Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Caroline von Ehrenberg an Caroline Richter. Altenburg, zwischen 20. Juli 1810 und 2. März 1811

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Theure Geliebte

Ihr Brief hat mich sehr ergriffen – Sie schreiben so wahr und ich finde und fühle mich immer mehr durch die Aehnlichkeit unsrer Charactere, an Sie gezogen. —

Die Gefühle die Sie im ersten Theile Ihres Briefes schildern, habe ich ohngefähr um dieselbe Zeit empfunden, da sie Sie beherrschten – itzt genug davon, da Sie mir die Berührung untersagen: Ich habe unter der Zeit eine kleine Reise gemacht. – Meine Schwester hat sich endlich entschlossen nach Berlin mit der Mutter zu ziehen, und ihren längst Versprochenen , zu heirathen. – Sie schrieb mir daher mich im Betreff meines Kindes zu bestimmen ob ich ihr ganz meine Mutterrechte abtreten, oder ihn sogleich selbst nehmen wollte. – ich erhielt die Erlaubniß mich auf 8 Tage vom Stift entfernen zu dürfen, um alles mündlich abzumachen. – Gern wär ich wieder einen Theil des Weges wie die Apostel gereist – allein es ging nicht da ich hier in einem Wagen fortgehen, und in Merseburg, wo ich von Hofrath Frank-s erwartet wurde, auch ehrenvoll ankommen mußte. – Wohlfeil sollte es seyn ich hatte mir daher einen Einspänner gemiethet von |2 den mir sein Herr versicherte – es wär ein Wägelchen der den herzoglichen Kutschen Schande mache – und ein Pferdchen – das lief wie ein Mäuschen. – Ich war, mich freuend, neugierig auf meine Equipage – setze mich aber ganz dehmüthig auf die Fleischerkarre, denn viel mehr war der Gepriesene nicht – Ich bat den Kutscher sich manchmahl nach mir umzusehen, ob ich auch noch auf meinen Olimp säß oder ob mich Zephyrus entführt hätte, ich mußte mich nehmlich mit allen stemmbaren Theilen des Leibes anklammern um nicht herunter zu fliegen. Das Pferd lief aus Verzweiflung wirklich recht rasch, und gab mir zu mancher physischen und moralischen Bemerkung Stoff. In Pegau aß ich Mittagbrod an der table d’hote, wo ein Officier Kälteschäle verlangte – und Präger Musikänten kommen ließ um den zähen Hammelbraten hinunter zu geigen. – Ich konnte die Zeit nicht erwarten um wieder auf meinen Sonnenwagen zu kommen und mußte nach einer Stunde Wegs wieder umkehren um den von den Kutscher vergessenen Kasten zu holen. – Das Pferd dauerte ihn und mir, er fuhr mich daher bis am Galgen und lief, mich meinem Schicksal überlassend in die Stadt – ich hatte in einer halben Stunde nichts angelegentlicheres zu thun als Gras aus den Graben zu pflücken, und das Pferd damit |3 zu füttern, welches auch meine Gabe nicht verschmähte. Endlich kamen wir – das Pferd der Kutscher und ich nähmlich – recht glücklich in Merseburg an, wo ich mit außerordentlicher Liebe aufgenommen wurde. So angenehm mir aber auch die herrlichen Menschen die Zeit zu machen suchten – so sehnte ich mich doch weiter und ging den andern Nachmittag durch eine schöne Aue den alten Halle zu. – Auf der Hälfte Weges kam mir meine Schwester und die Westphal entgegen die frohsten Scherze, und die reinste Freude brachten mich in meine Vaterstadt, wo meine geliebte Mutter mich mit offnen Armen erwartete. – Mein Ferdinand schloß sich erst den folgenden Tag recht an mich, und wollte immer bey mir seyn. – Es fielen einige kleine Uneinigkeiten zwischen meiner Mutter und Schwester die Erziehung meines Kindes betreffend vor, und ließen mir den Entschluß schnell fassen, ihn in Halle bey einen Prediger der selbst Familie hat, und sehr geachtet ist, in Pension zu geben. – ich berichtigte alles, und reiste in Begleitung der Westphal und meiner Schwester mit schweren Mutterherzen und Sorgen nach 4 Tagen wieder ab. Der Hofrath kam uns entgegen – wir stiegen aus und gingen zu Fuß. – Der Hofrath FrankCousin von der Fr v Donop. ist der liebenswürdigste alte Mann den ich kenne, er hat so viel Sinn und Gefühl für den höhern Lebensgenuß, und ist so gebildet daß man sich in seiner Geselschaft glüklich fühlen |4 muß. – Seine Frau – eine eben so gebildete als kluge Frau erwartete uns mit den Thee – nach welchen ein kleines Concert zu stande kam. – Unter der Gesellschaft die uns zu Ehren eingeladen war befand sich eine Dame, eine Art Halbmann – sie hatte einen blauen Tuchüberrock, halb mänlich gemacht, eine Weste und eine Halsbinde an – einen runden Filzhuth trug sie immer unter den Arm, und war nicht viel großer als ich. – Die Westphal hatte uns schon bey ihren Anblick zugeflüßtert – Junker Louischen , sie machte sich uns aber bald durch ihr Betragen noch merkwürdiger, indem sie mich mit glühenden Blicken verfolgte – und immer in meine Nähe zu kommen suchte – sie drückte mir die Hand so feurig, daß ich mich anfing zu fürchten – beym Souper versteckte ich mich hinter den dicksten Haufen der Gesellschaft. – zu Ende desselben erreichte sie mich aber doch, und drückte mir ein Billet in die Hand – indem sie sagte: – Morgen reisen Sie ab? – wann kommen Sie wieder – ich muß es wissen, meine Ruhe hängt davon ab da ich ihr ganz gleichgültig sagte: von den Umständen hängt meine Reise ab – drückte sie mir nochmahls die Hand sagte – Schlafen Sie wohl – besser als ich – ach! – sie schwenkte ihren runden Huth und ging. – Den andern Morgen begleitete mich der Hofrath die Hälfte Weg, und erzählte mir so viel Gutes von den sonderbaren Wesen welches eine weitläuftige Verwande von den |5 Hause ist – daß ich es gar nicht wagte, mit meinem Urtheil hervorzubrechen. – Das Billet war von folgenden Inhalt: – Sich sehen, sich erkennen, und sich lieben ist das Vorrecht edler Seelen, die in zarten Vorgefühl ihres Werthes, Ahndung tragen. – Dianasore. – Das Blatt war aus einen Schreibebuche gerissen –– Was sagen Sie zu dieser Bekanntschaft und Eroberung – Sie beneiden mich doch wohl nicht? –– Als ich wieder hier in meine lebhafte Einsamkeit kam war es mir als wär ich Jahre lang entfernt gewesen, ich mußte mich an alles erst wieder gewöhnen. – Meine Schwester machte mir noch in derselben Woche die Freude, mich auf 2 Tage zu besuchen – auch diese sind vorüber, mein Glück liegt hinter mir! – Sie sind sehr gütig, geliebteste Freundin – so geduldig die Mittheilungen meiner kleinen Begebenheiten zu vernehmen – Sie können zwar den Brief mehr als einmahl wegwerfen, allein Sie nähmen ihn auch in der Erwartung wieder, etwas besseres zu finden. – Ihre Liebe theilt meine Einsamkeit, und ich bin um so glücklicher, und fühle sie nicht mehr, wenn ich Ihren lieben lebhaften Brief zur Seite nehme – Sie interessiren sich auch sogar für meine Caffeevisiten – glücklicherweise erlebe ich deren nicht viel – denn neulich bin ich zur gebeten worden, die Magd hat sich an die Fr Pröbstin gewendet – welche es in meinen Namen rund abgeschlagen hat. – ich sah die gute Sindicus kurz da- |6 rauf – sie bedauerte sehr den Verlust meiner Gesellschaft und meinte – so gut würde es sich nun nicht wieder treffen, mit der Gesellschaft weil sie noch vor den Winter hätte den Auskehrig machen wollen. Sie können sich vorstellen wie ich mich über dieses verlorne Paradies gegrämt habe. — Um der Entleibung auch zu gedenken – so sage ich Ihnen daß mein Herz ein wahres Preceptor Herz geworden ist. – ich bin ganz Herr meiner Herzensfiebel und sehe in allen Männern – (freylich sehe ich derer nicht viel) Fiebelsöhne, des verbesserten A B C Buchs – nämlich mit 4 Federn sie rühren mich alle nicht – und das Seitenstück von Knippenberg ist auch so theologisch daß ich ihm gegenüber noch zur Apostelgeschichte werde. – – Mein Mann hat mich gebeten mich wieder mit ihn zu vereinigen, und die Vorstellung, auf diese Art wieder die wirkliche Mutter meines Kindes zu werden – hat so viel Reitz für mich, daß ich seinen Bitten nachgeben werde – obgleich ich das eheliche Paradies mit allen seinen Aussichten kenne – Was meinen Sie dazu? –

