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Meiningen den 12ten August
1808

Wenn Du, Geliebte, nur hättest die Freude sehen können, als ich Dein Paquet empfieng und wir nun Ein's nach dem Andern unsre Briefe von Euch Theuren herausfanden. Du schwesterlich geliebte Caroline, ja wohl fühle ich, wie nahe Du mir bist und welch inniges Band der Liebe und des Vertrauens uns umschließt. Ich danke Dir für Deinen Brief an Amanda und für die Worte an Antonie , mit welchen Du sie ins natürliche Leben herabziehst. Du weißt wie sehr ich A. liebe, aber natürlicher muß sie werden und für's gewöhnliche Leben [...]brauchbarer. Ihr Körper ist jetzt so stark und kräftig, daß es sich gar nicht für sie ziemt, von dem nahen Tode so oft zu sprechen und besonders da ihr Leben uns Alle so höchlich freut. Auch bitte ich Dich, Liebe, dahin bey unsrer A. zu wirken, daß sie sich für gewöhnliche Menschen weniger hingiebt, durch Worte und Werke. Einmahl kann der Enthousiasmus der nicht erwiedert wird, niemahls ausdauern und dann löst sich in der zu allgemeinen Liebe die wahre zu leicht auf. |2 Nach Antoniens Individualität muß sie Alles' lieben und auch mit Wahrheit, nur sollte sie nach meinem Gefühl, spahrsamer im Ausdruk sein um für die Seltenen nun auch seltnere Empfindungen sich zu bewahren. Du gilst sehr viel bey ihr und kannst da mehr bewirken als ich. Richter gab ihr in herrliche Winke.

Henriette Schukmann überraschte mich weniger, daß sie mir zuerst schrieb , aber mit so viel Wärme und Liebe! – Du weißt, Liebe daß mich ihr Wesen gleich ergriff, ihr freyer Geist und ihr kräftiges Gemüthe sprach mich an; und ihr das zu seyn wozu sie mich fähig hält, sie zu lieben, oh dies will ich von ganzen Herzen. Du kennst mich darauf Caroline, wie gern ich Vorzüge einräume, ich weiß genau wie hoch Du über mich stehst, und auch das ich Henriette S. in vielen Dingen nicht erreiche. In dem Gefühl der Vorzüge meiner Freunde bin ich unendlich seelig! Ich begreife nicht recht, warum Emanuel meine Briefe nicht mittheilt, er schrieb es mir selbst . Nach meiner Dir bekannten Offenheit , werde ich ihn bitten mir die Ursachen, die er dazu zu haben glaubt, mitzutheilen |3 Er ist ein seltner herlicher Mensch, und ohngeachtet ich das bey ihm vermiße, worüber Du an Antonie Dich erklärst, so gestehe ich Dir doch ein, daß ich es fast für übermenschlich halte, bey seiner hohen moralischen Größe, nun noch die Vorzüge einer gründlichen wißentschaftlichen Bildung dabey zu vereinen und dann nicht mehr oder weniger in einen gewißen Egoismus zu verfallen, der mich bey ihm mehr wie bey Andern stören würde. Sein reiner heiliger Sinn und sein in Liebe nur bestehendes Gemüth, ja, etwas ähnliches fand ich bisher nicht. Ich fühle recht bestimt, daß ich mich durch die Fortsetzung seiner Bekanntschaft veredlen werde und dafür bringe ich ihm Dank und Liebe.

Aber, Caroline, Du weißt nicht, daß Deine Henriette seit vierzehn Tagen von einem bittren Kummer gedrükt ist. Gott, könnte ich jetzt nur einige Augenblike bey Dir und Richter sein! –

Schon lange fürchtete ich, daß auf meinen Leopold die Nähe in der er jetzt mit seinem Vater lebt nachtheilig wirken könnte. Die seltnen Nachrichten von ihm, die wenige Herzlichkeit in seinen Briefen an mich, alles dies betrübte mich, nur glaubte ich im Ganzen würde das gleisnerische Wesen des Gr. S. |4 weniger Eingang in seiner jungen Seele finden.

Gerade an einem Tage wo wir heiter und froh von Liebenstein zurük kehrten, fand Amanda einen Brief von ihm . Nicht allein die höchste Gleichgültigkeit gegen mich, sondern daßelbe Spiel der Empfindungen wie der Vater wo der Knabe sogar wagt, die Religionen miteinzumischen, - war der Inhalt des Briefes. Ich möchte fast sagteen, dieselbe Verrükung der Ideen, mit einem Wort man sah dem Briefe an, daß wenn er gleich eingegeben war, er doch niemals aus der Feder eines guten Kindes hätte fließen können. Daß Leopold sich von der Mutter abwendig machen ließ, würde mich weniger schmerzen, wenn ich mir denken könnte, daß der Mensch welcher die ersten natürlichen Gefühle verleugnet, gut sein und bleiben könne. Ich liebe meine Kinder nicht allein um ihrer Gegenliebe willen, daß ich weiter aus dem Briefe, Dünkel und gemeinen Stolz bemerkte, darüber würde ich mich am wenigsten betrüben, weil ich hoffe, daß die Zeit diese Pest der menschlichen Gesellschaft vollends ausrotten wird. Aber, Caroline, Leopold ist in allen Stüken vernachläßiget, er ist wirklich dumm. Denke, Dir um Gottes willen, wie wir zu [...]

Zitierhinweis

Von Henriette Schwendler an Caroline Richter. Meiningen, 12. August 1808, Freitag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0124


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Dbl. 8°, 4 S. Schluss fehlt.