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Baireuth, Freitags d Oct:
22.

Geliebtes süßes Kind!

Wie weit bin ich nun von Dir getrennt mein theures Herz, da ich Dir vor wenigen Tagen noch so nahe war!, nun gehöre ich ganz wieder unserer Heimath an, aus der Du gesetzt wurdest, um in fremdartigen Verhältnissen eine Zeitlang zu leben. Nicht aushalten könnte ich jetzt diesen Gedanken, wenn ich noch einmal so lange von Dir getrennt sein müßte, als jetztbisher. Aber der Gedanke, daß diese 8 Wochen die zwischen uns liegen nach und nach ablaufen werden, macht mir das Unerträgliche, erträglich. Wüßte ich nur was Dein Ohr macht; ob Du armes Wurm nicht eine längere Quaal damit haben wirst, als man denken sollte! Hätte ich doch dies noch abwarten können!! Bist Du denn gleich am Morgen, zu Deinen alten Gefährtinnen gekommen und warst Du nicht mit ihnen heiter und froh? |2 wie sehr wünsche ich das! und Dein Beisammensein mit ihnen hat doch auch seine Freudiges, wenn Du gleich gern bei mir warst.

Der Vater ist sehr gesund. Denke Dir er hatte mich an dem Tage meiner Ankunft geradezu erwartet. Als ich von Allen unbemerkt in seine Stube trat war gerade Emma bei ihm, und sie stritten hin und her, ob ich noch kommen würde, oder nicht. Sie freuten sich sehr. Da ging es nun an ein Erzählen von Dir, und es nahm kein Ende, und der Vater kam immer wieder herüber bis zur Nachtzeit. Wie empfand ich Deine Freude voraus, wenn Du einmal kommen, und unsre Wohnung wiedersehen würdest, und wie dann die häusliche Freiheit und Bequemlichkeit Dich beglücken würde. Schmerzlich, und freudig war mirs das ich jetzt so allein, so ohne Dich die ich so leicht hätte heimführen können, hier |3 sein mußte. Aber Geduld es wird auch kommen und bis dahin, werden süße Vorkehrungen mich beschäftigen und die Zeit verkürzen – und Du wirst freundlich das Beisammensein mit den guten Wesen die Dich umgeben genießen und Du wirst gerndurch die bald erfolgende völlige Trennung von ihnen, die Zeit nicht allzu lang finden.

Schreitet Heine noch immer in der Besorgung unserer Sachen fort? Als ich der guten Welden, von der Du mir den Brief gleich zurückschicken must, mein procédé mit Heine sagte, erwiderte sie "Haben Sie es schon"? Ein Beweis wie unzuverläßig die Versprechungen dieses Mannes sind, also mußt man Du täglich erinnern und treiben, Ob e und fragen. Ich werde aber die Kiste |4 durch den Landkutscher abholen lassen denn denke Dir, daß das kleine Kistchen mit Pflaumen wofür ich dem jungen dessen Geselligkeit ich bewunderte, dort 36 xr bezahlte auch hier, 48, gekostet hat. also 1 fl. 24 xr. das ist doch viel, und ein Beweis daß Herr Wirt wahrscheinlich speditions Geschäfte treibt, wobei er Profit hat. Sage nur gelegentlich zur Auguste die Mutter wollte selbst erst mit dem Landkutscher sprechen. Amöne, die Reizenstein hörten mit schwesterlicher Theilnahme, Deine Grüße und die Nachrichten von Dir an.

Höre liebe Odilie, gehe doch zur Puzmacherin Hofmann in der kleinen Gasse, und kaufe mir 4 Elen von den Blonden zu 1 fl. 15 xr. sie sind 3 Finger breit. Lasse sie gut messen, und schicke sie mir |5 sogleich in einem Briefe, ich es reut mich jetzt sie nicht mitgenommen zu haben, aber es müssen dieselben sein. Sage nur für eine Dame, die eines Abends hinkam. Sie forderten zwar 1 rth. ließen sie aber gleich für 1 guten Gulden. Fordern sie aber mehr, so laß‘ es sein. Dann will ich sie nicht. Nächstens bekommst Du den Sammet . Gestern wurden wir bei Ranzaus gebeten, ich ging aber nicht hin, sondern zur alten Kammerherrin , aber der Vater und Emma. Die Gräfin sagte mir sie würde Dich und mich in Würzburg besucht haben, da sie einen Aufenthalt in Castell gemacht, wenn sie durchgekommen wäre. Bald wollen sie uns besuchen.

Meine Reise war sehr schön, und ich scheue mich nicht Dich, meine süße Seele, mein geliebtes Kind, selber abzuholen. Mit mir fuhr ein Kammerjunker von Planitz aus Dresden und in Bamberg gesellte sich noch der junge Kapp dazu. Ersterer war 1 ½ Jahr auf Reisen in der Schweitz, Frankreich und England gewesen. Letzterer ½ Jahr in Deutschland bis Brüssel. Welche interessante Unterhaltung hatte ich also. Alles glückte. Grüße und danke Falcks, Heine, Auguste, die Mädchen . Nächstens mehr und viel. Heute ist der Vater bei der Rollwenzel. Ich küße Dich tausend tausendmal mein Leben!

Deine Mutter

Zitierhinweis

Von Caroline Richter an Odilie Richter. Bayreuth, 1. November 1822, Freitag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0224


XML/TEI-Dokument

Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Dbl. und 1 Bl. 8°, 5 S. Adresse auf S. 6: An | Fräulein Odilie Richter. | Bei Herrn Heine Würzburg | im Stephanskloster. Stempel: : "Baireuth", Rest unleserlich; VfrH "frei", Siegelreste.


Korrespondenz

Zur Datierung: Da Caroline Richter vermutlich eher der Wochentag als das Datum präsent war, wird der Brief am Freitag, den 1. November 1822 geschrieben worden sein. Der 25. Oktober als Abfassungstag kommt nicht in Frage, an diesem Tag war sie noch in Würzburg, vgl. ihren Brief an Emma Richter von diesem Datum.