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Korrespondenz

Von Emanuel an Caroline Goldschmidt. Bayreuth, 29. Februar bis 6. März 1804, Mittwoch bis Dienstag

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B. 29ter Febr. 4.

Caroline! In Acht Jahren hatten wir keinen 29ten Febr.; unter Vier Jahren bekommen wir wieder keinen, ich will uns diesen heutigen also mit einigen Zeilen aufbewahren.

Die Meinigen (d. h. die Meinigen der Meinigen, denn alle Menschen sind mein) sind wieder gesund , auch der ihrige ist es wieder u eben dadurch auch wohl.

1ter März

Sollten Sie meine neue Wohnung – die ich wahrscheinlich beziehen werde – sehen : so würden S. gewiß anderer Meinung üb. die Ursache des Wechselns werden. Ich bekomme kein kleines Logis, ich denke S. selbst, als eine Berlinerin, werden 5 heitzbare Zimmer genug für einen Hagestolz finden.

Übrigens ist die Lage des künftigen Logis heiterer u viel schöner, als die meines jetzigen.

Daß ich mir in meiner neuen Wohnung wieder ein braunes Zimmer schaffe u f. meine Niobe einen guten Platz, das brauch' ich Ihnen wohl nicht zu sagen.

Alles was S. mir üb. Juden u Christen u üb Grat. Schriften schreiben gefällt mir so wohl, daß ich wünschte S. erlaubten sich selbst, was S. mir nicht erlaubet haben . Beinahe bekäm' ich Lust einen Auszug aus Ihrem letzten Brief, an Spazier, f. seine Zeitung |2 als eine Antw, auf einen Aufsatz in derselben zu schicken. Es ist mein Ernst Car.!, aber ich unterlaß' es doch.

Vor Allem muß ich Ihnen erzählen, daß eine Ungenante meinen Namen zu einer Unwahrheit gebraucht u unter diesem, der Caroline Richter eine Wochenhaube geschickt hat.

Dazu schickte diese Ungenannte folgende Zeilen: "Der H. Em. aus Bayr. hat mir den Auftrag gegeben der Fr. L.räthin eine Wochenhaube zu besorgen; die ich mit dem Wunsche, daß sie gefallen möge, die Ehre habe zu überschicken."

Daß es eine Ungenannte ist, das sah ich aus diesen Zeilen , die ich gesehen; aber die gute Hand, die diese Hand – die ich kenne – geschrieben möcht' ich küssen, so wie ich diese Zeile geküßt habe.

Sie soll – bald hätt' ich sollen geschrieben – mir es gewiß nicht ohne Belohnung gethan haben; ich werde mich zu rächen wissen.

Der guten Richter war so gar die Haube beinahe lieber, als zwei Tischlein, ich ich ihr machen u schicken ließ: das ist zu arg!

Dieses Mal will ich mirs gefallen lassen u – immer. Es hat mir dieser prächtige |3 Gebrauch meines Namens viel, sehr viel Freude gemacht u es freut mich, daß mein Herz diese Freude fühlt u mit reinem Dank erkennet.

Wenn ein Mensch keine Eltern dadurch beleidiget; wenn er schon gar in Nichts mehr Jude ist; so halt' ich es für einen Beweis v. Kraft, v. Ehrlichkt, wen er dieses öffentlich, durch die angenommene Zeremonie erklärt.

Wie viele Christen versprechen für ihre KinderTäuflinge u halten es für sich nicht?

Viele Kränkungen, viele Ansprüche endigen sich durch diese Zeremonie, die, wenn auch nicht f. den Täufling, doch f. seine Nachkommen den erwünschten Erfolg haben kann.

Ich habe nicht zu fürchten, daß S. mich nicht recht verstünden; ab. ich wiederhol' es doch noch ein mal: wer schon in Nichts mehr Jude ist, der muß sich auch taufen lassen.

Doch giebt es Ausnahmen, u ich möchte lieber mit Ihnen üb. diesen Gegenstand sprechen, als schreiben.

