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Baireuth den 10 Dec. 1809

Mein geliebter Vater!

So eben erhalte ich Ihren Brief vom 2t en Dec. und weil mein Stillschweigen auf den Ihrigen vom 2 ten Nov. Sie befremdet und beunruhigt so eile ich Ihnen zu antworten. Bedenken Sie liebster Vater daß der Ihrige acht Tage unterwegs blieb ich ihn erst am 9 oder 10 ten Nov. empfing, so habe ich anstatt 2 Monat, wie Sie in ihrem Briefe sagen nur einen hingehen laßen ohne Ihnen zu schreibenantworten. Aber auch das haben Sie ein Recht lange genug zu finden – doch gibt es oft Störungen die man in der Entfernung nicht ahnen kann, – – die erste bei mir war eine Krankheit meines jüngsten Kindes die obgleich selbstan sich nicht gefährlich doch wegen der in dieser Gegend so sehr herrschenden gefährlichen Krankheiten wie Scharlach – Nervenfieber – gerade in dieser Epoche mir große Unruhe machte. Sie ist indeßen hergestellt aber eine unaufhörliche Wachsamkeit für Tag und Nacht – nicht zu vernachläßigende Umschläge auf eine Drüsenverhärtung am Gesicht – raubten |2 mir alle Zeit, und selbst die Fähigkeit ihr rastloses Fortschreiten wahrzunehmen. Als dis vorüber war hatte ich selbst eine leichte Anwandlung von Halskrankheit die aber bald glüklich geheilt wurde. Jetzt war so viel Zeit verstrichen daß ich endlich meinem Brief an Sie dieder kleinen Arbeit hinzu beilegen wollte die ich für Sie verfertigen will, und ich dachte mir daß ein Unterschied von acht Tagen wohl nichts ausmachte indeßen der leiseste Zweifel in Ihrem Herzen an meinem, als wenn alles das was außer mir lag wohl allein in mir liegen könnte vernichtet diese Berechnungen und ich mag keine Minute zögern Ihnen zu Ssagen, Sie zu beschwören, daß Sie nie, nie auch wenn der Schein gegen mich wäre an meiner treuen unveränderlichen Liebe zweifeln möchten, die ich mit tiefer Kraft fürs Leben und für die Ewigkeit zu meinem einzigen geliebtesten Vater fühle. Wie wäre es denn möglich! – – –

Die Zusicherung in Ihrem ersten Briefe, daß Sie nicht unwillig über den so geradezu auf Sie ausgestellten Wechsel geworden waren, war mir sehr beruhigend Noch muß ich bemerken daß mein Mann an meiner unverständigen |3 Äußerung hierüber keinen Theil hat, daß er gar nicht einmal wußte was ich hierüber an Sie schrieb, und mit mir zürnte als er aus Ihrem Briefe ersah was ich Ihnen darüber geschrieben hatte. Ich danke Ihnen für Ihre Güte, und erkenne täglich mehr daß die väterliche – die elterliche, die reinste stärkste Liebe auf Erden ist.

In der Angelegenheit mit der Witwenkaße sind Sie meine Autorität – handeln Sie darin ganz nach Ihrem Gutdünken. O. Ansichten über die Verhältniße der pr. Finanzen sind vielleicht zu schwarz, ob er gleich einen sehr scharfen Geschäftsblick hat.

Was Sie mir von Fr. v. Altenstein sagten war mir lieb obgleich sie mich indirekte nur sehr wenig kennt. Im Ganzen aber rechne ich, und darf auf die allgemeine Achtung rechnen die man mir vorzugsweise einräumt – aber nur der Adelsgeist strebt der rein menschlichen Anerkennung des Guten hier zu sehr entgegen, als das man das öffentlich bekennen möchte was man im Innern anerkennen muß, und ich gestehe daß ich mich der Ansprüche darauf darauf nicht erwehren kann wenn ich wie nicht zu vermeiden (da die Gebildeteren Frauen hier doch nur die Vornehmen sind) |4 entweder nur solche oder keine Verbindungen habe. Aber nur bei wenigen Einzelnen fand ich die Bereitwilligkeit durch die Gleichheit der äußerlichen Erziehung die Ungleichheit der Verhältnisse für ausgelöscht anzusehen. Sollte es angehen so laßen sie doch einmal die Jungfer der Fr. v Altenstein zu Sich kommen, diese war mein erstes Mädchen als ich noch in Meiningen wohnte – in Coburg, und dann auch eine Zeitlang in Baireuth wo sie hernach den Dienst bei Altensteins fand, Sie ist kein gemeines Geschöpf sie kann Ihnen viel Näheres von meinem Leben von den Kindern u s.w sagen.

