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Korrespondenz

Von Luise Henckel von Donnersmarck an Caroline Richter. Neisse (?), 24. Januar 1824, Sonnabend

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Neisse den 24ten Jan 1824

Meine theure innig geliebte Freundin!

daß erst heute nach Wochen u Monden sich mein Denken an Sie in Zeichen gestaldet – bedarf ich bei Ihnen nicht zu entschuldigen daß ich Sie kennen lernte ist ein Glück daß ich dem Himmel danke, aber nun ist auch Ihr Bild zu innig mit meinem ganzen Weßen verwoben um daß je, Raum oder Zeit es da verwischen könnte; denn ein so liebes Eigenthum das hält das Herz fest so lange es schlägt. Durch Tante haben Sie gewiß erfahren wie es mir ergangen – wie wenig Momente der Muße mir bis jezt zu Theil wurden – denn schwehr war mein Anfang – doch gerade Ihnen wollte ich nicht klagen u stöhnen da ich weiß mit welch innigem Mitgefühl Sie fremde Schmerzen theilen – |2 Nun sind die Stürme vorüber, die Mühen der Einrichtung überwunden und alles in einem schönen friedlichen Geleise und ich danke der Vorsehung daß wenn sie eine Prüfung senden wollte, diese mich unmittelbar betraf; denn eigner Körperschmerz ist doch das Unglück was sich am leichtesten trägt – jezt ist die Maschine wieder brauchbar geworden, weit schneller als ich glaubte, auch meine Kinderchen scheinen mit dem Clima versöhnt, u toben nach alter Art um mich herum. Henkel zufrieden über dies Alles – beweißt mir, daß er sich glücklich fühlt indem er glücklich macht – und meine innere Häuslichkeit ist daher wirklich ein Bild stillen heitern Friedens: wem dies ward, der soll nach nichts mehr verlangen – das sage ich mir immer – wenn ich nach Außen überall mich abgestoßen fühle; denn die Geselligkeit auf Essen und Besten gegründet ist auf diesen Pfeilern natürlich ein materielles |3 steifes Gebäude, viel trägt dazu bei – die wenigen gebildeten Frauen sind immer kränklich u unsichtbar, die Männer größtentheils roh, und die Masse der Frauen haben doch wohl etwas zu viel Wurzel oder Adams Erde erhalten und so ein rein verkochtes u verwaschenes Leben – kann doch nicht einzig unsre Bestimmung sein – wenn es nur allein die GeistesBlüthen tödete ließ ich es mir noch gefallen – aber auch das Gemüthliche geth nach u nach unter, u es wird so ein Leben ohne alles Ideal

Doch die Zeit ist vorüber wo ich mit Ihnen ein trauliches Stündchen verplaudern konnte und Ihre geprüfteren Ansichten mich bereicherten. Ich muß deswegen Raums eines Briefs gedenken unda ich Ihnen doch gern noch ein Wörtchen über Ihre freundlichen Zeilen u den Überbringer sagen mögte. Die erste Hälfte dieses Monats brachte eine Familie von Hastver bei uns zu, die in der Nähe auf dem Lande wohnen u alte Freunde meines Mannes sind |4 an einem dieser Tage wird mir ein H. Pohl gemeldet, der von Bayreuth, von Ihnen kommt. Ich stürzte in der Freude meines Herzens so ungestüm selbst zur Thür hinaus, daß ich gewiß den armen bangen Mann der sich auf einen förmlichern Empfang in Bereitschaft gesezt, ganz decent anoncirte – ich suchte zwar hernach durch die möglichste Freundlichkeit ihn behaglicher zu machen es wolte mir aber nicht ganz gelingen Er blieb ziemlich lang, und das Kindliche in seiner Physiognomie und die hohe Liebe zu Ihrem Mann der ich so von ganzer Seele beistimme – erfreuten mich an ihm nur finde ich ein junger Mensch muß mit recht viel Bescheidenheit, doch den eignen Werth fühlen den gewiß das ernste Streben und mühsame Erlangen nüzlicher Kenntniße verleiht und sich durch ein paar fremde Gesichter u eine besser möblirte Stube nicht so imponieren lassen, ich finde das nur natürlich wenn man einem Menschen gegenübertritt dessen hoher überlegner Werth uns doppelt das Gefühl des eignen Unvermögens auftringt. Was Ihren Plan für Herrmann betrifft, so haben Sie Dank daß Sie auch hier seiner dachten. – Aber Henkels Ansicht ist ihn bald aus dem Hause zu entfernen – da er keinen Bruder hat um mit ihm den Unterricht zu theilen und er daher Einseitigkeit befürchtet. Ich muß wohl aufhören so schwehr es mir auch wird. Doch Ihrem H. Gemahl ja die herzlichsten Grüße – und den lieben Kindern einen Kuß Emma auf die Stirn wenn sie sich hübsch auf die Loken geordnet nicht un[...] hinter die Ohren verbannt

Und Ihnen geliebte Freundin des Himmels schönsten Seegen den so ganz Ihr edles Herz verdient u die Versicherung daß mit gleicher Liebe Ihnen ergeben bleibt Ihre Luise HenkelvD

Zitierhinweis

Von Luise Henckel von Donnersmarck an Caroline Richter. Neisse (?), 24. Januar 1824, Sonnabend. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB0276


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Dbl. 8°, 4 S.