit Ihnen und den Ihrigen befinden werde, für diesen Gedanken spricht, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen. Allein ich will diesen Gedanken nicht früher mit allem Farbenschmuck ausmalen deßen er fähig ist, ehe ich nicht Ihre Meinung darüber gehört habe. Der biedre Morgenstern rührte diese Seite zuerst an, für die ich damals weniger Resonanz in mir wahr nahm, weil andre Plane das Gemüth auf Berlin richteten wie Sie ja wißen. Wollen Sie mir uber diese Sache Ihre ehrliche Meinung schreiben? ––

Wollen Sie mir melden, was eine Wohnung von drei Zimmern mit Zubehor, wie ich sie brauche etwa kostet, ob man in der Stadt Gartenwohnungen findet die ich so liebe? Ob es einen Winkel giebt in Weimar, der nicht der Adliche, nicht |3 der des Ranges, nicht der der hochmüthig sich hervordrängenden Geister ist – zu dem ich gehören würde, ohne mich durch die Uberlegenheit der Talente, des Standes – der Güter, ihm gegenuber gedemüthigt zu fuhlen? – Der aber doch der Winkel wäre, in dem ein gebildetes und bildungsfähiges Wesen, sich an seinem Platz fühlte, auch den Kindern ein freies Feld wohlthuender Umgebungen geöffnet wäre? –

Ach, ich finde gar keinen Aufruf in mir, mich etwa in den Kreiß des Hofes zu drängen, oder mit vornehm Bekanntschaften einen Prunk zu treiben. Nur diesen Kaufleuten will ich aus dem Gesicht. Meine Kinder sollen die Möglichkeit kennen lernen, daß man etwas seyn kann in der Gesellschaft, ohne Geld. Ihre frohliche weiche Gemüthsart, soll nicht durch die Verachtung geldstolzer Kinder gelähmt werden, ihr Muth nicht niedergebeugt, durch [...] das lächerliche Vornehmleben der kleinen Patrizierseelen, die sich noch in den Pohlröcken , schon [...] wie Mitglieder eines hochweisen Rathes geberden, und auf der Schulbank brüsten, als hätten sie bereits den Platz im Schöppenstuhl eingenommen.

|4 Sie fühlen selbst, lieber Falk daß alles hier gesagte eigentlich nur Nebengründe sind, die sich an einen tiefern, immer tiefer einwurzelnden Zwecke anschließen. Uber diese tiefe Stimme in meinem Innern, etwas Neues zu sagen ist überflüßig. Sie kennen diese Klagestimme in allen ihren Modulationen, sie läßt sich nicht anders zum schweigen bringen, als durch eine gänzliche Wiedergeburt.

Den Anfang zur Trenung von Leipzig mache ich schon in vier Wochen. Dann ziehe ich auf das Land, in mäßiger Entfernung, von der Stadt, an die, Geschäfte mich für den Augenblick noch gefeßelt halten. Umkehren werde ich nicht nach Leipzig. Das Dorf liegt auf der Straße von Weimar. Vielleicht kann ich es einrichten, daß ich nach den Feiertagen auf ein paar Tage heruber komme, wo wir mündlich alles beßer überlegen können. Schreiben Sie mir bald, lieber Falk! Schreiben Sie aber nur mir allein über diesen Punkt. Mahlman und Andre sind zwar recht gute Leute, aber zu Vertrauten mach ich sie nicht.

Uber Ihren Vorschlag die Geburtstags Feier der Herzogin im Almanach aufzunehmen , kann ich mich nicht eher bestimmen bis ich mit dem Verleger darüber Rucksprache gehalten habe. Ich habe ihm davon geschrieben, und erwarte besonders des Kupfers wegen seine Antwort. Sobald die einläuft erhalten Sie Nachricht. Leben Sie wohl, lieber Falk, tausend Gruß an die Ihrigen von

Ihrer

Minna Spazier

Zitierhinweis

Von Minna Spazier an Johannes Daniel Falk. Leipzig, 24. Februar 1809, Freitag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0046


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Textgrundlage

H: GSA, 15/II,1D,14
1 Dbl. 8°, 4 S.