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Korrespondenz

Von Caroline Richter an Franz Wilhelm Jung. Bayreuth, 17. Juli 1813, Sonnabend

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Baireuth den 17 ten Juli
1813.

Ihr Schreiben , verehrungswürdigster trefflichster Mann! habe ich mit inniger Rührung und Freude gelesen. Wie gütig sind Sie gegen ein Wesen, das nur durch seine Verbindung mit Einem Ihrer Liebe ganz würdigen Mann, einen Werth in Ihren Augen erhalten kann. Das häusliche Wirken das in der Ehe unserm Geschlecht zum höchsten Intereße werden muß hemmt so manchen Aufschwung des Gefühls dem wir uns früher so ungezwungen überlassen durften – warlich hier immer die rechte Mittellinie zu halten, um nicht in Gemeinheit zu versinken, ist eine schwere Aufgabe.

Doch zuerst von Richter, der wie ich sich an Ihrem Wohlwollen und Ihrem zarten Andenken erfreute – er wünschte Sie mehr genoßen zu haben, als er Sie sah – er erwartet es vom Schiksal als eine Gabe, da er immer mehr den Werth Ihres Herzens erkennt. Vielleicht gehen wir bei der Erneurung |2 des Kriegs nach Heidelberg um dort ein Asyl gegen seine Unruhen zu finden, da die Nähe der österreichschen Grenze für Bayreuth gefährlich werden kann. Dann sind wir Ihnen näher, und o wie glücklich wäre ich Sie mit und unter Ihren Kindern sehen zu können. Für mich hat die Innigkeit eines Verhältnisses erwachsener Töchter zu einem Vater der sie mit sorgsamer Liebe und Pflege erzog, ungemein etwas rührendes – und ich versichre Sie kein süßeres Glück des Herzens konnte je die Erinnrung an dasselbe schwächen das ich selbst empfunden habe. Die Bildung gleicht da den Unterschied der Jahre aus, und in der Liebe eines Vaters finden wir eine wankellose Treue und Beständigkeit, eine Schonung und ein Verzeihen unserer Schwächen die kein anderes Herz uns gewährt. Trennt das Schiksal uns vom Vaters Herzen, so und wir kehren nach dem wir einem andern angehört hatten dahin zurück, so glaube ich tritt schon etwas Fremdartiges zwischen dieses schöne Vertrauen – dann wird |3 nach dem Werthe, die Liebe gewogen, wie bei durch den durch Verbindung aus Wahl verbundenen Menschen. – – – Wie herrlich müssen Ihre Kinder sein – möchten einst die unsrigen ihnen gleichen. – Von Seiten des Gemüths lassen sie uns nichts zu wünschen übrig. Alle haben den Grund der heiligsten Reinheit von ihrem Vater ererbt. Noch sind sie ganz Kinder, (mein ältestes Mädchen erst 10 Jahr alt) zwar mit allen Unbesonnenheiten mit allem kindischen Sein das man sich bei noch jüngeren Kindern nur denken kann – aber dafür auch mit aller Unschuld und Einfalt die dieses glückliche Alter begleitet. Emma die älteste unter ihnen verräth ungemein viel Scharfsinn und Verstand. Ihr trefflicher Lehrer der am hiesigen Gymnasium angestellte Professor Wagner, der allen dreien mit einigen anderen Kindern seiner Freunde Privatstunden in den höheren Wissenschaften giebt, bedauert daß sie kein Knabe ist. Ihr Gedächtnis macht ihm den Unterricht sehr leicht, und ihre Andacht für seinen Unterricht denselben ist vielleicht des wegen so gros, weil sie die gemeinen eiteln Ideen kleiner Erwachsenen (so sollte man die gewöhnlichen Kinder nennen), nicht hat, da ich sie gern |4 von dem häufigen Beisammensein mit mehreren Kindern abhalte. Freilich entwickeln sich da schneller gesellige Talente, aber da besonders der jüngsten, Odilien , diese angeboren sind, so überlasse ich es irgand einer würdig erscheinenden Gelegenheit diese einst weiter auszubilden. – Was mir Freude macht, ist bei ihrem kindischen Sinn, ihre ernste Lebensansicht. Seit langer Zeit ist mein erwählter Lebensgenuß auf Erschaffen und Begründen häuslicher Indüstrie gerichtet. Die Gründe dazu Ihnen zu sagen wäre zu kleinlich für Sie. Allein ich finde darin für mein sonst zu leidenschaftliches Gemüth den besten Ableiter, und bei den Fehlschlagungen mancher Wünsche den einzigen Trost. Ruhe und Freiheit sind die Ideale meines Lebens und das fühlen auch die Kinder – sehnen sich selten nach Vergnügungen, und werden ermattet wenn sie sich öfter wiederholen. (Dies freut mich unendlich und soll ihnen im nächsten Jahrzehend ihres Lebens manchen Kampf erleichtern, und sie edelbestehend erhalten. Viele Verirrungen der Weiber liegen gewis in den falschen Ansichten die ihnen die der Weltverkehr beigebracht hat.) |5 Am Morgen beschäftige ich sie hauptsächlich im Französischen worin sie sich auf alle Weise üben müssen, doch will das Sprechen noch immer nicht von selbst gehen, und es gehört täglich neues Treiben von meiner Seite dazu. Der Vater hält diktatorisch auf eine gewisse Anzahl Vokabeln die sie täglich lernen müßen – was der Emma sehr leicht wird, der Odilie aber große Überwindung kostet. Überhaupt hat sie so viel Ähnliches von Göthe's Ottilie , daß ich behaupte im 18 ten Jahre wird er äußerlich und innerlich sein ihr Urbild in ihr erkennen. Besonders bei der Schilderung ihres langsamen Fortschreitens beim Unterricht zeigt sich's von Neuem – doch zu unserer Odilie Entschuldigung muß ich sagen, das ihr moralisches Alter ungefähr in Allem das eines dreijährigen Kindes ist nicht übertrift – aber eines so liebenswürdigen in dem nun alle Träume, auch meines Mannes, von menschlicher Unschuld und Idealität verwirklicht liegen. – Zürnen Sie nicht der überfließenden Mutter-Offenherzigkeit. – – – –

