Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Max Richter an Caroline Richter. München, 14. Juni 1820, Mittwoch

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Mittwoch.

Theuerste Mutter!

Der erst heute heiter gewordene Himmel soll euch auch des Vaters Heiterkeit verkünden ; d . i. sein Glück. Ich kann die 3 theuren Briefe auf einmal beantworten und jedem nichts Schönes sagen, da ihr mir zuviel genommen habt vom Lobe. Ich spreche daher von Einladungen p. Registrirt denkt euch folgende. Bei Schlichtegroll zu Mittag gleich am andern Tag der Ankunft , so wie noch 3 andre Male; eben so bei Thiersch am einmal; bei Hr. v Mann. Kurz die ganze Gelehrtengesellschaft, die dem Vater ins Fenster sehen kann, wartet nur noch auf einiges Hinausgucken; freilich man hätte jetzt einheitzen können; kurz die ganze Akademie kommt ihm da entgegen, nicht so der – Adel. Schlichtegrolls waren mit Abendessen u Thee's am freigebigsten; daneben mit Musikunterhaltungen. Dem Alten machte es Freude, ihn am Sontag in die königlichen Zimmer zu führen. Der persönliche Charakter des Königs entsprach dem häußlichen. Mit den Prinzessinnen würde sich die Odilie wohl vertragen, denn sie haben in ihren großen Pallast einige kleinere für geringere Prinzessinnen Der König wohnt 4 Stiegen hoch; die Königinn 3. Alles ist in den selben d. Residenz einfach; ein einziges Spiegelzimmer zwang machte den Vater, etwas irre. Seine Büste schmückt den Empfang (Audienz-) Saal der Königinn; eben so die des Königs in vortreflicher Aehnlichkeit. D. Gemählde sind ausgezeichnet, meist von jungen hiesigen Künstlern. Das Zimmer des Königs ist fast zu einfach. Büffon, Montesquieu u Tacitus Bacon stehen als Folianten an seiner Abbildung. Ein ehrwürdiger Greis v. Sömmering (Mietglied der phys. anthropolog. u mediz. Fakultät an der Akademie) erquickt den Vat. außerordentlich; er u seine Bücher. Die italienischen Spiele sind nun zu Ende ; die deutsche Oper Das |2 Rothkäppchen war nicht das rechte Stück, um die Metzger zu hören. Der Vat ist nun ganz hergestellt. Manns sind fast zu gefällig; alle Opern, Theater p. stehen so frei, auch der Gebrauch des Wagens. Daß Alles bei Euch recht gut geht, freut mich; der jun Welden Welden erwartete längst einen Brief u ich frage darher auch nach dem Stillschweigen seiner Eltern u Schwestern. Er kam mir seit einigenTagen immer ganz betrübt entgegen. Wie doch die jungen Leute so schnell Norden u Süden durchwandern können. So hat denn den Julius wieder den Norden! Riesenfüße brachten ihn dahi m n . Ich glaube, mit den russischen Diensten wird so viel nicht. Was macht denn der kleine Fürst bei euch? Ich freue mich, daß ich nun seit einiger Zeit glei [...] ches mit euch ändere, wer weiß, wie wollen sehen, wer weiter kommt. Ich glaube immer, die Odilie wird mir Physik lehren. Gott gebe euch gute akademische Jahre! Dem Herrn Professor hätte ich es nie zugetraut, solche Vorlesungen zu halten. Er sei gegrüßt, mein collega oder vielmehr mein Profess. Die Minister haben wenig von sich merken lassen; Lerchenfeld allein schickte gestern seinen Bedienten u ließ eine Einladung erfolgen. Wie die Baiern immer dieselben bleiben, weiß Voss schon durch einen Brief . Einen schönen Abend brachte d. V bei d. Direktor des Oberkons. Haenlein zu, so wie bei Schlichtegroll einen der herrlichsten musikalischen, einen deutschen, der den italienischen im Theater in gewissen Punkten übertraf. Die 4 Hauptsänger der teutschen Bühne sangen zusammen ; die herrliche Herr Ponto ist in die große Welt endlich eingetreten u befindet sich sehr wohl darinn. Herr Va v. Yelin kam gestern mit einer morgen stattfindenden Einladung zum Thee . Die Alpen konnten bei so trüben Wetler noch nicht recht genossen werden; aber bald soll es anders werden. [...] Für Kost ist hinlänglich gesorgt u der Wirth bekommt vl viele Einnahmen. Die gulen Otto's besuchten neulich d Vater; Er hat sich, wie d V. sagte, wenig verändert u sieht recht kräftig aus; sie ist auch ganz gesund. Christian der Sohn geht an Krücken. Grüßet meinen andern Otto u Emanuel. Schreibet bald wieder u wenn es sein kann am Freitag. Nichts ist erwünschter als ein Brief. Gott erhalte euch!

Euer Max.

Zitierhinweis

Von Max Richter an Caroline Richter. München, 14. Juni 1820, Mittwoch In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0083


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Bl. 8°, 2 S.


Korrespondenz

B: Von Caroline Richter an Max Richter. Bayreuth, nach dem 7. Juni 1820
B: Von Caroline Richter an Jean Paul. Bayreuth, 9. Juni 1820 (4. Abt., Bd. VIII, Nr.39)
B: Von Caroline Richter an Jean Paul. Bayreuth, 12. Juni 1820 (4. Abt., Bd. VIII, Nr.40)
A: Von Caroline Richter an Max Richter. Bayreuth, zwischen 14. und 21. Juni 1820

Zur Datierung: Geschrieben am Mittwoch nach dem besuch Jean Pauls in den königlichen Zimmern in München am Sonntag, den 11. Juni 1820.