Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Caroline Richter an Max Richter. Bayreuth, 20. Mai 1821, Sonntag

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Baireuth den 20ten Mai
1821.

Geliebter Max!

Dein Brief muste uns in aller Rücksicht sehr wehmütig stimmen, und man kann nichts Eiligres thun als Dir antworten, um Dich aus quälenden Irrthümern zu reißen. An demselben Sontag wo Dein Brief gekommen schreibe ich Dir, und bitte Gott Dir den Glauben an die nüchternste Wahrheit meiner Worte einzuflößen.

Der Vater liebt Dich unaussprechlich, er achtet Dich so innig und begehrt nichts mehr vom Schicksal als einen solchen Sohn – ich und die Schwestern und alle unsre Freunde eben so sehr, und wir begehren dabei gar nicht, daß Du ein Leßing-Neuton-Göthe Schelling oder Jean Paul sein sollst, sondern daß Du Max bist und bleibest wie Dich Gott so rein und fromm zur Freude Deiner Eltern auf die Welt setzte und Du bis dahin Dein redliches Gemüth bewahrt hast, sammt dem Streben nach Wissenschaft und sich dem sich immer mehr öffnenden Sinn für Heiliges – Wahres – und Schönes. Was willst Du weiter? Können Menschen – Götter sein? Nichts ist dagegen zu sagen, daß Du Deine Ideale so hoch stellst, aber wenn Dein shöner Eifer |2 Dich auf der einen Seite in jener rührenden Bescheidenheit und Demuth erhält, die auch dem größesten Menschen so schön stehet, so zeigt sich ächte Religiosität nur dann wenn unserm redlichen Wollen nach dem Höchsten zu ringen – Heiterkeit die dir zur Seite steht. Gegen die Gränzen des Menschlichen anzuringen die jedem Individuum mehr oder minder gesetzt sind, ist nicht fromm ist nicht gott ergeben – o laß Deine schöne Begeisterung durch für den Glauben sich daran beweisen – strebe, aber geißele Dich nicht mit ungerechten Beschuldigungen wenn Dir Dies oder Jenes nicht gelingt – und strenge dafür die Dir verliehenen Kräfte desto schärfer an, und das daraus hervorgehende Gelingen wird Dir Beruhigung und Frieden geben

Die Löwin, ziert des Löwen Mähne nicht -
Buntfarbig sonnt sich die Phaläne nicht -
Der Schwan durchfurcht mit stolzem Hals den See
Doch hoch im Aether hausen Schwäne nicht;
Die Rieselquelle murmelt angenehm
Doch Schiffe trägt sie nicht, und Kähne nicht;
An Dauer weicht die Rose dem Rubin
Doch schmückt ihn Thau von süsser Thräne nicht;
Was willst Du mehr, als was Du bist, zu sein
Ein andres je zu werden – wähne nicht.

|3 Diese so viel Wahrheit enthaltende Stelle aus eines Graf Platens Gedichten im Geschmack von Göthe's Divan sprach mich schon damals so sehr an, als ich sie zum erstenmale las, und sie scheint mir sehr passend für Dich. Ich will damit nicht sagen daß ich Dir nicht Kräfte für Alles zutraue was in des Geistes Gewalt steht.

Wie kannst Du nur denken, daß wenn ein Brief von Dir kommt, wir nicht in Jubel und Liebe zusammenlaufen um von dem entfernten uns angehörigen Sohne und Bruder gierig jede Nachricht zu hören? Ist es möglich daß du an der innigsten Freude zweifeln kannst? Dem Vater und mir war eigentlich nichts schmerzhaft als deine Melancholie, und die Furcht vor jener knechtisch und ungerechten Selbstquälerei vor Gott die alle Thatkraft lähmt und leider auch unter den Klugen jetzt so allgemein wird. Diese religiöse Empfindelei die mir wie eine Krankheit vorkommt – der Vater kaufte vor Kurzem Jerusalems Werke , und darunter ist ein ganzer Religionsunterricht für einen fürstlichen Jüngling begriffen – wie schön und wahr, für Gemüth und Verstand – auch Gellert wird mit den Schwestern von mir wiedergelesen, und ich finde, daß seine moralischen |4 Abhandlungen sehr wohlthätig für die Seele sind mir ist es Wonne dem längst heimgegangenen und jetzt nicht mehr so geschätzten Manne, in meiner Anerkennung auch mein Scherflein, des Dankes darzubringen und dann der Gedanke, daß auch meine Mutter ihn mit Verehrung und Liebe las, wie alles was geliebte Todte verehrten, macht mir ihn theuer. Er hat gewis viel Gutes gewirkt. Dagegen genügen mir Witschels Andachten, und Ehrenbergs Schriften gar nicht sie kommen mir blos vor, wie religiöse Poeesien.