Im nächsten Monat will ein sehr braver, armer Jüngling aus unsrer Nazion nach Berlin gehen, um dort Architektur pp zu studiren So eben kommt er u stört mich wieder.

2ter

Der gute, gewiß gute Jüngling, den ich recht achte, giebt mir oft langweilige Stunden. Da ich mich v. seiner Kunst – wovon er viell. weniger versteht als er glaubt – nicht mit ihm unterhalten kann: so unterhält er mich immer u ewig von Juden u Politik.

Er ist eigentlich ein kayserlicher Unterthan; als er vor 6 - 7 Jahr Soldat werden sollte – er hat in Prag studirt u "wohl gelernt" – lief er davon u hier her.

Hier lief er auch dem Juden troken dav. u wär' er gebildet genug: so wär' er eine lebendige Erklärung meiner Antw. üb. die Taufe.

|4 Erst gestern erzählt' er mir, wie reich er von hier weggehen würde "mit wenigstens 50 Rth" u wie arm er hier ankam, da er oft "keinen Groschen" zu Brod gehabt hätte.

am 5ten

Bald wird mein Brief das Ansehen eines Tagebuchs haben.

Auf jeden Fall will ich den ehrlichen Jüngling Ihnen empfohlen haben u er wird Ihnen meinen Namen bringen.

Alles ist vor ihm sicher, nur Ihre Zeit nicht, die meinige konnt' ich bisweilen nur mit der Stubenthüre vor ihm bewahren.

Obgleich er sich seit einiger Zeit sehr viel geändert d. h. gebessert hat, soll Ihnen doch dies nicht umsonst gesagt sein.

Sollt' er Noth bekommen, das er nicht glaubt u sich doch darauf vorbereitet u S. um 1, 2 u 3 Frd'or bitten, das er gewiß nur in der höchsten u größten thun würde – so bitt' ich Sie, ihm seine Bitte zu gewähren.

So bald S. mir dieses angezeigt haben werden, so werd' ich Alles sogleich mit Dank wieder ersetzen.

Mehr will ich Ihnen v. dem Jüngling nicht |5 sagen, da ihn Ihre Menschenkenntniß in der ersten Stunde ganz übersehen kann u wird.

Noch ein mal sag' ich s deutlicher: diese meine Empfehlung soll dem Jüngling nützen; aber Ihnen durchaus nicht u nichts schaden.

Es ist mir recht lieb, daß S. Ihre Briefe abschreiben u daß S's selbst einsehen, daß S. zu unleserlich schreiben : so bald man seine Fehler einmal einsieht, dann hat man sie bald nicht mehr.

Meine Brüder lassen Ihnen recht viel Gutes sagen u auch mein guter Uhlfelder.

Grüssen S. mir Euchel u danken S. ihm f. die Liebe, die er f. mich hat.

Vergessen S. nicht, mir das No Ihres Hauses anzugeben.

Am 6ten kann ich erst schließen u will ich Ihnen f. das Andenken an meine gute Mutter kindlich danken.

Der liebe Gott erhalte S. glücklich für all die, die Sie kennen, Car.!

E.

Zitierhinweis

Von Emanuel an Caroline Goldschmidt. Bayreuth, 29. Februar bis 6. März 1804, Mittwoch bis Dienstag. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB0300


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Textgrundlage

Hk: Slg. Apelt
3 Bl. 8°, 5 S. Auf S. 1 oben eine Bemerkung von Caroline Goldschmidts Hand, auf der Rückseite von S. 3 der Brief vom 13. Januar 1804 von Caroline Goldschmidts Hand. Auf S. 2 unten und S. 3 oben, sowie auf S. 3 unten und S. 4 oben jeweils ein Segno (# bzw. ##) zur Ordnung der Seiten von Emanuels Hand.


Korrespondenz

B: Von Caroline Goldschmidt an Emanuel. Berlin, 13. Januar 1804, Freitag

Auf der Rückseite von S. 3 B, auf S. 1 oben ein zu B gehöriges Postskriptum