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Korrespondenz

Von Caroline Richter an Johann Siegfried Wilhelm Mayer. Meiningen, 23. März 1802, Dienstag

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Meiningen den 23 ten März

Theurer geliebter Vater,

Sie haben nun meinen kleinen Brief , indem ich Ihnen den Empfang der Ihrigen so sehnlich erwarteten meldete, dafür ist ein Theil Ihres vor einigen Tagen an mich Geschriebenen, schon beantwortet. Innig danke ich Ihnen für Ihr kleines Blätchen , aber ich kann es ist mir, als waren Sie da Sie es schrieben, in einer gleichgültigen Stimmung gegen mich, und das schmerzt mich unendlich. Tinchens Nachläßigkeit die ich nicht begreife kann doch unmöglich ein Mistrauen gegen uns alle erregen, und ich die ich mit der höchsten Unruhe und Sehnsucht bei Ihnen zu seyn, mein bester Vater, immer fort an Sie denke – ich kan den Gedanken Ihrer Kälte nicht ertragen.

Die Beilage Ihres an uns alle gerichteten Briefes habe ich noch nicht abgeschrieben, weil ich noch nicht den Muth hatte sie mehreremale zu lesen – erlauben Sie daß ich sie noch einige Tage behalte, weil ich heut nicht im Stande bin mir dieses Blatt der Erinnerung zu bewahren, |2 denn je heiliger und süßer sie auf der einen Seite ist, je tiefer ergreift mich der Schmerz. Ihre. Ihre Güte Liebe und Sorge das einzige innige Verhältnis der lezten Zeit, muß Ihnen jezt und für die Zukunft wie ein verklärtes idealisches Daseyn erscheinen, und Ihremn Kummer desbesänftigen, denn Sie waren es ja die dem geliebten Wesen hier schon eine himmlische Seeligkeit gaben – ach wenn ich mir es lebhaft denke, so rührt es mich zu sehr, und es ist meine Pflicht Sie nicht daran zu erinnern.

Nur noch so viel, daß ich gierig auf das Bild, das Sie mir geben wollen warte – o ich danke Ihnen sehr, daß Sie so liebend an uns alle gedacht haben!

Wenn Sie doch in Ihrer neuen häuslichen Einrichtung die Ruhe und Bequemlichkeit fänden, die Sie erwarten, und die Ihnen so nothwendig ist. Werden Sie Ihre Wohnung behalten, oder, sich ein |3 Ihrem Wunsch nach einer Art ländlicher Besitzung Genüge leisten? Ach, wenn Ihnen der Himmel eine Gefährtin zuführte, wie wollte ich sie segnen und lieben, wenn Sie die lezten Jahre Ihres Lebens erheiterte, wenn sie fähig wäre über alle Ihre schmerzhaften Erinnerungen einen undurchdringlichen Schleier zu werfen! – –

Es ist mir als wäre die Tante Merzdorf entfernter als je von Ihnen gegangen, wie könnte sie sonst gerade jezt ihren Bruder verlaßen; oder war ihr Aufenthalt in Sanne nothwendig?

Ernestine hat mir küzlich einen Brief der ältesten Stubenrauch mitgetheilt, der mich von neuem mit Bewunderung und Liebe für sie erfült hat. Auch sie erzählt darin das Schiksal der armen Dörfer , das ich nach der genauen Bekantschaft mit ihrem Verhältnis sehr beklagenswerth finde. Doch liegt gewis ein großer Theil der Schuld in ihrem Character, der sehr zu Argwohn Mistrauen und Eifersucht hinneigt. Das sag' ich nur Ihnen.

|4 Heute erwarten wir den Emanuel der einige Tage in Meiningen zubringen will. Diese Erscheinungen von Freunden an einen so öden Ort wie M . in vieler Rüksicht ist, hat etwas ganz eigen beglükendes. Wir werden zwar nicht die Freude haben, ihn in unserem Hause zu logiren, weil es so eng ist, aber der Präsident Heim hat uns ein Zimmer in dem seinigen, das uns gegenüberliegt, eingeräumt, und alle Sorgen für seine Bewirthung nehm' ich auf mich. Es ist also fast ganz, als wohnte er bei uns. Er will die Nachfeier von meines Mannes Geburtstag hier halten der am 21ten war. Wir brachten ihn still heilig in unserm Hause zu.

Hören Sie nichts von Ahlefeld liebster Vater? Mein Mann wünschte seine jezige Lage zu kennen, kömmt er nicht zu Ihnen, und hören Sie nichts von ihm? Mein Mann hat noch immer eine Liebe wie für einen Bruder zu ihm, deßen Fehler man einsieht, aber dem man sein Herz nicht entziehen kann.

Der armen Tante Siegfried werde ich nächstens schreiben, wenn ich Ihnen die gefoderten Blätter schike. Grüßen Sie sie innigst von mir und versichern Sie sie meiner ewigen Liebe.

Leben Sie wohl ewig geliebter Vater, bald schreib ich Ihnen wieder, aber sagen Sie mir auch bald einige Worte, damit ich auf Ihre unwandelbare Liebe gestärkt hinaufsehen kann.

Ihre
treuste Caroline

Zitierhinweis

Von Caroline Richter an Johann Siegfried Wilhelm Mayer. Meiningen, 23. März 1802, Dienstag. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB0264


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Dbl. 8°, 4 S. Auf S. 1 Datum vfrH: 1802.