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B., 27 Oct. 9.

Meine dritte Henriette!

Eben als ich zähle, diese Jetten, find' ich, daß ich deren viel mehr unter meinen Bekannten habe; aber Gott erhalte mir sie alle und Sie meine Dritte.

Alles Gute soll ja dreifach seyn.

Mir ist es als wär' ich in Ihre Fußstafpfen getreten und Ihnen diese Worte so lange schuldig geblieben , als Sie mir die jüngsten Ihrigen.Was mag wohl die Ursache meines schriftlichen Nichtkommens gewesen seyn?

"Ein Weib, mit der heiligen Schrift zu reden, hatt' ich mir nicht genommen" und taufen ließ ich – wie Sie – auch noch nicht, [...], und doch gab es der Hinderniße viele, lange und angenehme.

Wenn ich wohl aus Yverdon mit der Schwester an die Schwester geschrieben hätte , was würden Sie gesagt haben?

Nein, so weit war ich nicht gar gekommen; aber bis an die Schweitzergrenze, bis nach Freiburg in Breisgau, zur Jette Braun.

Und hätt' ich über 8 Tage noch zu disponiren gehabt so hätt' ich Antoinette bei Pestalozzi, der mich selbst zu sich eingeladen, gesehen.

Über Nürnberg, Ansbach, Stuttgart, Carlsruhe und Strasburg ging ich hin und über Ulm und Augsburg her.

Überall empfing mich alte Liebe und überall machte ich und machte man mir Freude.

Erzählen ließ sich vielleicht etwas von dieser schönen Reise; schreiben nichts.

Säß ich neben Ihnen und Sie hätten Ihren Reinhold an der Brust, damit der Holde auch schwieg. Sie sollten es schon ein Stündchen ruhig bei meiner meiner Reiseerzählung aushalten.

|2 Und als ich glücklich nach Hause kam mußt' ich auf 14 Tage nach Döhlau.Da traf mich der Friede, Friede.Acht Tage bin ich nun wieder hier und jetzt, wie Sie sehen bei Ihnen.Aber ich bin es öfter, als Sie's sehen.Was hilft es denn, wenn ich auch frage, wie es Ihnen, Ihrem Manne, Ihrer Pauline (meine alte in Eßlingen, sie Heißt Hartenberg, hat mich mit ihrer Umgebung sehr freundlich aufgenommen) u Ihrem Reinhold geht, ich bekomme ja doch erst in Monaten – kürzens – Antwort?

Nach Amanda will ich sie selber fragen.

Das sag' ich auch immer, daß es nichts schöneres geben kann, als das Zusehen einer Mutter, wie ihr Kind, so zu sagen, an Geist und Körper wächst.Warum aber dieß Zusehen, selbst von den besten Müttern, nicht in der Erziehung so benützt wird, wie es – nicht sollte – nur wie es benützt werden könnte, das möcht' ich von einer guten Mutter, z. B. von Ihnen, beantwortet wissen.Soll denn die zusehende Mutter durchaus nur kleine Vorzüge und Vortheile haben, vor der nichts sehenden?

Wenn doch ein Hagestolz – so sag' ich oft mit den Aeltern – nicht über Erziehung spräche, was versteht denn der davon?

Ja, liebe Aeltern, ihr habet schon ganz Recht mit dem Hagestolzen; aber nicht mit den Kindern und die Mütter haben oft noch weniger Recht als die Aeltern.

Wenn es dem armen Hagestolzen nicht an reiner Liebe zur Liebe, zum Kinde, zum |3 Menschen, zum Reinen fehlt, dann mag er – muß er auch das Höchste mißen – ein Wort aus dem Herzen sprechen, wohin es gehört – zum Herzen.

Könnte man einen Mittelweg finden zwischen der kräftigen Liebe des Kinderlosen und der weichen der Aeltern und ihn betreten, es wäre schon: etwas gethan, für die leidende Kindheit.

Jene kräftige wird oft zur Härte und diese weiche oft zur Schwäche und beide schaden, obgleich noch nicht entschieden welche mehr!

Mann und Weib selber sollten diesen Mittelweg aufsuchen u gemeinschaftlich betreten.

Aber was sollte nicht alles geschehen!

Ich sollte schweigen und will auch.

Schenken Sie mir wieder einige Zeilen: so sagen Sie mir einige Worte vom GhR. und Louise und Hofr. u Hofräthin Heim, auch von Panzerbieter, weil ich diese Menschen so lieb habe.

Richters, Alt u Jung, sind Gottlob! wohl.

Ich bin es auch.Möchte der Friede wenigstens nur Hundert Jahre dauern und uns uns einmal wiedersehen lassen.

Gott erhalte mir Sie mit Mann und Kinder stets gesund!

Em.

Zitierhinweis

Von Emanuel an Henriette Schwendler. Bayreuth, 27. Oktober 1809, Freitag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0135


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Textgrundlage

K: Slg. Apelt
3 S.: S. 1 auf S. 4 des Briefes von Henriette Schwendler an Emanuel vom 8. August 1809. 2 S. auf einem zusätzlichen Blatt (?).


Korrespondenz

A: Von Henriette Schwendler an Emanuel. Meinigen, 2. November 1809

S. 1 des Briefkonzepts auf S. 4 des Briefes von Henriette Schwendler an Emanuel vom 8. August 1809.