Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Ernestine Voß an Caroline Richter. Heidelberg, 16. August 1818, Sonntag

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Heidelberg den 16 August. 1818.

Von Ihnen war es gar zu freundlich meine Liebe, daß Sie mir so ein herzliches Briefchen sandten, und mir dadurch Muth machten mich einmahl zu Ihnen zu setzen, als wäre es in meinen Gartenstübchen, bis der liebe Gott uns einmal zusammen führt, sei es hier oder in Baireuth! er wird schon wissen welches daß vernünftigste von beyden ist. Ihr lieber theurer Mann sagte mir beym Abschied, wir beyde würden einander viel sein können, und ich habe gar festen Glauben an alles was mit solcher Herzlichkeit gesagt wird. Auch habe ich in manchen Dingen viel Zutrauen zu mir selbst. Gewiß ist es so, denn wir haben ja beyde unsre Männer herzlich lieb, und sind beyde stolz auf unsre Männer, und leben beyde in nichts lebendiger als in ihren Kreisen, und streben beyde ihnen das Leben angenehm zu machen, sind ja auch beyde so glücklich von unsern Männern herzlich geliebt zu werden. Wenn daß nicht ein Band heißen darf, so kenne ich keins! Sie solten nur eimahl hören und sehen wie sich sein Gesicht verklärt wenn er von Weib und Kindern redet! Dermeine hat selten Gelegenheit von mir zu reden, weil ich immer um ihn bin, sonst weiß ich wohl er würde in [...] einen solchen Gespräch auch recht heiter Aussehen. Den Sohn werden Sie aber gewiß früher sehn als die Eltern, denn gewiß im nächsten Frühling zieht ihn sein Herz zu seinen Freund, an den er mit bräutlicher Zärtlichkeit hängt. Gewiß wird Ihnen auch wohl in seiner Nähe werden, denn er ist ein so Lieber treuer Sohn, wie er ein herzlicher Freund ist. Wir sind nicht so gar beweglich mehr zum Reisen, |2 waren es wohl eigentlich nie, weil uns stets unsre Umgebung fest hielt. Doch dabey bleibt es bestimt, wenn wir den Sohn in Rudolstadt, der auch sehr braf ist besuchen; so geht es über Baireuth, und dahin ziehn uns nicht bloß die Kinder, sondern auch die Enkelchen , [...] darunter ist ein gar holdes Mägdlein, welches uns der liebe Gott nie beschert hat. Bis wir uns sehn lebte ich gar zu gerne mit Ihnen in Häuslicher Berührung. Für die Feder der Männer sind solche Mittheilungen nicht, ob gleich ihre Herzen sie nicht verachten, kein Mann kann freudiger nach einen Brief greifen als der meine, es sey einer der abgehen soll, oder der ankömmet, aber keine Hand kann auch schwerer daran gehn einen zu schreiben. Nun habe ich allerdings die gröste Achtung für die Zeit der Männer, und würde es nie zugeben wenn der Ihrige seine Zeit hergäbe mir einen zu senden, aber was sie so im häuslichen Treiben, davon möchte ich gar zu gerne gemühtlich unterrichtet sein, weil ich denn einen großen Lebens Genuß mehr hätte, und mein Leben genieße ich gern. So geben Sie mir denn einmahl ein anschauliches Bild von Ihren Leben. Im Gespräch geben die Männer ein solches anschauliches Bild nicht, sonst hätte ich wohl versucht es heraus zu holen. Unsre beyden Männer hatten so viel zu reden, und so warm zu reden, daß ich nur zu horchen hatte, und mich wohl hütete mit meinen Fragen dazwischen zu fahren. Wissen möchte ich nun gerne wie Sie so ganz an gewöhnlichen Tagen unter sich leben, damit meine Gedanken nicht |3 mehr so in der irre herumflattern wenn sie bey Ihnen sind, und daß sind sie recht oft. In der Studierstube weiß ich ziemlich bescheid, auch weiß ich daß der Mann oft im freyen arbeitet. Das weiß ich aber nicht, ob er mit Ihnen in einen Stock wohnt, ob Ihr Zimmer den seinen nahe ist, ob er gern während er arbeitet mit Ihnen über daß was entstanden, und entstehen soll redet, ob er es gern still um sich hat, oder Geräusch leiden kann? Ob sie zusammen frühstüken? Wann sie zu Mittag Essen? Ob sie viel bey Tische schwatzen? Ich denke mir die Mutter meistens mit den Töchtern zusammen, auch wohl in der Küche. Auch meine ich Sie müsten die Blumen lieb haben weil daß mein Steken Pferd ist. Jezt habe ich manche Klage über meine Männer zu führen, weil beyde so im Scheksspear vertieft sind, daß sie immer müssen erinert werden wenn Mittags was schönes auf meinen Blumen Tisch blüht, denn wir Essen jezt im Blumenstübchen, daß große Wohnzimmer bleibt eine zeitlang Staatsstube (welches sonst eigentlich gegen die Haus Regel ist) den Voß hat mir eine neue sehr freundliche Tapete spendirt, weil ich so artig gewesen bin, jezt viel gesünder zu sein, als ich im Herbst von der Reise zurück kam. Nun bitte ich Sie auch Ihren lieben Mann einen herzlichen Dank für seinen Siebenkäs zu bringen, den ich mit Herzens Freude und wahrer Andacht genieße, ob gleich ich meiner Natur gemäß, nicht überall zu frieden sein kann. Bis jezt war ich keine der fleißigsten Leserinnen, aber seid ich ihn selbst kenne lebt alles bey mir auf eine ganz andre Art in seinen Werken. Meine Nichte die überall darin zu Hause ist, soll mich den Winter noch oft durch vorlesen |4 erfreun, wenn sie und ich etwas geleistet haben, wofür wir uns selbst belohnen wollen. Mir bleibt zum Lesen nicht viel Zeit, weil ich, noch aus der alten Welt erzogen, immer gewöhnt ward, daß Lesen als Belohnung zu nehmen, wenn meine Hände was geschaft hatten, doch erfreute ich mich stets einer kleinen Nachsicht, wenn ich mir eine Stunde zu erobern wuste, und die ward denn freylich noch mehr als Eigenthum genossen. So lange ich mit Voß gelebt, (jezt 41 Jahr) war mir auch das Lesen weniger Bedürfniß, weil er mich immer bey allen was er vereint, mit hinein zu ziehen versteht, und alles so lebendig, und in die Haussprache umzusetzen weiß, daß ich selbst bey gelehrten Arbeiten, die mich gedruckt nie reitzen könnten sie in die Hand zu nehmen, mich täuschen lasse als ob ich alles verstünde. – Verzeihen Sie mir nun wenn ich zu viel gab, es solte ja ein Versuch sein, wie ich mir denke daß wir miteinander plaudern würden säßen wir beysammen, ich möchte deutlich wissen, ob Sie auch glauben daran haben daß wir für einander passen, sonst bekömmt der Mann einen Verweiß von uns beyden daß er es so bestimt gesagt. Den lieben Mann grüßen Sie herzlich von uns beyden und sich selbst und die lieben Kinder. Die liebe Emma schrieb mir so freundlich Auch meine Nichte will einen eignen Gruß bestellt wissen, zu den Heinrich neulich nicht Plaz fand. Mit herzlicher Anhänglichkeit Ihre

E. Voß.

Zitierhinweis

Von Ernestine Voß an Caroline Richter. Heidelberg, 16. August 1818, Sonntag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0306


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Dbl. 8°, 4 S.


Korrespondenz

A: Von Caroline Richter an Ernestine Voß. Bayreuth, 8. September 1818