Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Caroline Richter an Johann Siegfried Wilhelm Mayer. Bayreuth, 11. Mai 1805, Sonnabend

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Baireuth den 11 ten Mai 1805

Mein geliebter Vater,

Ihren lezten Brief , worin Sie mir Fichtes Besuch verkündigen, habe ich absichtlich so lange unbeantwortet gelaßen, bis ich durch sie mehr von Ihnen hörte. Sie waren endlich bei uns , nachdem wir an ihrer Durchreise gezweifelt hatten, und überraschten uns sehr angenehm. Die Frau mußte mir so viel als sie nur vermogte von Ihnen erzählen, worunter mich besonders die Versicherung so glüklich machte, daß Sie in Ihrem Aussehn sich durchaus nicht verändert haben, und trotz dem gehäuften Ungemach, was Sie traf, unerschütterlich gesund waren! Gott erhalte sie noch lange so kräftig!

Zu [...] meinen Träumen gehört jezt vorzüglich die Möglichkeit, daß Sie wann der König Baireuth und Wonsiedel besucht, mit Ihrer Frau ihm nachfolgen könnten. Lachen Sie nicht über meinen Wahn, der noch nicht zu einem Glauben gereift ist, aber ich kann unmöglich unterlaßen mir das recht leicht vorzustellen da, wie ich mir einbilde, sich für Sie – |2 etwa mit Frau von Berg, oder sogar Prinzen George eine Reisegelegenheit dadurch öfnete, die Ihnen das Kostbare einer solchen Reise zum Theil erleichterte. Erwägen Sie es einmal ob es nicht zu machen wäre! Einer Zerstreuung bedürfen Sie ja wohl sehr, und für die Gesundheit Ihrer theuern Frau wäre es gewis zuträglich, die, wie ich durch Fichte hörte, mehr als Sie mir sagten, an Ihrem Übel gelitten hat.

Die Cabinetsordre lege ich heute bei, die ich das vorigemal nur deshalb nicht abschrieb, weil Sie mündlich durch Beyme die resolution schon kannten. Sie sind so thätig für diese Sache, mein guter Vater, und um Ihretwillen wünsche ich, daß sie gelingt . Die Nachrichten der Frau von Kalb nehmen Sie nicht so wichtig. Ein paar hingeworfenen Ideen meines Mannes in einem Briefe an sie "daß er wohl Jacobi nach München nachziehn möchte" "daß eine Stelle dort als Akademiker ihm recht seyn könnte" . müßte diese veranlaßt haben den Wunsch für die Gewisheit zu nehmen, weil sie so viel Phantasie hat, daß leider zu ihrem |3 Schaden im Leben sich Traum und Wirklichkeit zu sehr in ihrem Gemüth vermischen. Doch eben diese kindliche Täuschungsgabe, macht sie auf der andern Seite so ehrwürdig. Auch sie schreibt oft von Ihnen, und liebt besonders Ihre Frau ganz ausgezeichnet. Sie wünscht so sehr, Jakobi , dem mein Mann sie, als seine Freundin empfolen hat, auch bei und mit Ihnen zu sehen, [...] ein Beisammenseyn, zu dem ich allein, meinen Mann nach Berlin wünschte!

Von einem lebaften Streite zwischen meinen Mann und Fichte, werden Sie vielleicht schon durch Frl. Altenstein gehört haben, denn so etwas fält sehr auf, zumal wenn die Zuhörer die Streiter nicht verstehen. Es betraf wieder den clavis und Fichte hat ein wenig Unrecht, indem er troz seiner Schmähungen gegen denselben ihn nicht zu gelesen zu haben, vorgab – was er da mein Mann ihn in die Enge trieb, nach einigen Minuten, zurüknehmen muste weil.

Sonst waren sie sehr gut gegenander. Die Frau sagte mir daß Sie mit ihm recht Freund waren.

|4 Was Sie mir von Minna sagen, finde ich ganz recht. Minna muß nicht in Berlin wohnen auch nicht in Baireuth weil sie hier gar kein interesse des äußeren Lebens finden würde. Ich bin von meinem Wunsch zurükgekommen, weil er blos auf meinen Vortheil berechnet war – ich könte Minna nicht ersezen was sie aufopfern müste. Sie schreibt mir nie etwas von Ihrer Lage, ich weis also auch nicht, in wiefern Sie Ihrer väterlichen Unterstüzung sehr bedürftig ist. Aber ich freue mich unendlich, daß Sie sie ihr geben wollen und denke dabei an die Freude unserer verklärten Göttlichen, die nur im Geben das höchste Glük fand, und die es gewis weis was Sie thun! – auch haben Sie Dank, mein Vater, für die Anwendung des genannten Capitals für Julius, die wir alle einstimmig billigen müßen. Die Grüße von der Tante Merzdorf , der guten Sommer , und Wilhelm (der wie ich daraus sehe) noch bei Ihnen ist, habe ich dankbar angenommen, geben Sie sie ihnen herzlich wieder. ich habe im Calender gefunden, daß sie am ersten Ostertage bei Ihnen waren, es dauern also diese Familienfeste noch fort.

Leben Sie wohl, mein geliebtester Vater, grüßen Sie innigst Ihre verehrte Frau von mir, und meinen Mann der sich Ihnen herzlich empfiehlt. Gott erhalte meinen theuren Vater!

Ihre Caroline.

Zitierhinweis

Von Caroline Richter an Johann Siegfried Wilhelm Mayer. Bayreuth, 11. Mai 1805, Sonnabend In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0219


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Dbl. 8°, 4 S.


Korrespondenz

B: Von Johann Siegfried Wilhelm Mayer an Caroline Richter. Berlin, 14. April 1805, Sonntag