Hugo BlairHerderSpalding – das sind Kernschriften und Dräseke in Bremen , und Wessenberg unter den Neuern die ich kenne mir, die liebsten Andachtsbücher.

Doch nun zum ökonomischen: Wie sehr ich leide mein Herzenssohn wenn ich Dich von dieser Seite sorgend und entbehrend denke, kann ich Dir nicht sagen. Allein Du hattest in so fern viel Schuld, als Du zu uneigennützig und edel, Deine Berechnungen nicht genau angabst. Erinnerst Du Dich nicht meiner Bitte, nachdem Du auch in München durch falsche Delikatesse Dich verwikelt hattest von nun ab an, alles genau und furchtlos anzugeben was Du gebraucht hattest. Warum hast Du dies nicht befolgt? Der gute Vater giebt alles gern |5 was Du vernünftiger weise brauchst, und sobald Du ihm beweisest, daß Du nicht anders kannst auch 500 fl. allein in jeder Sache ist Unklarheit und Zaghaftigkeit schädlich, entspringt sie auch aus den edelsten Gründen; und darum werden auch schwache Menschen eher unglücklich als – Böse. In allem Bestimmtheit, Ordnung, und Offenheit so will es der Vater. Wenn Du nun Deine Mutter liebst, die nur dann glücklich ist, wenn sie ihr geliebtes Kind befriedigt weiß, so antworte mir sogleich auf diesen Brief, wie viel Du noch von den letzten 50 fl. des Vaters nach allen bezahlten Rechnungen übrig hast, und ob Du unter dem verschimmelten Kuchen auch die 4 Kronth. fandest die mit eingepackt waren. Dann kann von jetzt an, eine neue Ordnung eingeführt werden. Ich dächte der Vater gäbe Dir eine Fixum von 400 fl. fürs ganze Jahr danach müstest Du Dich einrichten und diese Summe monatweise vertheilt einnehmen, damit Du durch den im Besitz einer etwas ansehnlichen Summe nicht durch Deine Gutmütigkeit verleitet würdest – Betriegern zu leihen. Betrachte übrigens die Gabe des Vaters nicht als eine unerhörte Grosmuth, da sie Elternpflicht ist, und laß Dir |6 eine mäßige aber reichliche und gesunde Nahrung nicht zu einem Gewissensskrupel werden. Um Dich aus jetzigen möglichen Verlegenheiten zu reissen werde ich Dir (wahrsheinlich durch Reizenstein ) von meinen Interessen 30 fl extra auszahlen lassen die dem guten Vater gar nicht in Rechnung gestelt zu werden brauchen. Dafür verlange ich aber daß Du meine erste Bitte wörtlich erfüllst. Du sagst blos was Du von einem bestimmten datum an von allem noch übrig hast, damit der Vater Dir zur rechten Zeit Geld schickt, sonst bleiben ewige Reste und ewige Verwirrung.

In der Stipendiumssache habe ich nichts gethan weil Ihr Alle so gleichgültig dagegen waret.

