Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Caroline Richter und Jean Paul an Emanuel. Meiningen, 22. Juni 1802, Dienstag

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Meiningen am 22ten Juni 02

Brauchte ich Ihnen doch nicht zu schreiben, guter Emanuel, so wollte ich Sie noch tausendmal lieber haben, wenn's möglich wäre, denn das Schreiben wird einem gewaltig sauer wenn - man beim blauen lachenden Himmel vor Ungeduld vergehen möchte, den geliebten Menschen selber um den Hals zu fallen. Warum sind Sie uns doch nicht näher, und warum wollen Sie, böser Mensch, nicht nach Liebenstein? Ein "¡aber" klingt jedoch so zweideutig, daß ich mirs fast einbilde, Sie haben eine Überraschung im Sinne, aber machen Sie mich zu Ihrer Vertrauten damit ich mich lange der eignen und allgemeinen Freude freuen kann. Hier klingt's von allen "nichts von Emanuel; wird Er bald wiederkommen; war Thieriot bei Emanuel"? Und die Fragen laßen mich kaum zum Worte kommen.

Thieriot erschien und verschwand uns wie ein Bliz. Wie unendlich freuten wir uns sein gutes Gesicht wiederzusehen. Er war so gut den schwerfälligen Postwagen voraus gehen zu laßen und ihm nach einigen Stunden in einem leichtern nachzujagen, den wir ihm mit unsern eignen Personen bis Welkershausen beschwerten. Es waren schöne Minuten, und er selbst, der Leichte, Lebhafte, war gerührt. Das weit in der Zeit entfernte "Wiedersehen" beklemte uns alle und das Wie!Er mußte erzählen, ich glaubte, noch nie that er es williger, bei seinem ersten Hierseyn that er es nicht.

|2 Wenn Sie das Verschieben einer Reise schon fatal finden, muß das Aufheben derselben Sie noch mehr ärgern. Uns geht es smit der Leipziger Reise wie dem Tantalus, mit dem Unterschiede, daß wir nun wißen woran wir sind, und jener ewig hofte. In diesem Augenblik erinnern sich mein Vater und meine Schwestern schon der schönen Zeit ihres Beisammenseyns. Sie waren in Dresden, und wir hörten es erst als sie schon dort versamelt waren. Ist das nicht hart Emanuel? Aber blos Misverständniße, und mir ungbegreifliche Willensänderungen sind daran Schuld, deren nähere Aufklärung ich noch erwarte.

Nun gehen wir blos nach Weimar, und das in einigen Tagen auf vierzehn. Ich freue mich unbeschreiblich aufs Reisen für mich, und auf eine solche geistige Lebens Erfrischung, für den zu arbeitsamen Richter. Sie glauben nicht wie fest er sizt, um zu schaffen, aber wir gehen doch öfter als sonst aufs Land oder Abends in die nächsten schönen Gänge - und unser Spiz trippelt so glüklich neben uns her. Unser Leben ist recht himmlisch einfach.

Die Künsberg hat mich am Sontag und auch der Mann den meinigen besucht, da gab ich Ihren Auftrag ab, den sie sehr dankbar annahm. Ich bedaure ihre für die Natur und Einsamkeit geschafne Seele, das sie den Aufenthalt auf dem Lande nicht länger genießen kann. Mein Mann so nimt unter allen Frauen hier, den grösten Antheil an sieihr, und ich |3 bin recht glüklich ihren Umgang zu haben.

Ihre Frage wegen eines Geschenks für die drei guten Mädchen kann ich doch nicht so ganz bestimt beantworten - im Ganzen weis ich nur, daß einedie kleinste der Kleinigkeiten von Emanuel, für die Luise und Lene immer unschäzbaren Werth haben wird. Ein paar Handschuhe, ein Band, ein Fächer z. B. hier wird das Nehmen glaube ich eine noch größere Freude hervorbringen als das Geben dem Geber machen kann, der wenn er sich Selbst einmal vergäbe seine Freunde so glüklich machen würde, als Er es seyn soll.

Gleims Brief schike ich Ihnen deshalb, damit Sie Ihren Grus still in der Seele wiederholen, den ich ihm gewis abgeben werde. Wie mus man den Greis lieben!

Adieu guter Emanuel - ich muß schließen weil es Mittag ist, und das Eßen über mein Schreiben schon fast verbrant wäre. Schreiben Sie bald und viel, und erhalten Sie mir Ihre Liebe
Leben Sie wohl

Caroline.

Ausser dem Grus weis ich nichts. Hier folgt Amönens Kleid , das ich in den Nebenstunden gemacht so gut ich gekont, da ich doch mehr ein Mansschneider bin. – Unter dem Pak Briefe – unserer dieser meiner Biographie – stecken Ihre zurükkehrenden. – Das Parasol rechnen Sie mir an, |4 ich lasse gerne Sie an meiner stat noch 1 oder 2 fl herunterhandeln, da Sie es verstehen. – Das Bier ist noch kostbar, versiegt aber. Darüber künftig u. für d. Zukunft. – Kan man denn alles von Ihnen leichter haben – Sie gar –, als Fakta? lange Erzählungen? Zum Lohne käm’ ich dan mit Gegenerzählungen hervor z. B. über Hildburghausen . – Seit der vernichteten Leipziger Reise wird die vogtländische immer wirklicher für den Herbst. – Ich sprach mit Cotta hier über mein künftiges Verlagsbuch, er schien suchte alles zu bejahen, auch 7 Ld. p. Bogen; noch hab’ ich nichts abgeschlossen. – Gott habe Sie hier seelig, Guter!

J. P.

Zitierhinweis

Von Caroline Richter und Jean Paul an Emanuel. Meiningen, 22. Juni 1802, Dienstag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0202


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Textgrundlage

H: SBa, OFS.Autogr. R 1(1802.06.22
1 Dbl. 8°, 2¾ S. von Caroline Richter, 1¼ S. von Jean Paul.

Überlieferung

D: 3. Abt., Bd. IV, Nr. 286 (nur von Jean Paul).


Korrespondenz

Präsentat: 13. Julii beantw.