Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Caroline Richter an Odilie Richter. Bayreuth, 25. April 1822, Donnerstag

Darstellung und Funktionen des "Kritischen und kommentierten Textes" sind für Medium- und Large-Screen-Endgeräte optimiert. Auf Small-Screen-Devices (z.B. Smartphones) empfehlen wir auf den "Lesetext" umzuschalten.



|1
B. Donnerstag. Den 25ten
Aprill
22.

Geliebte Odilie

Es scheint mir so lange, daß ich Dir nicht geschrieben habe, und Vieles ist unterdessen vorgefallen. Dein letzter Brief ist sehr beruhigend für mich. Die Grosmutter war gerade da, sie nahm so einigen Antheil an den guten Nachrichten, die Du uns gabst, und schrieb Dir. Möchte ihr Geschenk Dir recht viel Vergnügen gemacht haben. Emma’s halber Friedr. D’or wurde für 4 fl.50 Xer angenommen, und ich bezahlte damit ihren Strohhut, den ich hier bei Baierlein gekauft; meine Meinung war, daß Du auch das Deine zum Theil an den Perkal hut wenden möchtest, den Du Dir gewünscht. Ich überlasse mich nun ganz dem Glauben daß Dir wirklich so wohl ist, als Du es sagst, und daß Dir der körperliche Zwang nicht zu hart dünkt, und Du Dich nicht etwa heimlich grämst, und aus alles das Gute, mir zu unserer Beruhigung sagst. |2 O meine gute Odilie sei ja ganz offen gegen uns, und verheimliche auch nicht den kleinsten Schmerz gegen Deine Eltern . Dis wäre wie falsche Schonung, die später uns nur um so unglüklicher machen würde. Diese Offenheit von Dir als etwas Heiliges und sehr Wichtiges betrachtend, glaube ich Deinen Worten. – Die Versichrung, daß Dein Uebel nicht so bedeutend sei, und selbst Herr Heyne es etwas gebessert finde ist für mich außerordentlich erfreulich. Möchte meine Furcht ungegründet sein, und Du geliebtes Kind, nicht lange Dich dem harten Zwang unterwerfen müssen.

Daß Du bei Professor Frölich singst, entzückt mich ganz. So hat doch der redliche treffliche Mann unsere damalige Übereinkunft im Herzen behalten! und daß Du meine Seele es gern und mit Neigung thust ist, wie Du denken kannst, alles was ich wünsche. O wie schön wäre es, wenn |3 dein natürlich schönes Organ wieder ins Leben träte. Es kann nicht fehlen, daß bei Deinem seltenen guten Gehör, Du nicht einmal darin der Menschen Freude werden solltest. Und o welch ein Glück ist es, durch eine so himmlische Gabe, als die des Gesanges fremde Herzen zu rühren und zu entzücken! Ein Jeder der solches besitzt sollte seinem Gott knieend dafür danken. Grüsse den trefflichen Mann von Vater und mir aufs Innigste.