das könnte aber erst auf Ostern, oder über das Jahr geschehen
alle meine Freunde rathen mir zur ganzlichen Trennung – doch ich habe einen Abscheu dafür – es kömt mir unnatürlich vor. –

Die gute Harmes – daß sie sich meiner erinnert. ich möchte ihr gern schreiben, doch wird sie sich nicht nach meiner Unterhaltung sehnen – und es Ihnen schlechten Dank wissen daß |7 Sie mir die Adresse gaben. – Wird mein Richter Wort halten? – wohl in jener Welt – da werde ich wohl den versprochenen Brief erhalten, nun wenn es nur zugleich ein Freybrief wird ihn so gut seyn zu dürfen wie ich will. – Küssen Sie ihn tausendmahl von mir. – Max Ottilie und Emilie drücken Sie an Ihr Herz mit der großten Innigkeit, und glauben Sie daß ich es eben so thun würde wenn ich bey Ihnen wär. – Erinnert sich die Fr v Doberneck noch meiner – ich grüße sie herzlich, so wie alle Ihre und meine Bekannte — Leben Sie wohl, theureste Seele, und behalten Sie mich lieb – ich verehr Sie mit der großten Verehrung – und bin ewig

Ihre

Caroline.

Lassen Sie mir keinen Mahnbrief wieder schreiben Ich habe es Ihnen schon so oft gesagt daß Ihre Briefe zu meiner intellectuellen Nahrung gehören also – bitte bitte.

Die Minerva der M.O. habe ich noch nicht erhalten können.

Sie werden mich sehr verbunden wenn Sie Fr v Planitz die Einlage bald schicken! –

Zitierhinweis

Von Caroline von Ehrenberg an Caroline Richter. Altenburg, zwischen 20. Juli 1810 und 2. März 1811 In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0193


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
4 Bl. 4°, 7 S.


Korrespondenz

Zur Datierung: Wann genau Caroline von Ehrenberg ihr Reise unternahm, lässt sich nicht ermitteln; sie muss zwischen der Abfassung ihres vorangegangenen (19. Juli 1810) und des nachfolgenden Briefes (2. März 1811) an Caroline Richter stattgefunden haben. Da von einer Reise in einem offenen Wagen die Rede ist, kommt der später Sommer oder Frühherbst 1810 in Frage.