Daß der gute Hauptmann v Altenstein Sie kennt freut mich sehr. Wir hatten ihn auch recht lieb als er hier war. Ich halte ihn für einen der besten Menschen. Grüßen Sie ihn doch recht herzlich von uns beiden, und sagen Sie ihm er solle uns einmal schreiben wie es ihm, seiner sehr liebenswürdigen Frau , und seiner Schwägerin der Fr v Kehler ginge. Diese sollten Sie kennen liebster Vater. Ein hinreißendes Wesen das aber seit einigen Jahren an Geist und Körper leidet. Es freut mich daß Herr v Altenstein Ihnen Gutes von unsern Kindern gesagt, denn das Lob eines Dritten ist unparteiisch – Eltern möchten es wohl seyn, glauben es zu sein, aber man |5 glaubt ihnen nicht. Könnte ich sie Ihnen einmal zuführen, welch Entzücken wäre das für mein Herz, besonders unsere jüngste Ottilie die das seltene Glück hat, g durch ihre Bildung ganz das Engelsgemüth auszusprechen das in ihr wohnt. Mein Mann und ich wir sind beide in sie verliebt – und ich möchte sogern einen Beobachter aus meiner Familie haben der mir sagt wohin sie gleicht – ich denke immer sie hat viel Mayerisches in den Zügen – Minna's Augen aber verklärter und sanfter, sie ist ein lieblich bezauberndes Geschöpf – und ihre Seele! Wenn das Kind so gros wächst, wenn es möglich ist, daß sie unangesteckt von kleinlichen Eindrücken ausgebildet werden kann, so ist sie heilig und groß. In allem unterscheidet sie sich von anderen Kindern – Aber Sie müsten sie selbst beobachten erzählen läßt sich so etwas nicht, ohne daß der Erzähler ein Schwärmer zu sein scheint.

Haben sie Dank geliebtester Vater, daß Sie in Ihrem letzten Briefe mir so Manches von Ihrer Art zu leben erzählen Alles ist mir wichtig was Sie mir von Sich und Ihren Verhältnissen sagen. Wie weh thut es aber der liebenden Tochter von den Versagungen |6 zu hören die ein so guter Vater Sich auflegen muste. Mögen Sie zehnfachen Ersatz für diese Jahre der Entbehrung bekommen!

Wissen Sie, daß der Ihnen bekannte Medizinal Rath Langermann einen Ruf als Staatsrath nach Berlin bekommen hat? Indeß nimmt er ihn wahrscheinlich nicht an – obgleich fürs Allgemeine zu wünschen wäre, daß dieser einsichtsvolle höchst bedeutende Mann von einer seltenen Energie des Charakters in einen größeren Wirkungskreis träte, und seine hier so glückliche freie bequeme Lage dem Ganzen opferte. Man Er ist ein vertrauter Freund des Minister Altensteins. Sind Sie gut mit diesen neuen Führern des Staats?

Man sagt sich hier der Geheimrath v Altenstein würde sich von seiner Frau scheiden laßen, ist es wahr, und welches sind wohl die Ursachen – eine Freundin der Familie hier, hat mich gebeten Sie deshalb zu fragen.

Nun muß ich schließen. Der geliebten Mutter schreibe ich bald. Mein Mann grüßt Sie Beide mit tiefer Achtung. Was macht Julius ? An Tante Merzdorf sagen Sie viel Herzliches von mir. Ach wenn ich Sie so Alle selbst sehen könnte! Ich lebe jetzt mehr als je in den Erinnerungen meines vergangenen Lebens. Leben Sie wohl –

EwigIhre treuste Tochter
Caroline.

Zitierhinweis

Von Caroline Richter an Johann Siegfried Wilhelm Mayer. Bayreuth, 10. Dezember 1809, Sonntag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0277


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