Nun will ich Dir ein wenig erzählen wie es mit der Grosmutter war. Ich glaube ich schrieb Dir schon, daß ich jetzo nur für Emma arbeite. Bald werden ihre Krägen Kleider, Schnürleib, Unterröcke in so guter Ordnung sein, als das Deinige, meine Seele – indem ich nun so recht emsig daran saß ließ mir eines Morgens sagen „Heute Abend werden die Gr.mutter mit Emilie Seebeck kommen. Weg war nun alle Näherei – ich richtete eilends die kleine |4 Schlafstube ein, die so geschmakvoll und hübsch wurde als man sich nur ein Gaststübchen denken kann, und besorgte für den Abend ein gutes erquickendes Abendbrot. Alles war fertig. Wir warteten lange, endlich schicke ich Marie zur Seggel, und lasse fragen ob sie noch nicht angekommen. Und in demselben Augenblicke fuhr die Gr. M. in die Sonne ein. Stieg nicht bei uns ab. Nun eilte ich zu ihr – aber sie wollte durchaus an dem Abend nicht mehr ausgehen, und machte überhaupt ihr ganzes logiren bei uns, zweifelhaft. Ich ließ nun Emma und den Vater allein essen, und blieb bei ihr bis nach 10 Uhr. Sie war sehr gut, unsere Gespräche waren herzangreifend und rührend. Mich jammerte es daß sie so allein bleiben mußte, und ich gelobte mir, ihr die größte Liebe b zu beweisen. Am anderen Morgen kam sie zu uns, nun kostete es eine große Überredung bis sie ganz bei uns blieb, sie erwartete erst den Vater zu Tische daß der im Garten arbeitete ich fühlte es wohl sie ihr war bange, es möchte dem Vater lästig sein, endlich bat ich diesen |5 doch ganz besonders in sie zu dringen, und nun endlich gab sie nach, und Abends um 6 Uhr holten wir ihre Sachen. Beständig waren wir nun beisammen. Sie blieb 3 Tage bei uns. Du fehltest mir recht, indessen ging es doch – ich machte absichtlich nur zweierlei Essen wegen des Vaters, und ihrentwegen die ja keine Umstände verlangt. Sie ist so vernünftig und ich habe sie lieber gewonnen als je. Das Gefühl ihr Freude zu machen, beseelte mich allein. Sie kam in die Küche und sah mir zu, und nahm so herzlichen Antheil an mir wie die liebste mir zugethane Freundinn. Sie wäre über Würzburg gereißt um Dich zu sehen allein ein junger Reisegefährte der zufällig den Vater zu sehen, an dem Tage ihrer Ankunft, zu uns kam, bestimmte sie über Stuttgart zu gehen. |6 Aber sie will Dich der Frau von Hofnaas empfehlen, und Du kannst Dich nächstens auf eine Einladung, daher, gefaßt machen. Wäre nur nicht in den Tagen, Agnes Giech gestorben! Am Sonnabend um 9 3/4tel Uhr ist die Herrliche zu Gott gegangen. Weldens trauern mit, wie Geschwister. Die Stein und Schönburg leiden unendlich. Gestern war ich bei der Gr. Giech – ihre Religiosität und ihr Aufblick zu Gott sind rührend und erbaulich. Mit Emilie Kapp wirds auch wohl, bald so sein! Am Dienstag bat ich Fräulein Ritter und Weldens, wir waren allein, und alle herzlich froh. Helene kam auch und sie mit Luise und Fanny halfen bedienen und Tassen ausspülen. Man frug sehr mit besorgter Liebe nach Dir Du gutes Kind!

|7 Der Vater ist recht wohl – und heiter – Du darfst niemals fürchten daß er böse auf Dich ist – er sieht jetzt Deine Kur für ein wahres Glück an. Wenn nun die Regenkatastrophe die er lange prophezeit hat vorüber sein wird, reiset er gewis, denn seine Wohnung in Dresden ist gemiethet . So eben erhalten wir Deinen Brief . Dank liebe Odilie schreib nur gleich wenn Du diesen durch Carl Welden erhältst was Herr Heyne macht. Gott wie ängstiget mich seine Krankheit! Wie ein Wetterschlag fuhr es mir durch alle Glieder – und daß der böse Mann ihm einen kränkenden Brief schreiben konnte, ist entsetzlich. Man sollte doch nichts sagen, und alles seinen Gang gehen lassen. Aber da ich von der |8 guten Auguste beauftragt ward, der Hirschberg Betragen an Jemand aus der Familie zu melden, und Barners mir riethen an Frau von Mann zu schreiben, so mußte ich es ja wohl thun. Gott gebe daß der brave gute Mann sich schon jetzt bessert. Grüße Ihn doch vom VaterWeldens – und mir, auf das Herzlichste. Möchte Er bald – bald wieder ganz genesen! Schreibe ja sogleich wie Er sich befindet und gib auch Antwort wegen des kleinen Hofmann, seine Mutter will ihn immer holen. Das kleine Zeichen Etui gib an Edmund Falk nebst vielen Grüßen und Küssen auch an seine Mutter. Das Übrige ist für Dich, ein kleiner Spas. Sage mir ob du ein Kleid möchtest, ich habe mir einen solchen Mantel gekauft als das feine Pröbchen und eine Betdecke, und Hauskleid wie das grobe Pröbchen. Ich möchte Dir gern ein Kleid machen, aber ich denke es sitzt dir nicht wenn [...]

Zitierhinweis

Von Caroline Richter an Odilie Richter. Bayreuth, 25. April 1822, Donnerstag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0100


XML/TEI-Dokument

Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
2 Dbl. 8°, 8 S., Schluss fehlt.