Edition Umfeldbriefe

Von Emma Richter an Auguste Richter. Bayreuth, 30. Mai 1816, Donnerstag

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Bayreuth, 30. Mai 1816.

Heute muß ich mich doch endlich einmal als Sieben- oder vielmehr Zwölf-Schläferin aufrichten und fragen, wo Du lebst? ob wie ich, als eine vermauerte Kröte, die nicht herauskann, oder als fliegender Schmetterling, der auf jeder Blume sich niederläßt und ihre Schönheit bewundert. Ich meinestheils bewundere nur die Schönheit der Zeichnung meines Marmorgesteins, und bin damit zufrieden, vielleicht bohre ich mir aber ein Löchelchen und blinzle hindurch. Ich wollte Du machtest auch einmal einige Sprünge wieder hierher und sähest den glatten Marmor an: bei einem Wäldchen erblicktest Du dann den Maiernberg, weiter unten die Stadt, in derselben die Friedrichstraße, wo Marie und ich zum Fenster heraussehen, "Willkommen" sagend. Zwei kleine Vögel (Luise und Odilie) wären schon lange vorher heruntergeflattert, ehe die Alten nachgehumpelt kämen, nemlich Marie und eine gewisse Emma, welche sich unter dem Schreiben in einen Papagei verwandelt hat, da dieser immer dummes Zeug spricht, ich aber schreibe.

Ich küsse Dich herzlich und denke mich mit Dir und Marie in ein Nachtigallenwäldchen, und wir erzählen uns selber ausgesonnene Geschichtchen und können unser Danaidenfaß der Freundschaft auch mit dem besten Heber nicht ausschöpfen und damit Punktum!

Zitierhinweis

Von Emma Richter an Auguste Richter. Bayreuth, 30. Mai 1816, Donnerstag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0285


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Textgrundlage

D: Das Leben Emma Förster's der Tochter Jean Pauls in ihren Briefen. Hrsg. von Brix Förster. Berlin Hertz 1889, S. 2