Jetzt ist der Zeitpunkt eingetreten wo meiner Schwester Sohn, Richard es brauchen wird, und soll ich dieser vaterlosen Waise eine Vergünstigung wegnehmen die sie dringender braucht als wir ? Jedoch will ich unsre Ansprüche noch nicht aufgeben, und werde mich bei der Dessauer Regierung erkundigen, ob Ihr nicht Beide nach einander es geniessen könnet, und wir müsten dann die letzten sein. Der Brief an Lairitz ist sogleich besorgt, er ließ danken. Bald werde ich ihn zu mir kommen lassen. Grüße doch den edeln Carové recht sehr von uns. und Vossens ganze würdige Familie . Wie schön hat Voß den Vater eingeladen . Laß nur schönes Wetter kommen, so reißt er gewis. |7 Bei der Großmutter werde ich nächstens wegen Berlin anfragen. sie schrieb mir vor ein paar Tagen mit rechter Liebe. sie soll mir eine Wohnung für Dich vorschlagen und den Preis für Kost erfragen. Vielleicht bietet sie sich selbst an, gegen Bezahlung, aber bitten darf man nicht darum. Ach lebte mein Vater noch, wie ganz anders wäre es da! Bonn wird sehr gelobt. Walter war vor Kurzem hier – und jetzt ein älterer Sohn der Kammerherrin von Dobeneck – ein herrlicher Mensch! Er will mit Louis und Carl eine FußReise nach der Schweitz machen. Der junge Welden ist noch immer der alte unverdorbene und herzliche Mensch – er hofft bald nach Heidelberg zu kommen. Die lieben Weldens sind uns noch immer Dieselben – wenn er nur nicht nach Würzburg versetzt wird! Schweizers haben wieder eine 9 Jährige schöne Tochter verloren. Otto siedelt sich immer fester in München an, und wird mit Gewalt ein wenig zum Weltleben fortgezogen. Die Lochnershe Tochter "Max" ist jetzt mit ihrem Mann vereinigt auf einer Reise in Frankreich und ihre alte Mutter seelig darüber. Emanuel wird nun bald zum |8 4 ten male Vater werden, seine Kinder werden herrlich. Emma soll bald nach Konradsreuth. und Du lieber Max sollst auch in Heidelberg Subskribenten zu Falks Vorhaben sammeln in Weimar ein Bethaus für seine Zöglinge zu erbauen was schon im August vor. Jahres angekündigt worden ist. Thue es wenn Du kannst.

Ich lebe recht häuslich jetzt, Gesellschaften giebt es wenige, und im Sommer sind auch Besuche nicht häufig. Ich liebe die Ruhe eigentlich über alles und liebe nur deswegen einige gesellige Einflechtungen um jene mehr schätzen zu lernen und sie interessanter zu geniessen – denn es ist gewis, daß Gespräche und Mittheilungen den Stoff liefern den das einsame Leben würdig verarbeitet. Glaube nicht daß deswegen unser Familienleben die Betrachtung des Innern ausschließt – wenigstens begleitet mich bei allen Handlungen, in allen Verhältnissen die Idee meiner eigentlichen und ersten Bestimmung. Ich strebe immer danach die Gradationen der Pflicht nicht aus dem Auge zu verlieren, und hoffe Gnade von Gott für die Schwächen und Fehler der menschlichen Natur. Nur Liebe kann ich nicht entbehren, und wenn Du mein Max einmal Vertrauen finden kannst zu einem edeln Freunde oder einer edeln Freundinn wird mancher Schmerz in Dir gestillt sein.

Tausendmal umarme ich Dich mit der heißesten Liebe

Deine treue Mutter.

Zitierhinweis

Von Caroline Richter an Max Richter. Bayreuth, 20. Mai 1821, Sonntag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0208


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Dbl., 2 Bl. 8°, 8 S. Blattnummerierung vfrH (?).

Überlieferung

D: Wahrheit 8, 293-296 (unvollständig).

D: Ernst Hartung: Jean Paul, ein Lebensroman in Briefen


Korrespondenz

B: Von Max Richter. Heidelberg, vor dem 20. Mai 1821 (4. Abt., Bd. VIII, Nr.106)

Von Dobeneck überbracht, vgl. Brief von Caroline Richter an Max vom 1. Juni 1821.