Vom Knaben sage ich wenig, weil ich von den Mädchen zu viel gesprochen habe. Und überhaupt steht er zu wenig unter meinem Kapitel als das ich ein längeres als bei den Mädchen über ihn machenhalten sollte. Viel glaube |6 ich aber ist in ihm vereinigt, was wenn es zur Reife kommt, einst meines Lebens Stütze und Hoffnung sein kann. Noch siegt die herkulische Kraft seines Körpers über die der Seele in ihm. Wenn der Zeitpunkt seiner moralischen Tag und Nachtgleiche wird gekommen sein, wozu man ihm wohl (er ist 9 Jahr) drei bis vier Flegeljahre Zeit gönnen muß, glaube ich wird er seinen Umgebungen die Freude des Erfreuens an ihm, gebenmachen, das es einem durch seine gegenwärtigen Kraft-Ausbrüche noch zu sehr erschwert macht.

Da es Sie interessieren wird, von dem Neuesten was mein Mann geschrieben hat, zu hören, so will ich Sie auf einen Aufsatz aufmerksam machen der in dem neuesten Cotta'schen Taschenbuche von ihm erscheinen wird;: über den Tod in der Jugendblüthe : Dieser Aufsatz der einen Trost für manche unglükliche Eltern in der jetzigen Catastrophe enthält ist mit einer Begeisterung und mit einer Erhabenheit geschrieben die mich aufs Neue zu tiefer Bewunderung gezwungen hat. Gegenwärtig arbeitet mein Mann an seinem Anti-Titan wie er es nennt, ein Werk von vielem Umfange, wovon er Ihnen schon gesagt haben wird. |7 Ihre Schrift über Lavater hat mein Mann durch Ihren Freund bekommen, er behält es sich vor, Ihnen seinen Dank dafür selbst zu sagen , und grüßt Sie mit ganzer Seele.

Kennen Sie in Mainz die Tochter von Adam Lux Marianne? Sie schrieb vor einiger Zeit an meinen Mann mit so viel Enthousiasmus und Interesse, das sie mich ungemein intereßiert. Es muß überhaupt eine sehr bedeutende Familie sein, auch die Mutter und Schwester. Doch besonders diese Marianne wünschte ich aus Schilderung näher zu kennen. Sie erbot sich als hülfreiches dienendes Wesen in unser Haus zu kommen, daraus schloß ich daß die Familie wohl arm sein möchte. Kennen Sie sie, so bitte ich Sie mir vielleicht durch Eines Ihrer Kinder bald etwas Näheres von ihr zu sagen. Vielleicht könnte ich ihr nützlich sein, und wenn sie geschikt und besonders im Französischen geübt wäre, ihr ein engagement irgendwo verschaffen. Ihr Alter und ihre Gestalt möchte ich ebenfalls kennen, weil es zu ihrer Empfehlung nothwendig wäre sie ganz schildern zu können. Doch bitte ich, sollten Sie mit der Familie in näherer Beziehung stehen – meine Bitte und Frage nicht mitzutheilen |8 so wie ich gewis Ihr freimütiges Urtheil ehren werde als das Urtheil meines geehrtesten Vaters und Freundes. Man kann in diesem Punkt nicht gewissenhaft genug sein, besonders wenn die Person mit Uns selbst in nähere Berührung treten wollte. Allein welch ein Misbrauch des Höchsten wäre es nicht ein gebildetes Wesen zu seinem Dienste zu brauchen, und zu einer Erzieherinstelle bei unseren Kindern, sind wir nicht reich genug. Das wäre doch das Einzige ihrer würdige Geschäft.

Wenn jetzt der Misbrauch Ihrer mir gewährten Erlaubnis Ihnen weitläuftig über das Nächste und Liebste sprechen zu dürfen was ich habe – Sie reut; dann verehrter Mann rechnen Sie es meinem unbedingten Vertrauen zu Ihrer Lieb' und Güte zu. Möchte ich verdienen was ich von Ihnen gewährt erhalte. – Gott segne Sie! Ihren Kindern sagen Sie, daß ich sie im Geiste innig liebe. Möchten auch diese mich ihres Vertrauens werth halten.

Mit wahrer inniger Verehrung

Ihre ergebenste Caroline
Richter geborene Mayer

Wie sehr mein Mann Sie grüßt brauche ich wohl nicht zu sagen.

Zitierhinweis

Von Caroline Richter an Franz Wilhelm Jung. Bayreuth, 17. Juli 1813, Sonnabend. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB0216


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
2 Dbl. 8°, 8 S. Auf S. 1 aoR vfrH: An Jung. Auf S. 3 und 7 Unterstreichungen vfrH.