Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Ernst Förster an Emma Richter. München, 21. Januar 1826, Sonnabend (erster Brief)

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Wenn ich mir nun die Freiheit nehme, mein geehrtes Fräulein Emma! auch an Sie ein Paar Zeilen beizulegen , so ist es allerdings eine Folge meiner grenzenlosen Vermessenheit, allein auch zugleich Folge der Milde und Freundlichkeit, die ich an Ihnen kennen gelernt, und so darf ich wohl auf Vergebung hoffen, da ich ja außerdem das durch die Hast meiner Abreise unterbrochene Gespräch über meteorologische Erscheinungen und literarische Schöpfungen zum Vorwand nehmen könnte, wie z. B. Jacobis Briefwechsel, in welchem Sie so gut zu Hause sind, oder Tiecks Dichterleben , bei dem wir im Ungewissen geblieben sind, ob ihm mehr Leben oder mehr Dichtung fehle; aber auch ohne Vorwand kann und muß von etwas die Rede sein, denn ich habe einmal angefangen. Und so will ich denn vom Nächsten, wenn auch nicht Besten sprechen: von mir selber. Wenn ich an Menschen denke, oder sonst an etwas, so steht wunderlicher Weise stets etwas Anderes daneben. Wenn ich z. B. an Karl den Großen denke, so seh’ ich zugleich, wie er tausend Sachsen taufen und dann tödten läßt, um ihnen die Seligkeit zu sichern; denk’ ich an Deutschland und seine Geschichte, so steht das Heidelberger Schloß blutroth vor meiner Seele; über Dresden wölbt sich stets ein Regenbogen; bei Dorothea Tieck fliegt stets eine Schwalbe voraus; Ihre Schwester Ottilie erscheint mir unwandelbar in einer dichtbelaubten Buchenlandschaft, mit einem klaren, aber grünumrankten Quell im Vorgrund mit beschränkter Aussicht in eine sonnige Ferne; denke ich an Sie, so glänzt eine Perle vor meinen Augen. Sehen Sie ja nicht in meinem ohnehin sehr breit und ungeschickt erklärten, im Wanderschritt und –Takt auf der Landstraße fabrizierten Bilde eine Schmeichelei, die ja sehr plump sich ausnehmen müßte in diesem Spiel der Phantasie, das sich mit Schwalbe und Regenbogen und so vielem von Himmel und Erde in meine Gedanken drängt.

Nun leben Sie recht wohl! und haben Sie dabei Zeit und Lust übrig zu einem guten Werk für mich, so erinnern Sie sich jezuweilen meiner! Es liegt des Himmels Segen darin, wenn gute Menschen uns in ihr Gebet einschließen, oder – was ebensoviel ist – freundlich unser gedenken. Grüßen Sie Ihre liebe Frl. Schwester und die Guten, die im Kreise Ihrer Familie mich durch Gesang erquickt haben . Hier bin ich sehr einsam, aber frohen muthes und ziehe in der Dämmerstunde die Bilder vergangener Tage heran.

Ihr ganz ergebener E. F.

Zitierhinweis

Von Ernst Förster an Emma Richter. München, 21. Januar 1826, Sonnabend (erster Brief) In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0275


XML/TEI-Dokument

Textgrundlage

D: Ernst Förster, Aus der Jugendzeit, Berlin und Stuttgart 1887, S. 345-346.


Korrespondenz

A: Von Emma Richter an Ernst Förster. Bayreuth, 27. Januar 1826

Einem nicht erhaltenen Brief an Caroline Richter beigelegt. Datierung nach dem Druck. Erster überlieferter Brief Ernst Försters an Emma Richter nach ihrem Kennenlernen in Bayreuth.